Tierkommunikation boomt – Fachleute skeptisch
«Ich übersetze in die menschliche Sprache»

Blick traf die Tierkommunikatorin Nadine Plüss bei einem Einsatz. Ihr Fachgebiet liegt derzeit im Trend – und stösst auf Kritik.
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Tierkommunikation gewinnt in der Schweiz an Beliebtheit. «Das Interesse ist deutlich gestiegen», bestätigt auch Tierkommunikatorin Nadine Plüss.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

  • Tierkommunikation erfreut sich in der Schweiz zunehmender Beliebtheit
  • Ein Diplom als Fachperson für Tierkommunikation erhält man nach einem siebentägigen Kurs
  • Mensch- und Tiercoach Nadine Plüss ist sicher, dass sie über Tierbilder Stimmungen und inneres Wissen empfangen kann.
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.

Luana wirft unruhige Blicke um sich, verfolgt jede Bewegung. Die Stute wirkt aufmerksam, aber auch ein wenig angespannt. Nadine Plüss (53) steht ihr auf dem Gnadenhof «Animal's Soul» in Stein AG gegenüber. Ohne ein Wort – und ohne das Pferd zu berühren – hält sie ihre Hände über Luanas Körper. Es ist der Beginn einer Aponi-Therapie.

Für Augenblicke scheint sich nichts zu verändern. Zumindest nichts, was von aussen sichtbar wäre. Dann wird die Atmung des Pferdes tiefer, gleichmässiger, Luanas Kopf sinkt immer weiter nach unten, schliesslich setzt sie zu einem langen Gähnen an.

Tierkommunikatorin Plüss ist zufrieden: Anspannungen und Stress sollen zurücktreten – körperlich wie emotional. Energie soll dorthin fliessen, wo das Tier sie gerade am meisten braucht. Eine Methode, um Balance, Ruhe und innere Ordnung zu fördern.

Es sind Momente, wie sie Plüss auf dem Gnadenhof immer wieder erlebt. Hier hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, Pferden mit einer schweren Vergangenheit unentgeltlich zu helfen. Für Plüss ist es ein Herzensprojekt. Auf ihrer Website «Animal Talk» bietet sie neben der Aponi-Therapie auch Tierkommunikation, die telepathische Suche nach vermissten Tieren, Sterbebegleitung sowie Energiearbeit als bezahlte Dienstleistungen an.

Tierkommunikation boomt

In der Schweiz liegt die Tierkommunikation derzeit im Trend. Die Zahl der Ausbildungsmöglichkeiten steigt, neue Berufsverbände entstehen und einige Ausbildungskurse sind komplett ausgebucht. Zahlreiche Anbieter bestätigen den wachsenden Trend. «Das Interesse ist deutlich gestiegen», betont auch Plüss. «Viele Menschen wollen ihre Tiere besser verstehen.»

Die Begriffe Tierkommunikatorin und Tierkommunikator sind in der Schweiz staatlich nicht geschützt. Es gibt keine offizielle Ausbildung, die absolviert werden muss, um in diesem Bereich tätig zu werden. Schon nach einem siebentägigen Kurs mit 65 Lektionen erhält man etwa beim Anbieter Seelenkraft ein Diplom als Fachperson für Tierkommunikation. Der Kurs kostet 1650 Franken.

Mehr zur Aponi-Therapie:

Die Aponi-Therapie ist eine Behandlungsmethode für Tier und Mensch. Sie besteht aus einem Zusammenspiel von sanften Berührungen und einer Form der Energiearbeit. Ziel der Therapie ist es, Blockaden im Körper zu lösen und emotionalen Stress abzubauen. Durch die Behandlung sollen Tier und Mensch entspannen und ihr allgemeines Wohlbefinden steigern können.

Da die Aponi-Therapie wissenschaftlich nicht belegt ist, wird sie oft mit Skepsis betrachtet.

Die Aponi-Therapie ist eine Behandlungsmethode für Tier und Mensch. Sie besteht aus einem Zusammenspiel von sanften Berührungen und einer Form der Energiearbeit. Ziel der Therapie ist es, Blockaden im Körper zu lösen und emotionalen Stress abzubauen. Durch die Behandlung sollen Tier und Mensch entspannen und ihr allgemeines Wohlbefinden steigern können.

Da die Aponi-Therapie wissenschaftlich nicht belegt ist, wird sie oft mit Skepsis betrachtet.

Plüss hat keinen klassischen Ausbildungsweg absolviert. Ihr Weg sei von persönlichen Erfahrungen, von Höhen und Tiefen geprägt. Schon als Kind habe sie einen sehr natürlichen Zugang zu Tieren verspürt. Über die Jahre habe sich diese Wahrnehmung immer weiterentwickelt.

«Keine Magie oder Gedankenlesen»

Für ihre Arbeit in der Tierkommunikation brauche Plüss die Tiere nicht zu treffen. Stattdessen nehme sie nach eigener Aussage über zugeschickte Fotos inneres Wissen, Stimmungen, Fragmente oder Farben wahr. «Ich übersetze das, was ich wahrnehme, in unsere menschliche Sprache.» Diese Art von Kommunikation ermögliche es, die Beziehung zum jeweiligen Gefährten aus dem Tierreich zu harmonisieren. Einen wissenschaftlichen Nachweis für die Wirksamkeit dieser Methode gibt es nicht.

Es seien nicht ihre eigenen Gedanken, sondern Informationen, die sie da erhalte und weitergebe. Auch Magie oder Gedankenlesen sei nicht im Spiel, sondern eine achtsame Form der Wahrnehmung. Plüss betont, dass Tierkommunikation weder Veterinäre noch Trainer noch Therapeutinnen oder Therapeuten ersetze. Vielmehr diene sie als ergänzende Massnahme.

Bestätigung habe sie bereits von Tierärztinnen und Tierärzten erhalten, die Kundinnen und Kunden an sie weiterverweisen. «Das geschieht vor allem dann, wenn ein Tier auf emotionaler oder energetischer Ebene Unterstützung braucht oder wenn trotz medizinischer Abklärung keine eindeutigen Ursachen gefunden werden.» Ihre Arbeit und die damit verbundenen Hinweise würden Veterinären helfen, genauer hinzuschauen und gezielter zu handeln.

Tiersuche per Telepathie

Neben der Tierkommunikation beherrscht Plüss nach eigener Einschätzung auch die telepathische Suche nach vermissten Tieren. Bei der Kommunikation empfange sie Bilder, Gefühle oder Impulse. «Das können Hinweise auf die Umgebung sein, auf Richtungen, auf Menschen, Gebäude, Wasser, Wälder oder auf den emotionalen Zustand des Tiers.» Dabei ersetze sie keine Suche, sondern ergänze sie. Auch für diese Methode liegen keine wissenschaftlichen Belege vor.

Roberto Mossi ist Präsident der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST). Ihm ist wichtig, dass im Bereich der Tierkommunikation sorgfältig zwischen subjektiven Wahrnehmungen und überprüfbaren Sachverhalten unterschieden werde, um einen sachlichen Umgang vor allem mit der Tiergesundheit zu gewährleisten. «Aufgrund meines Hintergrunds als Tierarzt verstehe ich die Ansicht, dass Tierkommunikation dieser Art sowie telepathische Tiersuchen bei vermissten Tieren nicht zuverlässig funktionieren», so Mossi.

«Kann dem Tier schaden»

«Wir arbeiten als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und orientieren uns an überprüfbaren Erkenntnissen», so Mossi weiter. Tierkommunikation könne allenfalls als ergänzende Massnahme in Betracht gezogen werden, jedoch niemals als Ersatz für eine tierärztliche Abklärung oder Behandlung. In Fällen, in denen sie anstelle der Medizin eingesetzt werde, könne sie dem Tier schaden. Werde versucht, gesundheitliche Fragen ausschliesslich über Tierkommunikation zu klären, bestehe das Risiko, relevante Befunde zu übersehen oder notwendige Behandlungen zu verpassen, betont Mossi.

Plüss sagt, sie könne die Kritiker verstehen. «Meine Arbeit ist nicht greifbar, nicht messbar und passt nicht in klassische Schubladen.» Kritik dürfe sein, solange sie respektvoll bleibe. «Ich lade lediglich dazu ein, offenzubleiben, für das, was sich vielleicht nicht erklären, aber erleben lässt.»

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