Ana-Maria Crnogorcevic vor ihrem Nati-Jubiläum
«Ein toller Mensch, eine geile Fussballerin»

Ana-Maria Crnogorcevic ist die erfolgreichste Fussballerin mit Schweizer Pass. Am Sonntag gegen Neuseeland bestreitet die Berner Oberländerin ihr 150. Länderspiel.
Publiziert: 29.07.2023 um 00:04 Uhr
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Aktualisiert: 30.07.2023 um 14:25 Uhr
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Ana-Maria Crnogorcevic hat kroatische Wurzeln.
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Christian FinkbeinerFussballchef

«Ein toller Mensch, eine geile Fussballerin.» So beschreibt Caroline Abbé (35) ihre langjährige Nati-Kollegin, als Blick sie auf Ana-Maria Crnogorcevic (32) anspricht. «Sie hat fast alles gewonnen. Ihr fehlt nur noch etwas mit der Nati.» Crnogorcevic holt in der Schweiz und Deutschland den Cup, wird viermal spanische Meisterin und gewinnt dreimal die Champions League. 149 Länderspiele, 71 Tore, zwei EM- und zwei WM-Teilnahmen. Das Palmarès der Stürmerin aus Steffisburg BE ist eindrücklich.

Der ganz grosse Coup mit der Nati gelingt ihr trotz ihrer Tore aber nicht. Ein WM-Achtelfinal 2015 steht zu Buche. Letztlich ist das 0:1 gegen den Gastgeber Kanada aber vor allem eines: eine verpasste Chance. Und auch an der EM 2017 und 2022 gelingt der Nati der Exploit nicht. Nach der Vorrunde ist Endstation. In Neuseeland bietet sich Crnogorcevic nun die nächste Chance für den grossen Wurf. Am Sonntag in Dunedin gegen Neuseeland braucht es aber wohl einen Punkt, damit die Nati im Turnier verbleibt.

Auch in der Defensive wertvoll

Gerade an grossen Turnieren wird die Schweizer Rekordspielerin ihrem Status nicht immer gerecht. Womöglich wird von ihr aber auch zu viel erwartet. Oder ihre Leistung zu stark nur an Toren und Assists gemessen. «Ihre Rolle bei Standards ist gerade auch defensiv zentral im Nationalteam», sagt Marisa Wunderlin, bis Ende 2022 Assistenztrainerin der Nati.

Beim 0:0 gegen Norwegen köpfelt die Mittelstürmerin ein halbes Dutzend Bälle aus der Gefahrenzone. Crnogorcevic mache das Unspektakuläre richtig, sagt Wunderlin. Dies sei eine ihrer grössten Stärken. «Zudem hat sie den Torriecher und einen richtig guten Kopfball – sowohl offensiv als auch defensiv.»

Ihr Debüt in der Nati gibt Crnogorcevic im August 2009. Damals im Team ist auch die fast drei Jahre ältere Abbé. «Wir waren jung und unreif. Und haben ab und zu auch Scheisse gebaut», sagt die heutige Team-Managerin mit einem Lachen. Gegen Schweden ebenfalls mit dabei ist Noémie Beney, die Tante von Iman Beney (17).

Als sich das YB-Talent kurz vor der Abreise nach Neuseeland schwer am Knie verletzt, kümmert sich Crnogorcevic rührend um sie. Beim letzten Testspiel gegen Marokko hält sie das Trikot mit Beneys Namen während des Mannschaftsfotos.

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Über die Jahre gereift

Für Kim Kulig (33) ist das keine Überraschung. «Ana ist jetzt an einem Punkt, an dem sie junge Spielerinnen an die Hand nimmt.» Die neue Trainerin des FC Basel lernt die Nati-Rekordspielerin 2009 in Hamburg kennen. Später wohnen die beiden in Frankfurt zusammen in einer WG und stehen sich sehr nahe.

Individuelles Training

Ana-Maria Crnogorcevic (32) trainierte am Freitag nicht mit der Mannschaft. Da sie am Vormittag mit Magenproblemen zu kämpfen hatte, bestritt sie am Nachmittag ein individuelles im Kraftraum und auf dem Platz.

Ana-Maria Crnogorcevic (32) trainierte am Freitag nicht mit der Mannschaft. Da sie am Vormittag mit Magenproblemen zu kämpfen hatte, bestritt sie am Nachmittag ein individuelles im Kraftraum und auf dem Platz.

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Während Kulig ihre Karriere 2015 nach mehreren Verletzungen beenden muss, nimmt diejenige von Crnogorcevic so richtig Fahrt auf. «Sie hat extrem gute Karriereschritte gemacht», findet Kulig. Der Wechsel 2018 zu den Portland Thorns in die USA habe ihr gerade in Sachen Mentalität enorm viel geholfen. «Und bei Barcelona hat sie im technischen Bereich und beim Spielverständnis weitere Fortschritte gemacht.»

Sie hat etwas zu sagen

Auch neben dem Platz ist Crnogorcevic über all die Jahre gereift. Im Gespräch ist sie freundlich, witzig und eloquent. Und sie ist eine, die etwas zu sagen hat. Als sie in Frankfurt spielt, arbeitet sie zusätzlich bei einer Immobilien-Firma. «Ich hatte das Gefühl, sonst zu verblöden.»

Auch mit der Secondo-Frage, die vor allem in der Männer-Nati immer wieder aufflammt, kann sie nicht viel anfangen. «Wenn es läuft, ist alles gut, wenn es einmal nicht läuft, dann fällt dies schnell einmal auf die Secondos oder Ausländer zurück.» Crnogorcevics Eltern stammen aus Kroatien, sie selbst bezeichnet sich abgesehen von ihrem Temperament aber als typisch schweizerisch. Nati-Kollegin Noelle Maritz drückt es so aus: «Sie ist ein ziemlicher Bünzli.» Am Sonntag will Crnogorcevic mit der Nati in die WM-Achtelfinal einziehen – am liebsten mit einem Tor. Es wäre das 72.

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