In Lutry kippt die Trauer in Wut
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Marsch für Opfer von Crans:In Lutry kippt die Trauer in Wut

Inferno-Opfer A. (†18) stirbt nach Infektion mit gefährlichem Spitalkeim – Experte warnt
«Bakterien können sich tief ins Gewebe fressen»

Am Unispital Zürich stirbt ein Patient der Feuertragödie von Crans-Montana. Bei ihm und bei mindestens einem weiteren Patienten findet man einen Spitalkeim. Experten erklären, was Acinetobacter baumannii so gefährlich macht.
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«Wir denken an euch», steht vor der Eingangstür des …
Foto: Keystone

Darum gehts

  • Ein 18-jähriges Brandopfer stirbt am Samstag im Universitätsspital Zürich an Infektion
  • Gefährliches Bakterium resistent gegen viele Antibiotika
  • WHO warnt vor Spitalkeim Acinetobacter baumannii
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Sandro ZulianReporter News

Einen Monat nach dem Inferno von Crans-Montana VS muss ein weiteres Opfer der Tragödie sein Leben lassen. Der junge A.* (†18) stirbt am Samstag im Universitätsspital Zürich. Er ist der Tote Nummer 41 der tragischen Silvesternacht im Walliser Skiort.

Am Montag wird bekannt, dass der Basketballer aus Lutry VD von einem Erreger befallen war, den man im Volksmund als Spitalkeim kennt. In der Fachsprache nennt man das Bakterium Acinetobacter baumannii. USZ-Sprecher Marcel Schlatter bestätigt gegenüber Blick, dass sich der Verstorbene damit infizierte. Er könne allerdings nicht bestätigen, dass der junge Mann an den Folgen der Infektion verstarb. Neben dem Verstorbenen habe sich noch ein weiteres Brandopfer von Crans-Montana am USZ mit dem Spitalkeim infiziert. Aber was ist Acinetobacter baumannii genau? 

Das Bakterium, benannt nach den amerikanischen Bakteriologen Paul und Linda Baumann, ist einer der gefährlichsten Keime in Spitälern weltweit. Es wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO auf der Liste der «prioritären bakteriellen Krankheitserreger» geführt. Und steht dort neben dem Tuberkulose-Bakterium.

Auf Spitäler «spezialisiert»

Blick fragt bei Experten nach. Sebastian Hiller (49), Professor für strukturelle Biologie und Biophysik am Biozentrum der Universität Basel, sagt: «Acinetobacter Baumannii ist ein Bakterium aus der Familie der Gram-negativen Bakterien. Es kommt in der Umwelt vor, wo es aber eher ungefährlich ist. Besonders gefährlich ist es, weil es in Spitälern zu finden ist, wo es sich trotz starker Hygienemassnahmen hartnäckig festgesetzt hat und auch in antibiotika-resistenten Versionen vorkommt.»

Sebastian Hiller, Professor für strukturelle Biologie und Biophysik am Biozentrum der Universität Basel.
Foto: zVg

Das Bakterium habe sich geradezu auf Spitäler «spezialisiert», weil dort viele Menschen in kritischen Zuständen zu finden seien: schwer krank, mit grossen Wunden und Kathetern. Gut möglich, dass der junge A. deswegen sterben musste, sagt Hiller: «Es ist plausibel, dass das Brandopfer vermutlich diesem Keim zum Opfer gefallen ist. Man muss aber unbedingt festhalten, dass die grundsätzliche Ursache dieses Schicksals die Brandwunde war. Ein gesunder junger Mensch mit intaktem Immunsystem stirbt nicht an Acinetobacter.»

«Sie haben ihre schützende Hautbarriere verloren»

Brandopfer seien Hochrisiko-Kandidaten für Infektionen: «Sie haben ihre schützende Hautbarriere verloren, machen multiple Operationen und Eingriffe durch, sind schwer zu sterilisieren.» Sie seien lange im Spital, das Immunsystem sei stark geschwächt. Und: «Bei Infektion heilt die Wunde schlecht, ist schmerzhaft, gerötet, entzündet. Der Keim kann sich tief ins Gewebe fressen. Wenn er ins Blut kommt, kann es Blutvergiftung und Organversagen geben.»

Dass es der junge A. aus Lutry VD nach langem Spitalaufenthalt nicht geschafft hat, ist gemäss Hiller tragisch. Er betont gleichzeitig: «Fast alle der Patienten, die den Brand überlebt haben und teilweise starke Verbrennungen erlitten haben, sind so weit durchgekommen. Für mich klingt das in der Summe nach einer sehr guten Gesamtquote.» Die Überlebenswahrscheinlichkeit aller Opfer steige von Tag zu Tag. Im Gegensatz zu früher hätten Brandopfer mit starken Verbrennungen heutzutage deutlich bessere Chancen.

«Bakterien sind ziemlich smart»

Urs Jenal (64) ist Mikrobiologe und Infektiologe an der Universität Basel – mit seiner Forschungsgruppe ist er auf bakterielle Infektionen spezialisiert. Der Spitalkeim sei ein Weltmeister der Anpassung.

Urs Jenal (64), Mikrobiologe am Biozentrum der Universität Basel.
Foto: Biozentrum

«Diese Erreger sind Opportunisten. Sie sind wahnsinnig gut darin, Resistenzen gegen Antibiotika zu entwickeln, und gehören darum mittlerweile zu den gefährlichsten Keimen», sagt Jenal. Viele davon seien resistent gegenüber der Hauptklasse von Antibiotika, den sogenannten Carbapenemen, wie man sie in Spitälern braucht.

Vom «Irak-Käfer» zum globalen Problem

Breite Öffentlichkeit erhielt der Spitalkeim erstmals durch die Kriege in Afghanistan und im Irak Anfang der 2000er-Jahre. «Geben tut es ihn schon immer. Aber damals gab es viele Soldaten mit grossflächigen Verwundungen und Verbrennungen.» Dort habe man die ersten Acinetobacter baumannii gesehen, die resistent gegen Carbapenem-Antibiotika waren. «Und man hatte wahnsinnige Probleme, die Leute zu behandeln. Es gab nichts, was wirklich half.» In der Presse erhielt das Bakterium dann den Übernamen «Iraq Bug» – «Irak-Käfer».

Mittlerweile gibt es gegen diese anpassungsfähigen Keime gemäss Jenal ein paar Massnahmen. Einerseits die penible Hygiene, andererseits: «Neue Antibiotika entwickeln. Unbedingt.» Und: die vorsichtige Anwendung der bestehenden Antibiotika. «Diese Bakterien sind ziemlich smart», sagt er. «Ich glaube nicht, dass man die Natur und damit die Bakterien jemals ganz bekämpfen kann.»

* Name bekannt 

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