Der angeklagte Berner Chirurg ist am zweiten Tag des Implantateprozesses nicht gut weggekommen. Ehemalige Patientinnen und Patienten warfen ihm am Dienstag vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland mangelhafte Aufklärung, Nachsorge und Transparenz vor.
Der Chirurg habe ihm nichts über seine Verbindung zur Herstellerfirma der Rückenprothese gesagt, sagte ein ehemaliger Patient des Arztes. «Das hätte die Ausgangslage stark verändert.» Er habe gemeint, der Chirurg empfehle ihm das beste Produkt. «Er wirkte unabhängig.»
Prothese versagt
Die vom Chirurgen mitentwickelte Rückenprothese «Cadisc-L» der britischen Firma Ranier versagte bei diesem Mann – wie auch bei den weiteren vom Chirurgen behandelten sechs Personen.
Der Mann trägt die Prothese noch immer im Rücken. Sie sank ein, worauf sich rundherum Knochengewebe bildete, wie er am Dienstag schilderte. Er mache sich etwas Sorgen, dass es dereinst schlimmer werden könnte, habe sich aber damit arrangiert. Mühsam sei jedoch, dass die Stelle im Rücken permanent entzündet sei. Joggen oder Schwimmen kann der Mann nicht mehr richtig, immerhin Nordic Walking gehe noch.
Späte Information
Bei einer anderen Patientin musste die Prothese 2016 und somit fünf Jahre nach der Einsetzung mittels einer Revisionsoperation wieder entfernt werden. Sie hatte sich in zahlreiche Stücke aufgelöst. Über den Rückruf hatte sie der Chirurg nicht informiert, sagte sie. «Ich habe erst nach der zweiten Operation davon erfahren.»
Vor der Einsetzung sei sie vom Chirurgen nicht über alternative Implantate informiert worden. «Cadisc-L» habe er stets als «sehr gutes Produkt» angepriesen. Die Frau leidet heute unter grossen Einschränkungen und Schmerzen, wie sie weiter sagte. «Ich muss mich täglich motivieren.»
Ihr sei an einem Nachkontrolltermin versichert worden, dass mit der Prothese alles in Ordnung sei, sagte eine weitere ehemalige Patientin. «Das war wahrscheinlich nicht der Fall, weil kurz danach begannen die Schmerzen.» Auch ihr wurden später Übrigbleibsel von Cadisc-L herausoperiert.
«Betroffene im Stich gelassen»
Sie sei vor der Einsetzung der Prothese zwar über die normalen Operationsrisiken aufgeklärt worden. Nicht aber über spezielle Risiken der Prothese oder die mangelhaften Ergebnisse von Tierversuchen. Die Nachsorge bezeichnete sie als mangelhaft, vom Rückruf der Prothese habe sie etwa aus den Medien erfahren.
Der angeklagte Chirurg ist noch nicht befragt worden. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt ihn der schweren Körperverletzung und wirft ihm vor, Betroffene im Stich gelassen zu haben.
Der sogenannte Implantateskandal wurde 2018 durch ein internationales Recherche-Team publik. Der Chirurg soll die Entwicklung des Bandscheibenimplantats wissenschaftlich begleitet und das Produkt zwischen 2011 und 2013 im Salem-Spital in Bern sieben Personen eingesetzt haben. Ebenfalls wurde er von der Herstellerfirma Ranier finanziell entschädigt. Später wurde das Implantat zurückgerufen, die Firma ging Konkurs.