Darum gehts
- Immer mehr Stellensuchende, immer weniger Jobs
- Social Media und «Easy Apply» sorgen für Massen unpassender Schreiben
- Die Interiman-Gruppe erhielt rund eine Million Anfragen
Nach offiziellen Zahlen des Bundes stieg die Arbeitslosigkeit Ende Jahr auf 3,1 Prozent. Insgesamt sind bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) 147’275 Stellensuchende gemeldet – damit ist wieder das Niveau der Corona-Pandemie erreicht. Parallel nahmen die Zahlen von Kurzarbeitenden und Ausgesteuerten zu.
All das verändert die Dynamik des Schweizer Arbeitsmarkts. «Die Zahl der Bewerbungen ist hoch, während viele Unternehmen bei Neueinstellungen vorsichtiger geworden sind», sagt Yves Schneuwly, Chief Digital und Marketing Officer bei der Interiman-Gruppe, einer Westschweizer Personalberatungsfirma. Die Arbeitssuchenden hätten ihr Verhalten geändert: Mehr als noch vor einigen Jahren bewerben sie sich aktiv um eine Festanstellung, sagt Schneuwly. «Viele Kandidatinnen und Kandidaten sind spürbar stärker im Markt unterwegs.»
Unternehmen und Personalvermittler wie die Interiman-Gruppe werden von Bewerbungen überschwemmt. «Wir erhalten rund eine Million Bewerbungen pro Jahr», sagt Schneuwly. Die Gruppe verwaltet derzeit zwischen 600’000 und 650’000 Profile, die weniger als zwei Jahre alt sind. Das entspreche rund 13 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung der Schweiz.
Unter der Flut der Arbeitswilligen leiden auch die Unternehmen: Stellensuchende bewerben sich häufiger direkt – und oftmals blind. Die Personalchefin eines grossen Schweizer Finanzunternehmens sagt im vertraulichen Gespräch, dass ihre Abteilung Tausende Bewerbungen pro Monat erhält. Die Zahl der Dossiers habe sich innerhalb eines Jahres verdoppelt.
Social Media löst Bewerbungswelle aus
Nicht nur die Menge der Bewerbungen nimmt massiv zu – sie treffen auch innerhalb kürzerer Zeit ein. «Wenn wir zum Beispiel eine attraktive Stelle im Branding-Bereich ausschreiben, erhalten wir innerhalb von 24 Stunden über 100 Bewerbungen», sagt Sebastian Pötz, Geschäftsführer des Personalberatungsunternehmens Humanis in Zürich. Was dazu führt, dass er Inserate zum Teil bereits nach wenigen Tagen wieder vom Netz nehmen kann.
Den entscheidenden Unterschied jedoch macht offenbar der Einstieg von Social-Media-Plattformen ins Stellenvermittlungsgeschäft. Funktionen wie «Easy Apply» von Linkedin haben den Bewerbungsprozess vereinfacht, indem sie es Nutzern ermöglichen, sich mit wenigen Klicks auf Stellen zu bewerben, statt umfangreiche Formulare ausfüllen zu müssen. «Das hat eine Flut von Bewerbungen ausgelöst», sagt Pötz.
Was allerdings auch ein Problem sei: Dadurch würden zunehmend Bewerbungen eingereicht, die nicht zum Jobprofil passen, sagt Plötz. Und nicht nur Jobsuchende – die vom RAV verpflichtet sind, sich zu bewerben – nutzen diese Werkzeuge. Auch viele Festangestellte bewerben sich demnach mit wenigen Klicks auf eine Stelle. «Die Wechselbereitschaft der Mitarbeiter hat in den letzten Jahren merklich zugenommen», konstatiert Sebastian Pötz von Humanis.
«Das Pendel schlägt zurück»
Die Veränderung erfolgt rasant. Die Schweiz sehe sich nach der Pandemie vom wirtschaftlichen Erfolg verwöhnt, sagt Marius Osterfeld, Leiter Ökonomie und Politik beim Verband Swissstaffing, der die Personalvermittler- und Temporärbranche vertritt. Und: Nach einer aussergewöhnlichen Arbeitskräfteknappheit in den Jahren 2022 und 2023 schlage das Pendel nun zurück.
Die globale Abkühlung, der US-Zollschock, die Rezession in Deutschland sowie die Produktivitätsgewinne durch KI belasteten den Schweizer Arbeitsmarkt. «Das aktuelle Wachstum reicht nicht, um dem Arbeitsmarkt positive Impulse zu geben – obwohl aufgrund der Demografie mehr Menschen den Arbeitsmarkt verlassen als eintreten», sagt Osterfeld.
Die Entwicklung der Temporärbranche geht jener in der Wirtschaft und dem Arbeitsmarkt voraus. Laut Osterfeld hat die Branche die Abkühlung in den vergangenen zwei Jahren deutlich gespürt. Der Branchenindex von Swissstaffing hat dabei am stärksten nach unten ausgeschlagen. «Die aktuelle Entwicklung unserer Branche deutet auf einen weiteren Abschwung hin», sagt er. Positive Impulse gebe es im Allgemeinen nur wenige.