«Als ich reingekommen bin, habe ich das Blut gerochen»
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Nachbar erinnert sich an 1.Tat:«Als ich reingekommen bin, habe ich das Blut gerochen»

Jahrelang rätselte die Schweiz über den Therapeutinnen-Mord im Zürcher Seefeld
Jetzt steht der Mystery-Mörder vor Gericht

Ein rätselhafter Mord erschüttert 2010 das Zürcher Seefeld. Genau fünf Jahre später findet in Laupen BE ein brutaler Doppelmord statt. Die mysteriösen Verbrechen werden erst Jahre später aufgeklärt. Am Dienstag steht der mutmassliche Täter in Zürich vor Gericht.
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Die Psychoanalytikerin Ana Maria M. (†56) wurde am 15. Dezember 2010 in ihrer Praxis im Zürcher Seefeld erstochen.
Foto: Zvg

Darum gehts

  • Mutmasslicher Täter steht wegen mehrfachen Mordes in Zürich vor Gericht
  • Identische DNA-Spuren an beiden Tatorten führten zur Festnahme
  • Drei Morde in Zürich und Bern, fünf Jahre auseinander am 15. Dezember
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
02.12.2025, 17:48 Uhr

Unterbruch des Prozesses bis Donnerstag

Nach der emotionalen Aussage des Ehemannes unterbricht der vorsitzende Richter die Verhandlung. Am Donnerstag um 08.30 Uhr geht der Prozess weiter. 

02.12.2025, 17:36 Uhr

Witwer des Opfers: 1940 hätte man ihn geköpft

Zum Schluss der Verhandlung spricht der Witwer der ermordeten Psychotherapeutin. «Der Mann hat uns unvorstellbares Leid zugefügt. Er suchte sich ein schwaches Opfer aus, eine Frau. Und er gibt es nicht zu. Er kann so auch nicht bereuen, was er getan hat.» Die Stimme des Witwers zittert, als er spricht. «Soll man einen solchen Täter wieder sozialisieren? Oder soll man die Gesellschaft vor ihm schützen? Für mich ist das klar.. Wir werden den Sinn und Zweck der unsäglichen Tat nie verstehen.»

Dann wird der Senior ernst: «1940 hatte die Schweiz noch die Todesstrafe. Damals wurde ein Mann mit der Guillotine geköpft, der ebenfalls drei Menschen getötet hatte. Für die Hinterbliebenen ist klar, der Mann muss für immer eingesperrt werden, damit mögliche Täter abgeschreckt werden.» 

02.12.2025, 17:12 Uhr

Wende brachte eine neue Berner Sachbearbeiterin

Der Opferanwalt der Angehörigen der getöteten Physiotherapeutin erwähnt lobend die Frau, die schliesslich bei den Ermittlungen den Durchbruch erreichte: «Erst eine frisch eingestellte Sachbearbeiterin in Bern brachte die Wende. Sie fand den Missing Link. Sie nahm sich dem Fall intensiv an und kam auf den Beschuldigten. Sie sah als erste, dass er sowohl unmittelbarer Nachbar der beiden Opfer in Laupen als auch Patient des Opfers in Zürich war. Lange gelang der Link nicht, weil der Beschuldigte zwar zum Massen-DNA-Test in Zürich musste, aber sein Abstrich erzeugte ein anderes Muster. Wie er das schaffte, wissen die Behörden noch immer nicht.»

02.12.2025, 17:03 Uhr

Opferanwalt der Zürcher Familie spricht

Der Anwalt der Angehörigen sagt, dass er dem Opfer in Zürich ein Gesicht geben will. «Ana Maria M. war eine sehr kreative und fröhliche Frau, Mutter von zwei Töchtern, Ehefrau, Ärztin, Therapeutin. Die Familie wurde durch den Mord nachhaltig geschädigt. Lange hatten die Angehörigen Angst, vielleicht auch noch in den Fokus eines Psychopathen zu geraten.. Sogar der Ehemann wurde zeitweise verdächtigt.»

02.12.2025, 16:28 Uhr

Motiv unklar

Warum der Beschuldigte die brutalen Attacken durchgeführt hatte, bleibt für den Staatsanwalt ein Rätsel, sagt er. «Das Motiv ist komplett unklar. Er hat die Handtasche ausgeschüttet, aber nichts geklaut. Wollte er Diebstahl vortäuschen? War es pure Mordlust? Wollte er einfach verhindern, dass die Opfer gegen ihn aussagen können? Also Elimination? Das weiss nur der Täter. Für uns wird das für immer ein Rätsel sein.» 

02.12.2025, 16:20 Uhr

DNA-Spuren an der Matratzenunterseite

«Beim Tatort in Laupen haben die Ermittler sogar DNA des Beschuldigten an der Matratzenunterseite gefunden», sagt der Staatsanwalt. «Das deutet darauf, dass er unter dem Bett nach Geld gesucht hat. Auf dem Bett hat man eine Blutspur in der Form eines Hammers gefunden, das könnte die Tatwaffe gewesen sein. Er hat dem Mann 17 Mal, und der Frau 13 Mal mit einem Spalthammer oder einem Beil auf den Kopf geschlagen.»

02.12.2025, 16:13 Uhr

Erfolgloser Fesselversuch

«In Zürich hat der Beschuldigte versucht, sein Opfer zu fesseln», sagt der Staatsanwalt. «Das zeigt der präparierte Kabelbinder, der DNA des Beschuldigten und des Opfers enthielt. Als das nicht gelang, packte er ein Messer aus mit einer 18 Zentimeter langen Klinge aus.. Er stach auf die Frau in den Rücken ein. Vermutlich lag sie am Boden. Er hat den Stich mit grosser Kraft ausgeführt. 14 Mal. Wer so zusticht, will den Tod mit aller Konsequenz», sagt der Staatsanwalt. «Bei vier der Stiche wären jeder einzelne für sich allein tödlich gewesen.»

02.12.2025, 16:00 Uhr

Schuhspuren am Tatort

Als wichtiges Indiz in der Beweiskette sieht der Staatsanwalt auch die Schuhspuren am Tatort in Laupen. «Der Schuh war ein Memphis One, genau das Modell war auf einem Bild des Beschuldigten auf Instagram zu sehen», sagt der Staatsanwalt. «Die Marke war im Blut am Tatort zu lesen», fügt er an.

02.12.2025, 15:43 Uhr

Staatsanwalt widerlegt Erklärung der Verteidigung

Der Staatsanwalt geht jetzt auf die Erklärung der Verteidigung für die DNA-Spuren an beiden Tatorten ein. «Der Beschuldigte ist der einzige Mensch, dessen DNA an den beiden Tatorten gleichzeitig gefunden wurde. Die Erklärung der Verteidigung, dass der Beschuldigte mit den Opfern einzelne Male Kontakt hatte, reicht nicht für so eine so umfassende Spur», sagt der Staatsanwalt. Auch die Hautkrankheit, die die Verteidigung als mögliche Quelle der Spuren durch starke Schuppenbildung erwähnt hatte, lässt der Staatsanwalt nicht gelten. «Wenn ich die Bilder auf Google mit der Haut des Beschuldigten vergleiche, sehe ich keine Ähnlichkeit.»

02.12.2025, 15:20 Uhr

Zahlreiche Beweise der Staatsanwaltschaft

«Staatsanwaltschaft hat zahlreiche Beweise, dass der Beschuldigte nicht nur am Tatort gewesen ist, sondern auch die Tat begangen hat», sagt der Staatsanwalt. So zum Beispiel die DNA-Spuren des Beschuldigten an den beiden Tatorten. In Zürich war das an der Veranda, am Türgriff, an den Hosen, Ärmel, Fingerring und Pullover des Opfers. In Laupen fanden die Ermittler die DNA des Beschuldigten an mehreren Stellen im Auto, das er nach der Tat für die Flucht benutzt hatte. Dann hatte es Spuren am Hosenbein des getöteten Mannes und an dessen Lederjacke. «Dass es an der getöteten Frau keine Spuren hatte, ist klar, sie war von ihrem eigenen Blut komplett bedeckt, da kann man keine fremde DNA mehr finden», erklärt der Staatsanwalt.

Die Psychoanalytikerin Ana Maria M. wird am 15. Dezember 2010 in Zürich erstochen. Genau fünf Jahre später, am 15. Dezember 2015, werden in Laupen bei Bern Georg und Gerda S. brutal getötet. Lange tappten die Ermittler im Dunkeln.

Am Dienstag kommt nun der mutmassliche Täter Javier Andrés S.* (47) vor Gericht. Der Spanier muss sich vor dem Zürcher Bezirksgericht wegen mehrfachen Mordes verantworten. Bei allen drei Tötungsdelikten spricht die Zürcher Staatsanwaltschaft von einem regelrechten «Overkill». Er habe die Tötungen «mit grösster Brutalität zu Ende» geführt.

Das Blutbad in Zürich

Javier Andrés S. war kurz, für zwei Sitzungen, bei Ana Maria M. in Behandlung. Er ging nur zweimal, weil seine Krankenkasse die Behandlung nicht übernahm. Gemäss Anklageschrift plante er am Tag der Tat, in die Praxis seiner Therapeutin einzubrechen, um dort nach Wertsachen und Geld zu suchen. Er führte Kabelbinder und ein Messer unbekannter Grösse mit.

Am Abend betrat der Mann die Räumlichkeiten im Zürcher Seefeld. Er drückte zuvor sein Ohr gegen die Eingangstür, hörte nichts und ging hinein. Er traf auf M., die sich wohl unerwartet heftig wehrte. Es kam zu einem Handgemenge. Die Anklage beschreibt Würgemale, Blutungen unter der Bindehaut und Hämatome am Hals der Therapeutin. Ana Maria M. wurde zu Boden gedrückt. Danach stach der Beschuldigte vierzehnmal in ihren Rücken und den Hals. Sie verblutete. «Als ich ins Haus kam, roch es nach Blut – wie in einer Metzgerei», berichtete später ein Anwohner gegenüber Blick.

Der Doppelmord in Bern

Im Jahr 2013 zog S. in den Kanton Bern um. Im Mai 2015 war der Mann wegen Depressionen und Suizidgedanken stationär in Behandlung. Dort sei er entwichen und nach Laupen in seine damalige Wohnung zurückgekehrt. Laut Anklage entschied er in den folgenden Monaten, das Ehepaar aus seiner unmittelbaren Nachbarschaft zu überfallen. Am Abend des 15. Dezember 2015 soll er in ihr Haus eingedrungen sein. Das Paar kam nach Hause und stellte ihn.

Vorgeworfen wird ihm, zunächst mit einem spitzen Gegenstand auf Gesicht und Körper von Gerda S. eingestochen zu haben. Anschliessend schlug er mit einem «hammerähnlichen Werkzeug» auf beide ein. Danach soll er die schwer verletzten Eheleute die Kellertreppe hinuntergezogen haben, wo sie ihren massiven Verletzungen erlagen. Nebst der Absicht, sich zu bereichern, nennt die Anklageschrift als mögliches Motiv, die Angst, von den Opfern erkannt zu werden.

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Anschliessend soll er den Autoschlüssel des Peugeots von Gerda S. genommen und den Wagen nach Bern gefahren haben. Ohne Fahrausweis, dieser war ihm zuvor entzogen worden. Er stellte das Auto ab und tauchte unter. Beide Fälle beschäftigten die Schweiz.

Identische DNA an beiden Tatorten

In der Praxis von Ana Maria M. wurden nach der Tötung DNA-Spuren gefunden. Die Spur führte zunächst ins Leere, obschon erstmals in der Schweizer Kriminalgeschichte einen DNA-Massentest angeordnet wurde. Die Polizei liess von 400 Männern Proben nehmen, doch es gab zunächst keinen Fahndungserfolg.

Neue Ermittlungsansätze, die von der Polizei nicht näher erklärt wurden, wiesen später auf einen Mann mit Wohnsitz in Spanien. Am 29. Januar 2024 wurde Javier Andrés S. in Genf verhaftet, als er in die Schweiz einreisen wollte.

Abschluss eines Rätsels

Jetzt, fast 15 Jahre nach der ersten Tat, steht der mutmassliche Täter vor Gericht. Der Prozess könnte einen der rätselhaftesten Kriminalfälle der Schweiz abschliessen. Das beantragte Strafmass will die Staatsanwaltschaft erst am Prozesstag bekannt geben.

Für den Spanier, der nicht geständig ist, gilt die Unschuldsvermutung. Auf Anfrage von Blick wollte sich seine Verteidigung nicht zu den Vorwürfen äussern.

*Name geändert 

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