Sepp Blatter ist noch immer ein gefragter Mann. Die ARD, die BBC, ein holländischer Fernsehsender, Radio Canada oder diverse Schweizer Medien interessieren sich für den früheren Fifa-Präsidenten (1998 bis 2015) vor dessen 90. Geburtstag. Und mit Kritik an seinem Nachfolger Gianni Infantino (55) hält er nicht zurück. «Er hat nun diese Macht und hat sie total missbraucht.»
Noch immer wohnt Blatter in Zürich, wo er ein reges Sozialleben führt. Er ist Ehrenpräsident der GC-Legenden, die sich regelmässig treffen, auch in den Restaurants ist er ein gerngesehener Gast. Gesundheitlich geht es ihm dem Alter und den Umständen entsprechend gut, aufgrund von Nierenproblemen muss er aber zweimal die Woche zur Dialyse.
Seinen 90. Geburtstag feiert er in seiner Walliser Heimat mit Tambouren und Pfeifer im engeren Kreis von Freunden und Familie. In seinem Geburtsort Visp hatte Blatter, der selbst ein Machtmensch war und von den Medien oft heftig kritisiert wurde, zeitlebens ein Heimspiel. Gut 80 Gäste sind im Hotel Elite in Visp eingeladen, darunter seine Tochter Corinne, deren Ehemann Dominik sowie Blatters Enkelin Selina. «Ich bin mit mir im Reinen», sagt Blatter.
Ein Rückblick auf sein Leben in neun Dekaden:
Kampf ums Überleben
Schon beim Start ins Leben zeigt sich Joseph «Sepp» Blatter als Kämpfer. Er kommt zwei Monate zu früh zur Welt, überlebt aber. Später sagt er, er habe das Naturell einer «zähen Schweizer Bergziege» entwickelt.
Loses Mundwerk
Blatter wächst während des Zweiten Weltkrieges mit seinem älteren Bruder Peter und den beiden jüngeren Geschwistern Ruth und Marco in einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater arbeitet als Werkmeister bei den Lonza-Werken und leistet Aktivdienst. Der eher schmächtige Sepp ist ein guter Schüler und ein gewiefter Redner. Zum Fussball kommt er aber erst zwei Jahre später.
Der zerrissene Vertrag
Blatter studiert in Lausanne Volkswirtschaftslehre und ist bei der Studentenverbindung «Helvetia» aktiv. Fussball spielt er beim FC Sierre, wo er es bis in die 1. Liga schafft. Ein Wechsel zu Lausanne kommt nicht zustande, weil Blatters Vater den Vertrag zerreisst mit der Begründung, dass er damit nie Geld verdienen würde.
Funktionär der ersten Stunde
Schon früh verschlägt es Blatter beruflich in die Welt der Sport-Funktionäre. Von 1964 bis 1966 ist er Zentralsekretär des Schweizerischen Eishockeyverbandes, danach Pressechef der Dachorganisation der Schweizer Sportverbände. 1968 wechselt er zum Uhrenhersteller Longines. Von 1970 bis 1975 sitzt er im Vorstand von Xamax.
Der Wechsel zur Fifa
Im Sommer 1975 wird Blatter auf Initiative des späteren Adidas-Vorstandsvorsitzenden Horst Dassler Direktor für Entwicklungsprogramme bei der Fifa – per Händedruck, wie Blatter später stets betont. Inzwischen ist er auch verheiratet mit seiner Jugendliebe Liliane, Tochter Corinne stammt aus dieser Ehe.
Im Schatten Havelanges
Unter Fifa-Präsident João Havelange arbeitet sich Blatter in der internen Hierarchie nach oben. 1981 wird er Generalsekretär. Auch im Schweizerischen Militär macht Blatter Karriere, absolviert 1400 Diensttage und schafft es bis zum Oberst. 1982 heiratet Blatter Barbara Käser, die Tochter von Helmut Käser, seines Vorgängers als Generalsekretär der Fifa.
Der Milliardendeal
1996 wird die Fifa, ein privater Verein nach Schweizer Recht, zum Milliarden-Imperium. Der TV-Vertrag für die WM 2002 und 2006 allein mit der Kirch-Gruppe spült der Fifa 2,8 Milliarden Franken in die Kassen und damit fast zehn Mal mehr als für die TV-Rechte für die drei vorherigen Weltmeisterschaften zusammen. «Sepp, du hast ein Monster erschaffen», ist ein von Havelange überliefertes Bonmot. Die Korruption hält Einzug im Weltverband.
Auf dem Gipfel der Macht
An seinem 70. Geburtstag ist Blatter auf dem Gipfel seiner Macht. Die WM in Deutschland steht vor der Tür, vier Jahre später ist Südafrika am Zug, womit Blatter sein Wahlversprechen einlöst und Afrika die erste WM schenkt. Seinen runden Geburtstag feiert er im Fifa-Büro am Zürichberg, wo er gegenüber SRF sagt: «Ich wünsche mir, dass die ganze Welt so glücklich ist oder werden kann, wie ich es bin.» Am Abend findet eine Gala mit 400 Gästen statt, unter ihnen auch Franz Beckenbauer.
Dem Tod von der Schippe gesprungen
Dass Blatter seinen 80. Geburtstag erlebt, ist keine Selbstverständlichkeit. Nach den turbulenten Tagen im Mai 2015, als vor dem Fifa-Kongress sieben hochrangige Funktionäre im Hotel Baur au Lac in Zürich im Auftrag der US-Justiz festgenommen werden, und Blatter zwar als Präsident wiedergewählt wird, vier Tage später aber zurücktritt und später von der Fifa gesperrt wird, erleidet er im November 2015 einen Schwächeanfall und kämpft 48 Stunden um sein Leben. Zu Blick sagt er im Rückblick zu seinem Abgang bei der Fifa: «Freunde sind nur wenige übrig geblieben.»,
Mit sich im Reinen
Noch immer wohnt Blatter in Zürich, pendelt aber regelmässig ins Wallis. Auf Reisen ins Ausland verzichtet er, der in seinem Leben mehr als 200 Länder bereist hat. Sein grösster Wunsch wäre, dass die Rechtsstreitigkeiten mit der Fifa beendet würden. Nachdem das Arbeitsgericht Zürich im August entschieden hat, dass Blatter und Markus Kattner ihre Boni für die WM 2010 in Südafrika nicht zurückzahlen müssen, hat die Fifa den Fall ans Obergericht weitergezogen. Blatter selbst sagt: «Ich bin mit mir im Reinen.»