Ist das bitter. Da steht der FC Aarau wenige Minuten vor der Verlängerung in diesem Cup-Achtelfinal gegen den FC Sion. Und dann entscheidet ein Tor die Partie, das in einem anderen Stadion vielleicht nicht gezählt hätte. Grund: Die TV-Bilder zeigen, dass Noé Sow vermutlich im Abseits steht, als er Winsley Boteli den Ball zum Siegtreffer zuspielt.
Warum das nicht in Ruhe vom Video-Assistenten überprüft wird? Weil das Brügglifeld als Challenge-League-Stadion nicht ausgerüstet ist für den VAR. Da sind keine Glasfaserkabel gezogen nach Volketswil. Es gilt, was Assistentin Susanne Küng anzeigt. Und vielleicht hat sie ja Recht. Man wird es nie wissen.
Klar ist dagegen, dass die Cup-Reise des FCA zu Ende ist. Und das ist trotz des dramatischen Endes nicht unverdient. Weil das unterklassige Team erst in der Schlussphase den Mut zum Angriff findet. Und weil es ein Sittener Geschenk braucht, um überhaupt den Weg zum Tor zu finden.
Eine Stunde lang ist das Geschehen auf dem Brügglifeld weniger dramatisch als ein Weihnachtssingen im Kindsgi. Bis der FC Sion genug hat von diesem unfassbar ungefährlichen FC Aarau. Und sich darum den Ball kurz entschlossen gleich selbst ins eigene Tor legt.
Schlechte Kopfballrückgabe, schwacher Befreiungsschlag – und am Ende ein Eigentor, bei dem Kreshnik Hajrizi vollen Einsatz gibt, um dem Ball die entscheidende Richtungsänderung mitzugeben. Ein kleines Adventsgeschenk zur Unzeit.
Fünf Minuten vorher hat sich Brunello Iacopetta theatralisch auf die Brust geklopft. Das Zeichen des Aarau-Trainers an seine Spieler, doch endlich mit etwas mehr Selbstbewusstsein aufzutreten. Nichts ist zu sehen von jenem FC Aarau, der im September noch die Young Boys aus dem Cup geworfen hat.
Aber damals lief das Spiel ideal für das Team aus der Challenge League. Die Führung nach 100 Sekunden. Danach Abwehrarbeit und Konter. Die Sittener vermeiden diesen Berner Fehler. Stattdessen setzen sie das erste Ausrufezeichen. Doppelpass zwischen Ilyas Chouaref und Baltazar. Chouaref trifft herrlich mit dem Aussenrist. Keine 15 Minuten sind gespielt, da führt Sion. Und schaut danach mal, was denn die Gastgeber so zu bieten haben.
Und das ist insgesamt zu wenig, um in den Viertelfinal einzuziehen. Die Aarauer werden es verschmerzen. Für sie ist in dieser Saison der Aufstieg in die Super League viel wichtiger. Und der FC Sion kann immer noch davon träumen, zehn Jahre nach dem letzten Triumph die im Wallis beliebteste Fussballtrophäe dieser Welt in die Höhe zu stemmen: den Schweizer Cup.
14. Minute, Ilyas Chouaref, 0:1. Nach einem schnellen Doppelpass mit Baltazar kommt der Malteser an der Ecke des Fünf-Meter-Raums von links zum Abschluss. Er haut den Ball humorlos in die nahe Ecke.
61. Minute, Kreshnik Hajrizi (Eigentor), 1:1. Kabacalman bringt Lavanchy mit einem Kopfball-Rückpass in Bedrängnis. Dessen Befreiungsschlag blockt Fazliu zu Teamkollege Filet im Strafraum. Der Franzose passt vors Tor, wo Hajrizi den Ball ins eigene Tor grätscht. Slapstick pur.
82. Minute, Winsley Boteli, 1:2. Nach einem langen Pass von Hefti legt Sow aus abseitsverdächtiger Position per Kopf ab auf Boteli. Der Joker trifft nur eine Minute nach seiner Einwechslung.
97. Minute, Winsley Boteli, 1:3. Nach einem Konter in der Nachspielzeit sticht Boteli ein zweites Mal. Lukembila legt rüber, sodass der Schweizer U21-Nati-Spieler nur noch ins leere Tor einzuschieben braucht.
Siegtorschütze Winsley Boteli: «Manchmal ist es schwer, eingewechselt zu werden. Aber heute habe ich mit dem Selbstvertrauen eines Stürmers die Tore gemacht. Der Cup ist sehr wichtig für den FC Sion, das hat mir der Präsident (Christian Constantin, d. Red.) schon erklärt.»
FCA-Goalie Marvin Hübel: «Es ist ärgerlich, sie hatten nicht viele Chancen. Wir hatten es eigentlich ganz gut im Griff, vor allem hinten. Sie haben es aber gut gemacht – kein spektakulärer Match, aber ein sehr solider. Sie haben es uns schwer gemacht, vor allem vor ihrem Tor. Es ist bitter, haben wir keinen VAR. Aber die Schiris geben auch ihr Bestes.»
Baltazar ist wieder der Dreh- und Angelpunkt, Aggressivleader und Energiespieler wie letzte Saison. Bereitet das 1:0 vor. Weckt sein Team aus der Lethargie.
Totalaussetzer von Kreshnik Hajrizi. Welcher Teufel der totalen Desorientierung reitet den kosovarischen Nationalspieler aus Sierre in diesen Bal zu grätschen?
Natürlich Botelis Siegtor. War das nun Abseits oder nicht? Dass der spätere Torschütze Boteli beim langen Pass von Hefti Offside stand, spielt keine Rolle, denn er kommt nicht an den Ball. Und als er trifft, ist es eine neue Situation. Aber Sow, zu dem der Ball dann kommt und der für Boteli vorlegt? Wahrscheinlich steht er hauchdünn im Abseits. Aber das Spiel ist VAR-los.
Sandro Schärer macht einen guten Job. Er schätzt die meisten heiklen Situationen richtig ein. Beim Sittener Tor entscheidet Assistentin Susanne Küng nicht auf Offside. War aber auch extrem schwierig zu sehen.
5474 sind im Brügglifeld. Nicht die ganz grosse Zahl. Aber es ist ein Spiel unter der Woche. Um 20.30 Uhr. In einer tiefen, dunklen Dezembernacht. Bei rund null Grad. Diese Cupansetzungen sind halt unglücklich. Und doch: Es feiern über 300 Walliserinnen und Walliser den Viertelfinal-Einzug ihrer Lieblinge vor Ort.
Der FC Sion empfängt am Sonntag YB im Tourbillon (16.30 Uhr). Der Challenge-League-Zweite Aarau spielt am selben Tag bereits um 14 Uhr auswärts gegen Yverdon.





