«Es war so schön, einfach mal loslassen zu dürfen»
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Wie Krisenintervention hilft:«Es war so schön, einfach mal loslassen zu dürfen»

Kevin Mathis (34) versinkt in Schulden und Lügen – dann hilft ihm die «Kiz» in St. Gallen
«Als hätte jemand auf einen riesengrossen Pausenknopf gedrückt»

Ein Schicksalsschlag, eine Trennung, ein Todesfall – so schnell ist das Leben auf den Kopf gestellt. Das Kriseninterventionszentrum in der Stadt St. Gallen bietet einen Zufluchtsort. Blick besucht das Haus, das für viele ein Neubeginn ist.
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Kevin Mathis (34) ist ehemaliger Patient des Kiz.
Foto: Sandro Zulian

Darum gehts

  • Kriseninterventionszentrum bietet niederschwellige Hilfe für Menschen in Krisensituationen an
  • Ex-Patient Kevin Mathis überwindet Lebenskrise und startet beruflich neu durch
  • Zentrum hat 365 Tage im Jahr geöffnet, Krisentelefon läuft rund um die Uhr
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Sandro ZulianReporter News

Während manche Menschen mit Prosecco in der Hand und ulkigem Hut auf dem Kopf das neue Jahr einläuten, sind andere am entgegengesetzten Ende der Gefühlswelt – in einer tiefen Lebenskrise. Solche Notlagen entstehen nicht selten genau um die Festtage. Ein Ort, der dann Hilfe bietet, ist das Kriseninterventionszentrum, auch «Kiz» genannt, mitten in der Stadt St. Gallen. Blick hat es vor den Festtagen besucht. 

«Es ist ein niederschwelliges Angebot», sagt die stellvertretende Oberärztin Leonora Mühlberg (34), Co-Leiterin des Kiz. Menschen in einer Krise können hier auf eine Art Notrufnummer, das «Krisentelefon» anrufen. Nach einem Triage-Entscheid werden sie aufgenommen. «Sie bleiben hier zwischen ein paar Tagen und wenigen Wochen», sagt Mühlberg. Nach dem Aufenthalt wird, falls nötig, eine weitere Behandlung in einer spezialisierten Institution angeordnet.

Mitten in der Stadt St. Gallen, vom Bahnhof innert fünf Minuten zu erreichen: Das Kriseninterventionszentrum der Psychiatrie St. Gallen.
Foto: Sandro Zulian

Wichtig: Die Menschen sind freiwillig hier, müssen absprachefähig und körperlich stabil sein. Wer ein schweres Suchtproblem hat oder verwirrt ist, darf nicht ins Kiz.

Zwei Gruppen im Kiz

Grob könne man die Frauen und Männer, die hierherkommen, in zwei Gruppen einteilen, sagt Mühlberg: «Leute ohne psychiatrische Vorerkrankung, die aufgrund von Lebensumständen, beispielsweise wegen eines Todesfalls oder einer Trennung, in eine Krise rutschen.» Auch berufliche Probleme, eine Kündigung zum Beispiel, können ein Auslöser sein.

Die zweite Gruppe sind Menschen mit einer psychiatrischen Vorerkrankung, oder Personen, deren Symptome man nicht direkt einer äusserlichen Ursache zuteilen könne. Depression, Angst-, Zwangs- und Persönlichkeitsstörungen gehören zu den häufigsten Diagnosen.

Kriseninterventionszentren gibt es im Kanton an neun Standorten der Psychiatrie St. Gallen. In praktisch jeder grösseren Stadt der Schweiz gibt es ein ähnliches Angebot. Einfach gesagt: Wer nicht mehr kann, kann hierher.

«Bin vor jedem Problem davongerannt»

Einer, der nicht mehr konnte, ist Kevin Mathis (34). Blick trifft ihn im weihnachtlich dekorierten Kiz. Ein Ort, der für ihn eine spezielle Bedeutung hat. Der Ex-Patient schlitterte vor ein paar Jahren in eine tiefe finanzielle Lebenskrise. Er hörte auf, Rechnungen zu bezahlen, arbeitete immer weniger und hatte bald fast kein Geld mehr. «Rückblickend kann ich kaum glauben, dass das passiert ist.»

Kevin Mathis (34) schlitterte Ende seiner Zwanziger immer tiefer in eine heftige Finanzkrise. Er hat es rausgeschafft, auch dank des Kiz.
Foto: Sandro Zulian

Statt sich jemandem anzuvertrauen, begann er, seine Situation schönzureden und verstrickte sich in ein immer grösser werdendes Lügengebilde. «Ich sagte allen, dass es mir gut gehe. Währenddessen zahlte ich keine Rechnungen mehr und öffnete meine Briefe nicht mehr. Jede neue Rechnung hat mich erdrückt.»

Am Schluss stand er vor einem Scherbenhaufen. 100'000 Franken Schulden, eine gescheiterte Beziehung, das Verhältnis zur Familie stand auf einer harten Probe. «Ich bin vor jedem Problem davongerannt und habe die viel grössere Konsequenz in Kauf genommen.» Und die kam: Rechnungen, Mahnungen, Betreibungen.

Mathis im Bewegungsraum des Ortes, der für ihn die Wende bedeutete: Das Kriseninterventionszentrum der Psychiatrie St. Gallen.
Foto: Sandro Zulian

Das Kiz als Wendepunkt

Ein einziger Gedanke leitete dann die Wende ein: «Was, wenn ich einfach nicht mehr da wäre?» Dieser Moment, diese Millisekunde eines suizidalen Gedankens, durchbrach schliesslich den Bann. Er meldete sich beim Kriseninterventionszentrum. «Ab da ging es aufwärts.» Mehrere Wochen verbrachte er an der Teufenerstrasse. «Es war, als hätte jemand auf einen riesengrossen Pausenknopf gedrückt.» Mathis arbeitet aktuell als Fachmann Kinderbetreuung und ist auf dem Weg zum Sozialpädagogen. Seine Schulden sind zurückbezahlt, das Leben hat für ihn neu begonnen.

Solche Fälle sind nicht selten. Ein weiterer Ex-Patient, Marco L.* (34) sagt zu Blick: «Ich konnte keine Briefe mehr öffnen, habe nichts mehr auf die Reihe gekriegt.» Dieses «Briefkasten-Syndrom» ist in der Psychiatrie nicht unbekannt und kann ein Anzeichen einer Depression sein. 

Bewegungstherapie und Ohr-Akupunktur

Im Kriseninterventionszentrum bekommen die Patientinnen und Patienten kurzzeitig keine Briefe mehr, dafür vor allem eines: Struktur. Die Tage sind durchgetaktet, vom Morgenessen bis zur Abendroutine. Ein «sicherer Ort zum Durchschnaufen», davon berichten alle Patienten, mit denen Blick reden konnte. Es gibt Einzel- und Gruppengespräche, Bewegungstherapien, Ohr-Akupunktur. Voll belegt bietet das Kiz 20 Menschen eine schnelle Krisenintervention.

Kunsttherapeutin Giulia Rosi (28) aus Bergamo (I). Sie ist stolz auf das Werk ihres ehemaligen Patienten.
Foto: Sandro Zulian

Durchschnaufen können die Patienten vor allem in der Kunsttherapie. Hier zuständig ist Giulia Rosi (28). Die Kunsttherapeutin sieht immer wieder, wie Patienten, die sonst nichts mit Kunst am Hut haben, plötzlich aufblühen. «Man entdeckt sich selber und seine Ressourcen. Vielen Menschen gibt das eine Aufgabe.» Stolz zeigt sie eine aus Ton gefertigte Katze. «Die hat ein ehemaliger Patient gemacht.»

Die Arbeit ist anspruchsvoll, aber wunderschön, sagt Pfleger Dieter Duckert (56).
Foto: Sandro Zulian

Pfleger Dieter Duckert betreut das «Krisentelefon», das immer wieder klingelt. Es läuft 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Hier rufen nicht nur Menschen in einer Krise an, sondern auch deren Angehörige, die Rat suchen. «Die Krise kommt nicht von Montag bis Freitag. Die kommt auch an Weihnachten und Silvester.»

Die Festtage haben im Kiz einen grossen Stellenwert, das ist zu spüren. Manche Patienten gehen über die Festtage nach Hause, aber für die, die bleiben, gibt es ein Spezialprogramm, sagt Duckert: «Es gibt Tischtennis, man sitzt zusammen, spricht, geht länger spazieren. Und selbstverständlich gibt es auch Neujahrsvorsätze.»

* Name geändert 

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