Trotz grosser Nachfrage stellt der Bund sein Zuchtprogramm ein
Viele Züchter von Herdenschutzhunden geben frustriert auf

Weil der Bund sein Zuchtprogramm beendet hat, steigen etablierte Betriebe aus. Nun droht ein Mangel gut ausgebildeter Tiere – ausgerechnet in Zeiten zunehmender Wolfsbestände.
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Halten Raubtiere von der Herde fern: Herdenschutzhunde sind für die Abwehr des Wolfes auf Alpen zentral.
Foto: Keystone

Darum gehts

  • Bundesprogramm für Herdenschutzhunde beendet. Qualität und Verfügbarkeit gefährdet
  • Züchter steigen aus, Schäfer müssen selbst ausbilden oder importieren
  • 157 Hunde geprüft in 2025, Erfolgsquote sank auf 62 Prozent
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Lino SchaerenRedaktor

Auf einer Alpweide, irgendwo in der Schweiz: Ein Wanderer stösst mit seinem Hund auf eine grosse Anzahl von Schafen. Mehrere grosse Herdenschutzhunde patrouillieren um die Herde, ein Hirte aber ist nirgends zu sehen. Der Wanderer fühlt sich bedroht – und wählt den Notruf.

Situationen wie diese sind zwar selten, aber sie kommen vor. In einem Land, in dem fast jede Alp von Wanderwegen durchzogen ist, begegnen sich jährlich Hunderte von Ausflüglern, Schafen, Hunden und Wildtieren auf engem Raum. Meistens geht es gut: Die offiziellen Herdenschutzhunde in der Schweiz gelten als hervorragend ausgebildet. Doch genau dies scheint nun nicht länger garantiert.

Grund ist der Entscheid des Bundes, sein Zuchtprogramm einzustellen. Begründet wurde die seit Februar 2025 geltende Massnahme mit dem neuen Jagdgesetz, das eine andere Verteilung der Aufgaben zwischen Bund und Kantonen erfordere.

Das Departement von Umweltminister Albert Rösti versprach den Kantonen finanzielle Beteiligung für ihre eigenen Zuchtprogramme – doch in den meisten Kantonen ist bisher wenig bis nichts passiert. Die Folge: Viele erfahrene Züchter steigen aus, weil ihnen plötzlich staatliche Beiträge für Ausbildung und Aufzucht fehlen. «Ich kann mir die Zucht nicht mehr leisten», sagt ein Züchter aus St. Gallen. Obwohl er seinen Betrieb schon seit vielen Jahren führt, bildet er vorerst nur noch Hunde für den eigenen Bedarf aus.

So wie ihm geht es vielen. Gespräche mit Landwirten und Fachpersonen belegen es.

Leidtragende sind neben den Züchtern auch Schäfer, die für den Alpsommer auf Schutzhunde angewiesen sind: Sie müssen nun trotz fehlender Erfahrung selbst ausbilden, auf wenig etablierte Zuchtbetriebe zurückgreifen – oder Hütehunde aus dem Ausland importieren.

Erfolgreiches Programm gestoppt

Für die Schweiz ist das heikel. Herdenschutzhunde sind eine der wichtigsten Waffen gegen Wolfsangriffe. Mehr als 500 geprüfte Hunde, die aus dem Bundesprogramm stammen, schützen heute Schafe und Ziegen im ganzen Land. Und die Nachfrage steigt, parallel zur wachsenden Wolfspopulation.

Der Verein Herdenschutzhunde Schweiz, der das Programm mehr als 20 Jahre lang betreut hat, bildete in dieser Zeit Hunde auf hohem Niveau aus. Mit dem Ausstieg vieler Zuchtbetriebe droht nun aber ein Mangel an guten Arbeitshunden. «Ohne klare Qualitätsstandards besteht das Risiko, dass falsch gezüchtete und schlecht sozialisierte Tiere eingesetzt werden», warnt Urban Lanker.

Lanker führt gemeinsam mit Domenica Thomann einen Landwirtschaftsbetrieb mit 200 Mutterschafen in Davos. Zudem werden dort regelmässig Welpen verschiedener Rassen ausgebildet. Für beide ist klar: Gute Ausbildung ist entscheidend – besonders in der engräumigen Schweiz.

Aggressiv und lammfromm – je nach Situation

Damit Herdenschutzhunde gut arbeiten, müssen sie schwierige Bedingungen erfüllen: Sie müssen loyal zur Herde stehen, den Wolf beherzt abwehren – aber Wanderern und deren Hunden freundlich begegnen. «Das ist ein Balanceakt», sagt Lanker. «Hunde sind Lebewesen. Es kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren. Aber ein gut ausgebildeter Hund reduziert das Risiko enorm.»

Um die Qualität langfristig zu sichern, will der Verein Herdenschutzhunde die Kantone an einen Tisch bringen, um gemeinsam ein neues einheitliches Zuchtprogramm aufzubauen. Zudem arbeitet man hier an einer nationalen Datenbank, die künftig alle arbeitenden Herdenschutzhunde erfassen soll. Heute sind nur die rund 500 offiziell geprüften Hunde registriert – wie viele ungeprüfte Tiere auf Alpen Wache halten, weiss niemand genau.

Neu alle Rassen zugelassen

Wie gross das Spektrum inzwischen auseinanderklafft, zeigte sich bei den Eignungsprüfungen 2025. Weil das System mit der Einstellung des Bundesprogramms geöffnet wurde, war erstmals die Anmeldung sämtlicher Rassen möglich. 157 Hunde wurden geprüft – doppelt so viele wie im Vorjahr. Neben den bisher zugelassenen Rassen Pastore Abruzzese und Pyrenäenberghunden traten auch Kangals, Transmontanos, Pastore della Sila und sogar Bernhardiner an. 39 der angemeldeten Hunde waren importiert.

Geprüft wird das Verhalten in der Herde, die Reaktion auf Menschen und fremde Hunde – und ob das Schutztier auch unter Stress ruhig bleibt. Fällt ein Hund durch, darf er die Prüfung einmal wiederholen. Die Erfolgsquote im ersten Anlauf lag 2025 mit 62 Prozent deutlich tiefer als noch 2024 (80 Prozent).

Resultat: Unbefriedigend

Für Koordinator Felix Hahn von der Schweizerischen Vereinigung für die Entwicklung der Landwirtschaft und des ländlichen Raums (Agridea) ist das ein unbefriedigendes Resultat; er will die Qualität zurück auf das frühere Niveau bringen – unter anderem mit neuen Kursen für weniger erfahrene Ausbildner.

Für die Züchter Lanker und Thomann ist etwas anderes entscheidend: Die Finanzierung muss wieder geregelt werden. «Solange Landwirte nicht wissen, wie es weitergeht, schauen sie nur für sich», sagt Thomann. Viele fühlten sich nach Jahren harter Arbeit brüskiert – und hätten keine Lust mehr.

Und das, ergänzt Thomann, könne sie gut verstehen.

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