Besuch im Pub
Auslandschweizer litten in London mit der Nati

Mitten in der jubelnden Millionenstadt London trauert eine Gruppe ausgewanderter Schweizer um das bittere Nati-Aus an der EM. Protokoll einer emotionalen Achterbahnfahrt.
Publiziert: 07.07.2024 um 11:00 Uhr
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Aktualisiert: 07.07.2024 um 14:02 Uhr
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Aus im Penaltyschiessen: Die Schweizer Fans in der Broadleaf Bar in London können es nicht fassen.

Die Situation erinnert an den berühmten Einstieg in die Asterix-Comics: Wir befinden uns im Jahr 2024. Ganz London ist von England-Fans besetzt. Ganz London? Nein! Ein von unbeugsamen Schweizern bevölkertes Pub hört nicht auf, den einheimischen Widerstand zu leisten. In der Broadleaf Bar, etwas nördlich der Tower Bridge, versammelt sich für den EM-Viertelfinal zwischen England und der Nati eine Gruppe von Auslandschweizern. Die «New Helvetic Society», wie sich der kulturelle Klub nennt, hat eingeladen. «Show your support with some red and white attire», forderten die Veranstalter im Voraus. Und tatsächlich, viele kreuzen in Rot und Weiss auf, tragen Trikots, bringen Fahnen und Schals.

Das Kontingent von 60 Tickets, das der von der Genferin Léonore Lavorel präsidierte Verein vom Pub zur Verfügung gestellt bekommen hat, ist im Nu vergriffen. Der EM-Hit gegen das Mutterland des Fussballs lässt keinen London-Schweizer kalt. Umso mehr, weil die Ausgangslage diesmal eine andere ist, als noch beim Italien-Match im Achtelfinal (2:0), den die «New Helvetic Society» ebenfalls schon zusammen geguckt hat. Jetzt bildet sie in der britischen Millionenmetropole ein Lager von kleinen Revoluzzern, umzingelt von passionierten Anhängern von Harry Kane, Jude Bellingham oder Phil Foden. Gallier-Vibes eben. Selbst in der gleichen Bar fiebern in anderen Ecken einheimische Fans mit.

SonntagsBlick ist mittendrin beim emotionalen EM-Abend in der Broadleaf Bar. Das Protokoll:

16.00 Uhr, London-Zeit: Eine Stunde vor Anpfiff. Aus den Metro-Stationen strömen immer mehr Fans, viele haben ein «Three Lions»-Shirt montiert. Die Stimmung? Sie ist ausgelassen. «Go England!», schreit eine Gruppe in die Kamera, als sie für SonntagsBlick posiert.

16.20 Uhr: Ralph (im Elvedi-Trikot), Anthon und Max (in einem FCB-Dress) gehören zu den ersten Schweizern in der Broadleaf Bar. Max sagt: «Wenn es ins Penaltyschiessen geht, sage ich: die Schweiz machts!»

16.39 Uhr: Der Kick-off naht. Die Nidwaldnerin Barbara, die extra zwei Stunden aus Norwich angereist ist, tippt: «Wenn wir von Anfang an Druck machen können, gewinnen wir. Und zwar 3:2.» Und der Langenthaler Marc, der seit 26 Jahren in London lebt und langjähriges «New Helvetic Society»-Mitglied ist, zeigt sich ebenfalls optimistisch: «2:1. Und ich glaube, wir brauchen heute noch Shaqiri.»

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17.00 Uhr: Der Ball rollt. Und in der Bar wird es auf einen Schlag lauter. Zwischen zwei riesigen TV-Bildschirmen bringen die Schweizer ein Plakat an, mit der scherzhaften Aufschrift «Even Shakespeare would struggle to write a win for u». Zu Deutsch: «Sogar Shakespeare hätte Mühe, für euch ein Sieg(-Gedicht, d. Red.) zu schreiben.»

17.32 Uhr: Immer noch 0:0. Schär sieht nach einem Zweikampf mit Bellingham Gelb. Es ist der erste richtige Aufreger im Pub, die Schweizer Fans verwerfen die Hände.

17.42 Uhr: Nicht viel los auf dem Platz. Also übernehmen die Fans die Gesänge, die aus dem TV zu hören sind: «Allez, allez, Schwiizer Nati!» Die England-Anhänger in der Ecke reagieren prompt, schreien «Boring, boring!» (Langweilig, d. Red.)

18.12 Uhr: Kopfballchance Embolo in der 57. Minute. Geht jetzt der berühmte Ruck durch die Mannschaft? In der Bar wird’s jedenfalls immer heiterer.

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18.30 Uhr: Tooor! Embolo stochert den Ball zum 1:0 für die Schweiz ins Tor. Und im Pub bricht der Wahnsinn aus. Minutenlanger Jubel. Familien, Freunde, Fremde – alle liegen sich in den Armen.

18.35 Uhr: Ein Stich ins Schweizer Herz. England gleicht durch Saka aus – und im Schweizer Lager wirds mucksmäuschenstill. Derweil spürt sich die kleine Gruppe Engländer in der Ecke gar nicht mehr, wirft sogar ein Bierglas durch den Raum. Kopfschütteln auf helvetischer Seite.

18.49 Uhr: Es kommt zur Verlängerung. Max ist guter Dinge: «In der zweiten Halbzeit waren wir klar besser.»

19.10 Uhr: Es steht auch in der 105. Minute weiter 1:1. Die Partie entwickelt sich zum Nervenkrimi, schlimmer, als wie wenn Agatha Christie und Alfred Hitchcock eine Kooperation gestartet hätten.

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19.16 Uhr: Joker Shaqiri wird eingewechselt. Jubel brandet durch den Raum. Besonders Marc freut sich, er hats ja schon lange gesagt.

19.23 Uhr: Uff. Shaqiri ballert einen Eckball ans Lattenkreuz. Wenig später wird das Penaltyschiessen Tatsache ...

19.34 Uhr: Das Drama nimmt seinen Lauf. Akanji scheitert mit seinem Schuss an Goalie Pickford. Die Schweizer Fans sacken zusammen, vergraben das Gesicht in ihren Händen.

19.40 Uhr: That's it! Alexander-Arnold besiegelt mit dem fünften England-Elfer das bittere Nati-Aus. Verkehrte Welt in London. In der ganzen Stadt wird gejubelt, nur nicht hier. Bei der «New Helvetic Society» gibts lange Gesichter. Aber Marc nimmts dann doch noch sportlich: «Wir sind trotzdem stolz auf unsere Nati! Es ist einfach schön, dass hier heute 60 Leute einen spannenden Abend hatten. Normalerweise gehen wir ins Theater oder an ein Konzert. Heute hat uns die Nati Freude bereitet – trotz allem.»

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