Darum gehts
- Selbstbedienungskassen erleichtern Einkäufe, führen aber zu häufigeren Ladendiebstählen
- Ladendetektivin Hanna B. stellt eine Zunahme von Diebstählen an Self-Check-out-Kassen fest
- 20 Prozent der Befragten geben zu, an solchen Kassen schon mindestens einmal nicht bezahlt zu haben
«Die Verlockung ist zu gross, um nicht zu stehlen», sagt Sandra S.* (23). Sie nutzte Selbstbedienungskassen nach eigenen Angaben bis vor zwei Jahren, um gelegentlich Waren ohne Bezahlung mitzunehmen. Auch rund die Hälfte ihres Freundeskreises habe mindestens einmal etwas nicht gescannt – oder tue das auch heute noch immer wieder.
Self-Check-out-Kassen versprechen schnelles und unkompliziertes Zahlen, führen aber häufig zu Konflikten. Zuletzt traf es die Komikerin Julia Steiner: Auf ihren Kanälen berichtete sie über Hausverbot und Busse wegen eines angeblichen Gipfelis, das sie nicht erfasst hatte. In den sozialen Medien liess sie ihrem Frust über dieses System freien Lauf und betonte, es sei ein Versehen gewesen. Coop selber stiess bei seinen Nachforschungen auf «Ungereimtheiten» und betont, Steiner sei in allen Filialen willkommen.
Nervenkitzel als Antrieb
Um ein Versehen handelt es sich jedoch nicht immer. Viele nutzen die Selbstbedienungskassen gezielt, um kleinere Beträge zu sparen oder einfach den «Kick» zu spüren. «Natürlich hatte ich immer einen gewissen Respekt davor», gesteht Sandra S. Zugleich habe sie geglaubt, sich im Ernstfall herausreden zu können – sie sei davon ausgegangen, dass die nicht gescannten Beträge für eine Anzeige zu gering seien. In der Regel habe sie die meisten Produkte ordnungsgemäss erfasst – einzelne jedoch bewusst nicht, vor allem Süssgetränke, Snacks oder Kosmetikprodukte.
Als Motiv führt sie den Nervenkitzel an, der finanzielle Aspekt habe kaum eine Rolle gespielt: «Ich hätte das Geld gehabt, aber es war einfach zu leicht, es nicht zu tun.» Irgendwann habe sie sich dann gedacht: Warum nicht noch einmal? «Die Sicherheitskonzepte rund um diese Kassen reichen nicht aus», findet sie. Es brauche härtere Strafen, bessere Techniken gegen Diebstahl und mehr Stichproben. Stünde auf einem Schild: «Jeder Diebstahl führt zu einer Anzeige» würden weitaus weniger Kundinnen und Kunden klauen, ist sie überzeugt.
«Diebstähle nehmen zu»
Hanna B.*, Detektivin bei DG Protection, sieht bei den Kontrollen ebenfalls Luft nach oben. In fünf Jahren Berufserfahrung konnte sie bereits Dutzende Ladendiebe überführen. Aus Geheimhaltungsgründen darf sie keine Geschäfte nennen, für die sie im Einsatz war. «Das Sicherheitskonzept und die Massnahmen reichen bei Self-Check-out-Kassen nicht aus», sagt sie. Häufig stehe eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter vor diesen Kassen. Sie wirkten «meistens unmotiviert» und würden weniger darauf achten, ob die Kunden alles scannen, sondern darauf, ob sie mit der Technik zurechtkommen. Die Ladendetektivin stellt eine klare Zunahme von Diebstählen fest. Ihrer Einschätzung nach sei dies auch auf die steigenden Lebenshaltungskosten zurückzuführen.
Pro Einsatz und Tag schnappe sie in Lebensmittelgeschäften rund zehn Personen auf Diebestour. Welche Produkte unbezahlt bleiben, sei vom Standort abhängig und lasse sich nicht eindeutig erheben. Produkte wie Obst, Früchte oder auch Gebäck seien bei den Dieben jedoch besonders beliebt.
Laut der Detektivin kam es noch nie vor, dass jemand ein absichtliches Nicht-Scannen von Produkten zugegeben habe. Man müsse dann stets abwägen, ob der oder die Verdächtige eine ältere Person sei und die Unterlassung versehentlich geschehen ist. Oft lasse sich dies auch an der Reaktion sowie an Mimik und Gesichtsausdruck ablesen. Die endgültige Entscheidung über Konsequenzen treffe der Filialleiter. Häufig komme es zu einem Hausverbot, oft auch lediglich zu einer Busse.
Filialen geben sich zurückhaltend
Blick hat bei den beiden grössten Schweizer Detailhändlern Coop und Migros nachgefragt, wie sie Fälle von Diebstahl an Selbstbedienungskassen handhaben. Coop betont, man äussere sich nicht öffentlich zu sicherheitsrelevanten Aspekten. Die überwiegende Mehrheit der Kundinnen und Kunden sei jedoch ehrlich. Sicherheitskonzepte würden kontinuierlich analysiert und weiterentwickelt, die Mitarbeitenden auch bei der Vorbeugung vor Diebstahl technologisch unterstützt.
Auch die Migros will keine Angaben zu Sicherheitsvorkehrungen oder internen Massnahmen machen. Wie bei Coop heisst es aber auch hier: «Generell können wir sagen, dass die grosse Mehrheit unserer Kundinnen und Kunden ehrlich ist und ihre Einkäufe bezahlt.» Die bestehenden Massnahmen seien ausreichend und hätten sich bewährt. Beim Ladendiebstahl sei derzeit keine auffällige Entwicklung zu beobachten.
Zahlen des Vergleichsdiensts Moneyland liefern zusätzliche Hinweise. In der Umfrage wurden 1500 Personen zwischen 18 und 74 Jahren aus der Deutsch- und Westschweiz online befragt, ob, wo und in welchen Situationen sie Waren gestohlen oder bewusst nicht bezahlt haben. Bei den Grossverteilern Migros und Coop haben demnach bereits 23 Prozent respektive 22 Prozent der Befragten schon mindestens einmal geklaut. An der Self-Scanning-Kasse haben 20 Prozent schon etwas eingesteckt, ohne zu bezahlen. Bei jungen Erwachsenen (18 bis 25 Jahre) sind es sogar 35 Prozent.
* Namen geändert