Darum gehts
- Frau (37) greift Baby in Suhr AG mit Messer an
- Forensiker: Psychische Störung oder postpartale Depression als mögliche Ursachen
- Postpartale Depression betrifft laut Experten nach Geburt jede 20. Frau
«Das ist furchtbar. Ich kann mir nicht vorstellen, wie so etwas passieren konnte», sagt Barbara B.* (81) am Mittwoch zu Blick. Sie wohnt in Suhr AG, in unmittelbarer Nähe zu der Familie, die Schreckliches erlebt hat. Eine Frau (37) geht mit einem Messer auf ihr Baby, fünf Monate alt, und Familienangehörige los und verletzt sich danach selbst.
«Während ein Rettungshelikopter das Kind ins Spital flog, brachten Ambulanzen die erwachsenen Personen ins Spital», sagte Bernhard Graser, Sprecher der Kantonspolizei Aargau, am Mittwoch zu Blick. Laut ersten Ermittlungen befand sich die 37-Jährige in einem psychischen Ausnahmezustand. Die genauen Umstände sind noch unklar.
«Wir stehen unter Schock. Es ist ganz schlimm, was hier passiert ist», heisst es aus dem Umfeld der Familie. Was kann dazu führen, dass die eigene Mutter ein Kind angreift?
«Mangelnde soziale Unterstützung, schwierige Lebenssituation»
Forensiker Josef Sachs (76) geht davon aus, dass eine psychische Störung der Grund sein könnte. Dafür sprechen die Umstände. Selbstverletzung, Angriff auf die Familie. «Das kann eine postpartale Depression sein, die bei jeder 20. Frau nach einer Geburt auftritt. Es könnte aber auch eine vorbestehende psychische Erkrankung sein, die durch die Geburt verstärkt wurde», so der Forensiker zu Blick.
Es gibt mehrere Risikofaktoren, die eine postpartale Depression begünstigen können. «Frühere psychische Probleme, mangelnde soziale Unterstützung, schwierige Lebenssituation, Beziehungsprobleme und ausgeprägter Baby-Blues nach der Geburt.»
Überforderte Mütter oft allein gelassen
Gedanken und Impulse, dem Kind etwas anzutun, treten recht früh auf. Sachs zu Blick: «Deshalb ist es wichtig, dass Hebammen, Stillberaterinnen und Kinderärzte entsprechend sensibilisiert werden. Leider kommt es noch zu oft vor, dass Mütter nach der Geburt, die sich überfordert fühlen, allein gelassen werden.»
Der forensische Psychiater Thomas Knecht vermutet ebenfalls eine schwere psychische Störung. Die Folge: der Verlust des Realitätsbezuges; und das Kind wird für die Mutter zur Existenzbedrohung. «Das kann zum Beispiel eine sogenannte ‹postpartale Psychose› sein. Oder eine sehr belastende Lebenssituation lässt es für die Mutter unmöglich erscheinen, dieses Kind aufzuziehen», sagt Knecht zu Blick. Und er erwähnt einen Spezialfall: das «Medea-Syndrom». Der Psychiater dazu: «Das heisst, das Kind wird getötet, um den Partner zu verletzen.»
Vater war bei Baby im Spital
Armut, Isolation oder fehlende soziale Unterstützung können dazu führen, dass Eltern ihre Kinder misshandeln. Das Kind stört im Leben, passt nicht rein, der Druck auf die Eltern ist zu gross. Und der Druck entlädt sich auf die Kinder. Darum ist ein frühes Eingreifen so wichtig. Knecht: «Frühes Erkennen der Krisensituation schafft die Möglichkeit einer Frühintervention.»
Laut Recherchen von Blick war der Vater des kleinen Buben am Mittwoch bei ihm im Spital. Und auch von den Erwachsenen ist niemand mehr in Lebensgefahr. Nach Informationen von Blick haben alle Beteiligten einen Migrationshintergrund.
* Name bekannt