Wandel im Milchland Schweiz?
Bauern setzen neu auf Hafermilch

Tiefe Milchpreise, weniger Nachfrage, fordernde Klimabewegung und leidende Tiere: Immer mehr Bauern haben genug und steigen aus der Milchindustrie aus.
Publiziert: 18.10.2020 um 00:05 Uhr
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Aktualisiert: 17.04.2021 um 19:44 Uhr
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Diese Milch kommt nicht von einer Kuh.
Camille Kündig und Dana Liechti

Zehn Uhr früh auf dem Hof Hübeli in Kallnach BE: Kühe, Kälber und Ochsen teilen sich eine Weide, so weit das Auge reicht. Urs Marti (36) steht am Zaun, blickt über seine Herde und schmunzelt: «Bei uns dürfen die Rinder alt, fett und glücklich werden.» Es wird nämlich nicht mehr gemolken, sondern geerntet: Hafer für die erste Bio-Hafermilch des Landes.

Die Zeichen in der Schweizer Landwirtschaft stehen auf Veränderung. Besonders spürbar ist das in der Milchwirtschaft. Es kommen grosse Herausforderungen auf die Bauern zu: Der Klimawandel bringt neue Bedingungen mit sich, die Konsumgewohnheiten der Bevölkerung ändern sich, und im Zuge der Agrarpolitik 2022 wird über neue Richtlinien diskutiert.

Neue Methoden der Tierhaltung

Während die Bauernlobby im Bundeshaus noch auf die Bremse tritt, experimentieren innovative Landwirte bereits mit resistenteren Obst- oder Gemüsesorten, stellen auf Bio um oder versuchen sich an neuen Methoden bei der Tierhaltung.

Auf dem Biohof Hübeli bekommt dieser Wandel ein Gesicht. Bauer Urs Marti und seine Frau Leandra Brusa (30) sind vor kurzem aus der Milchproduktion ausgestiegen.

Heute betreibt das Paar eine Kombination aus Lebenshof und Ackerbau. Leisten müssen die Tiere hier nichts mehr, sie enden auch nicht auf dem Schlachthof: Sie «bewirtschaften» lediglich das Grasland und liefern Dünger für die Felder.

Statt Futtermais bauen Marti und Brusa jetzt Polenta-Mais an, statt Fleisch produzieren sie Linsen und statt Kuhmilch stellen sie Hafermilch her – als einer der ersten Höfe hierzulande: «Hafermilch ist die ökologischste Milchalternative, die es aktuell gibt. Und: Hafer kommt fast ohne Dünger aus und wächst in der Schweiz sehr gut.»

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Kuhmilch ersetzen

Ziel der beiden ist es, dass die Einnahmen aus der Hafermilch dereinst die aus der Kuhmilch ersetzen. Ihr Drink wird seit dieser Woche in Bio- und Unverpacktläden des ganzen Landes verkauft – bisher 180 Liter. Aber warum auf Hafermilch setzen, wo doch seine Familie seit Generationen Kühe gemolken hat? «Wir wollten nicht mehr Teil dieses ewigen Kreislaufs sein, bei dem man die Kuh besamen lässt, ihr das Kälbchen wegnimmt, die Kuh melkt, das Kälbchen mästet und schlachtet – und dann alles wieder von vorne beginnt», so Urs Marti.

Auch ökologische Überlegungen hätten eine Rolle gespielt: «Die pflanzliche Ernährung ist viel effizienter. Für ein Kilo Fleisch braucht es zehn Kilogramm Getreide. Da isst man das Getreide lieber gerade direkt.» Mit seiner Meinung ist Urs Marti nicht alleine.

Pro Tag geben zwei Bauern die Milchherstellung auf. Ausschlaggebend war bisher in erster Linie der wirtschaftliche Aspekt: Der Milchpreis ist tief, viele Produzenten kommen nur mit Bundesgeldern über die Runden. Inzwischen hinterfragen sie zunehmend die Produktionsweise von Kuhmilch, nicht zuletzt aufgrund der Klimabewegung und des Trends zur veganen Ernährungsweise.

«Interesse merklich gestiegen»

Als landwirtschaftliche Beraterin unterstützt Sarah Heiligtag (41) seit vier Jahren Höfe bei der Umstellung. «In den letzten zwei Jahren ist das Interesse merklich gestiegen», sagt sie. Komplett umgestellt haben bisher 41 Höfe. Zurzeit berät Heiligtag 16 weitere. Jede Woche melden sich zwei bis fünf Interessenten, fast ausnahmslos Milchbauern. Einige brauchen nur Tipps, wie sie den Anteil von Obst, Gemüse oder Lupinen vergrössern können, andere wollen ganz aus der Nutztierhaltung aussteigen.

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Ausschlaggebend sei meist das Tierleid. «In der Milchproduktion wurde in den letzten Jahrzehnten alles schneller, grösser und intensiver.» Im Vergleich zu früher sind Milchkühe heute auf Hochleistung getrimmt: 1990 gab eine Kuh noch rund 11 Liter Milch pro Tag, vergangenes Jahr waren es 17 Liter. Hochleistungskühe leiden häufig an entzündeten Eutern. Schweizer Bauern spritzen daher rekordmässig Antibiotika.

Hinzu kommt der Klima-Aspekt: Die Rinderhaltung ist für einen Grossteil der Emissionen in der Landwirtschaft verantwortlich. An die Tiere wird nicht nur Gras verfüttert, sondern auch tonnenweise Kraftfutter – mitunter Soja aus dem Ausland. Insgesamt beansprucht allein die Futterproduktion für Milchkühe Ackerland, das zwei Millionen Menschen ernähren könnte.

Schweizer trinken weniger Kuhmilch

Dieses System lässt nicht nur Produzenten, sondern auch immer mehr Konsumenten zweifeln. Die Folge: Ausgerechnet im Milchland Schweiz hat die Bevölkerung seit Jahren immer weniger Lust auf Kuhmilch. Hatte 2000 noch jeder Verbraucher im Schnitt etwa 84 Liter getrunken oder ins Müsli gekippt, waren es 2019 weniger als 50 Liter. Währenddessen nahm der Absatz von Milchalternativen laut dem Marktforschungsinstitut Nielsen allein 2019 um beeindruckende 25 Prozent zu.

Bei Coop stieg der Verkauf von Pflanzenmilch in den letzten zehn Jahren auf mehr als das Dreifache. Die Migros hat inzwischen 20 Milchersatzgetränke im Angebot – allein dieses Jahr nahm die Nachfrage im zweistelligen Prozentbereich zu. Und Aldi stellt fest: «Die vegane Ernährung ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.»

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Seit kurzem bieten auch Grosskonzerne wie Nestlé und Milchverarbeiter Emmi vegane Milchersatzprodukte an. Bei den Bauern mache das Eindruck, sagt Sarah Heiligtag – und sieht einen tiefgründigen Wandel kommen: «Die Pflanzenmilch wird Kuhmilch irgendwann ersetzen.»

Anderer Meinung ist die Organisation der Schweizer Milchproduzenten (SMP). Landwirte, die aus ethischen Gründen auf vegane Produktion umsteigen, seien Einzelfälle. Die Milchindustrie stecke auch nicht in der Krise. Zwar sei der Konsum von Trinkmilch abnehmend, dafür liefen Milchprodukte wie Käse, Butter, Joghurt und Getränke auf Milchbasis sehr gut – Milchalternativen hingegen machten weiterhin nur einen sehr kleinen Teil der verkauften Produkte aus. «Übrigens», betont Sprecher Reto Burkhardt, «Hafermilch darf man rechtlich gar nicht sagen, es ist ein Haferdrink. Diese Produktnamen suggerieren, dass dieselben Nährstoffe enthalten sind wie in der Milch – das ist falsch.»

Verkehr ist problematischer

Auf die CO2-Problematik angesprochen, verteidigt Burkhardt die Milchproduktion: «Kühe sind in der Schweiz nur für 3,9 Prozent der Emissionen verantwortlich, der Verkehr zum Beispiel mit 32,4 Prozent für viel mehr.»

Vergessen dürfe man auch nicht, dass Kühe Gras sehr effizient in hochwertiges Protein und Fett für die menschliche Ernährung verwandeln könnten. «Dazu stammen 92 Prozent des Futters aus der Schweiz.» Nicht zuletzt gebe es in der Branche viele Bestrebungen zu noch besseren Haltungsbedingungen. «Aber am Ende sind und bleiben Kühe Nutztiere.»

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Der Schweizer Bauernverband begrüsst es, wenn seine Mitglieder auf die veränderte Nachfrage reagieren und etwa Hafer für Milchalternativen anbauen. «Es macht keinen Sinn, wenn wir in der Schweiz Haferdrinks mit Hafer aus dem Ausland herstellen und verkaufen», so Direktor Martin Rufer. Er ist überzeugt: Wären die Bedingungen besser, würden mehr Schweizer Bauern vegane Rohstoffe produzieren. Rufer plädiert daher für angemessene Produzentenpreise für pflanzliche Produkte.

Milchalternativen aus der Schweiz sind gefragt

Ein Blick auf die Etiketten der Pflanzendrinks zeigt: Der Markt ist heute stark von Importprodukten geprägt. Die Rohstoffe stammen grösstenteils aus Europa. Dabei würden Detailhändler gerne mehr Milchalternativen aus der Schweiz ins Sortiment aufnehmen. Lidl lässt verlauten: «Wir sind ständig auf der Suche nach passenden Schweizer Lieferanten.» Kommt nun die Stunde der Schweizer Pflanzenmilch?

Urs Marti und Leandra Brusa würde es freuen. «Ob es aber jemals dazu kommen wird, entscheiden weder die Grossverteiler noch wir Produzenten. Es ist der Konsument, der den Wandel einleitet.»

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