Darum gehts
- Maria T. erhält vier zusätzliche Monatsrenten von der Pensionskasse
- Erträge des Anlagejahrs 2025 sind sehr unterschiedlich verteilt
- 2025 zahlte die Sulzer-Kasse 13 Prozent Zinsen, Swiss Life nur 1,75 Prozent
Vier zusätzliche Monatsrenten erhält Maria T.* auf ihr Konto überwiesen. Im Schreiben der Pensionskasse ihres verstorbenen Mannes steht es nüchtern, fast beiläufig: «Es werden vier Zusatzrenten zulasten des Versicherungsjahres 2025 ausbezahlt.» Ausschlaggebend sei die solide finanzielle Lage der Gemeinschaftsstiftung. Die Gelder werden Ende Januar 2026 ausbezahlt. Für Maria T. bedeuten die Zusatzrenten eine spürbare finanzielle Aufbesserung – ein Plus von 33 Prozent.
Ihr Mann arbeitete fast sein ganzes Berufsleben bei Zellweger Uster, einem Industrie- und Elektronikkonzern, der vor Jahren zerschlagen wurde. Auf dem einst weitläufigen Firmenareal in Uster ZH haben sich heute unzählige KMU eingemietet, es entstanden Wohnbauten von Herzog & de Meuron, ins gläserne Verwaltungsgebäude zog die Kantonspolizei, und neben den ehemaligen Produktionshallen errichtete die Bechtler Stiftung ein Museum für zeitgenössische Kunst. Die Stiftung wurde von Walter A. Bechtler gegründet, der den Konzern massgeblich formte – der jedoch unter seinem kunstaffinen Nachwuchs, den Brüdern Thomas und Ruedi Bechtler, zerbrach.
Geblieben ist die Pensionskasse. Und sie ist ungewöhnlich gut gefüllt.
Die Vorsorgeeinrichtung von Zellweger ist heute eine sogenannte Rentnerkasse: Es gibt keine aktiv Versicherten mehr, nur noch Rentenbezüger. Das angesammelte Kapital muss nicht für künftige Rentenversprechen geschont werden – Überschüsse fliessen direkt an die Pensionierten. In guten Anlagejahren ermöglicht das nicht nur Pensionserhöhungen, sondern auch Zusatzrenten. Weil das Geld auf immer weniger Rentner verteilt werden muss, gibt es seit einigen Jahren jeweils eine 13. oder eine 14. Rente. Im Jahr 2025 nun also gleich vier zusätzliche Renten.
Solche Kassen sind rar. Eine weitere bekannte Ausnahme ist die Pensionskasse der ehemaligen Swissair-Angestellten. Die Allgemeine Pensionskasse der SAirGroup (APK) konnte 2024 sechs zusätzliche Monatsrenten auszahlen. Auch 2025 dürfte es wieder sechs Zusatzrenten geben. Offiziell äussern will sich der Stiftungsrat dazu nicht und verweist auf den Geschäftsbericht, der noch nicht veröffentlicht ist.
Grosse Unterschiede bei der Verzinsung
Wer als Pensionierter einer Rentnerkasse angeschlossen ist, ist ein Glückspilz – ein Jackpot-Gewinner im Schweizer Vorsorgesystem. Die Realität für die grosse Mehrheit sieht anders aus. Die meisten Pensionskassen beschränken sich auf das Minimum. Selbst in starken Börsenjahren wie den vergangenen zwei Jahren werden Altersguthaben oft nur bescheiden verzinst.
Wie stark die zweite Säule auseinanderdriftet, zeigt ein Blick auf die Verzinsung der Altersguthaben im vergangenen Jahr. Der gesetzliche BVG-Mindestzinssatz lag für 2025 bei 1,25 Prozent. Der Lebensversicherer Swiss Life etwa verzinste die Sparkapitalien im letzten Jahr mit einem Satz von 1,75 Prozent. In der Sammelstiftung sind über 260’000 Versicherte aus 34’000 Betrieben angeschlossen. Ihnen serviert der Swiss-Life-Konzern dürres Knäckebrot.
Eine reichhaltigere Tafel tischen professionell verwaltete Firmenkassen auf: Die Migros-Pensionskasse etwa verzinste die Sparkapitalien 2025 mit 7,5 Prozent – sie gilt als eine der besten Vorsorgeeinrichtungen der Schweiz. Auch bei der Pensionskasse der UBS gab es 7,5 Prozent Zins. Noch besser war die Sulzer Vorsorgeeinrichtung (SVE), die einen Zins von 13 Prozent bieten konnte.
Die Verzinsung ist ein entscheidender Faktor, der sich direkt auf die künftige Rente auswirkt. Ein Rechenbeispiel: Wer über 30 Jahre hinweg ein Altersguthaben von durchschnittlich 200’000 Franken mit 1,25 Prozent verzinst erhält, kommt auf rund 290’000 Franken. Bei 3 Prozent sind es bereits rund 485’000 Franken – und bei 5 Prozent schon 865’000 Franken. Die Differenz von mehreren hunderttausend Franken entscheidet im Ruhestand über mehrere hundert Franken Rente pro Monat – lebenslang.
Klar, die Verzinsung ist nicht alles. Ebenfalls wichtig für die Höhe der Rente ist der sogenannte Umwandlungssatz, durch den das angesparte Vorsorgekapital zum Zeitpunkt der Pensionierung geteilt wird. Gesetzlich vorgeschrieben ist ein Umwandlungssatz von 6,8 Prozent – dieser gilt allerdings nur für den obligatorischen Bereich, der oftmals nur ein Teil des versicherten Lohns abdeckt. Im überobligatorischen Bereich sind die Kassen frei. Dort kamen die Sätze in den letzten Jahren massiv ins Rutschen. Sie liegen zum Teil deutlich unter 5 Prozent.
Doch auch hier gibt es Ausnahmen: Die Pensionskasse des Gastropersonals bietet ihren Versicherten im Überobligatorium einen Umwandlungssatz von 6,5 Prozent an, nur leicht unter dem obligatorischen Satz. Die Kasse straft damit all jene Versicherungslobbyisten Lügen, die nicht müde werden zu behaupten, Umwandlungssätze müssten wegen der Überalterung stark gesenkt werden. Hinzu kommt: Auch Gastrosocial – so heisst die Kasse des Service- und Küchenpersonals – konnte die Sparkapitalien 2025 mit attraktiven 5,5 Prozent verzinsen, was ebenfalls überdurchschnittlich ist.
Arbeitgeber als Schicksalsfaktor
Die Höhe der späteren Rente hängt immer weniger von der eigenen Sparleistung ab – und immer stärker vom Arbeitgeber. Wer zufällig bei einem Unternehmen mit einer professionell verwalteten, gut kapitalisierten Kasse beschäftigt war, profitiert im Alter von Rentenerhöhungen und Zusatzrenten, wenn er Glück hat. Wer sein Berufsleben lang in eine Durchschnittskasse einzahlt, die nur das umsetzt, was PK-Berater empfehlen, erhält das Minimum.
Die zweite Säule wurde als robuste, faire Sozialversicherung geplant. Inzwischen ist sie zu einem Patchwork aus Gewinnern und Verlierern geworden. Transparenz fehlt, Vergleichbarkeit ebenso. Vielen Versicherten wird erst kurz vor der Pensionierung wirklich bewusst, wie wenig sie erhalten nach Jahrzehnten des Sparens.
Maria T. muss das nicht mehr kümmern. Auch der Neid, der Pensionärinnen wie ihr entgegenschlägt. Skandalös sind aber nicht ihre Zusatzrenten, sondern das System, das solche riesigen Unterschiede produziert – und die zweite Säule zu dem gemacht hat, was sie heute ist: eine Lotterie, ein Unsozialwerk.
* Name bekannt