Vorher-Nachher-Bilder zeigen: Felsmassen begraben Spritzenhäuschen vollständig(01:37)

Forscher schaffen Klarheit
Darum verfehlten die Felsbrocken Brienz GR

Die Evakuierung von Brienz GR bewegte die Schweiz. Wegen eines drohenden Felsabsturzes mussten alle Einwohner ihre Häuser verlassen. Es folgte ein wochenlanges Bangen um ihr Hab und Gut. Letztendlich verfehlten die Felsmassen das Dorf – Experten erklären nun, wieso.
Publiziert: 19.10.2023 um 22:24 Uhr
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Aktualisiert: 19.10.2023 um 22:29 Uhr
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In der Nacht auf den 16. Juni gingen 1,2 Millionen Kubikmeter Fels oberhalb von Brienz GR ab.

Mitte Juni kam es in Brienz GR zu einem gewaltigen Felsabbruch. Mehrere Felssäulen krachten auf eine Wiese und hielten nur wenige Meter vom Dorf entfernt an. Rund 1,2 Millionen Kubikmeter Gestein kamen herunter. Die Einwohner, welche zu diesem Zeitpunkt schon längst evakuiert wurden, hatten gewaltiges Glück, dass ihr Hab und Gut nicht den Felsmassen zum Opfer fiel. Zunächst war unklar, weshalb genau das Dorf verschont blieb. Doch nun bringen Forscher Licht ins Dunkel.

Geologen und Spezialisten haben den Schuttstrom rekonstruiert. Sie fanden heraus, dass der Felssturz kurz vor dem Dorf von weicherem Material gestoppt wurde. Die Geologen hatten in den letzten Wochen untersucht, welche der prognostizierten Szenarien eingetroffen sind und welche nicht. Der Ingenieurgeologe Reto Thöny führte am Donnerstagabend in Tiefencastel aus, dass der Schuttstrom weniger weit gekommen sei als prognostiziert. Weiter hätten die Geologen festgestellt, dass die abstürzenden Felsmassen im zuvor abgegangenen und weichen Schuttstrom eingesunken seien.

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Weitere Abbrüche möglich

«Das hat dazu geführt, dass diese stark abgebremst wurden und der Felssturz daher - gut für das Dorf - nicht so weit gekommen ist, wie prognostiziert», so Thöny. Die für den sogenannten Bereich Insel am wahrscheinlichsten Szenarien eines Felssturzes oder eines Schuttstromes seien damit eingetroffen. Unerwartet sei jedoch die Kombination von Schuttstrom und einem anschliessenden, grossen Felssturz gewesen. «Wir haben erwartet, dass es einerseits einen Felssturz oder sonst einen Schuttstrom geben wird», so Thöny.


Zuvor hatte bereits Michael Josuran vom Frühwarndienst seine Einschätzungen zu den aktuellen Rutschungen abgegeben. Es könne weiterhin zu kleineren Abbrüchen am Berg kommen. Diese seien jedoch zu klein, um in den Dorfbereich zu gelangen, beruhigte Josuran die Anwesenden. Bezüglich der Rutschung Dorf habe man festgestellt, dass die Geschwindigkeit jüngst wieder leicht angestiegen sei. «Dies ist aber insofern normal, als die Rutschung Dorf auch einem jahreszeitlichen Trend folgt», erklärte Josuran.

Am Freitag wird auf Phase grün umgestellt

Auch zur möglichen künftigen Gefahrensituation äusserten sich die Behördenvertreter und Spezialisten. «Für die nächsten Tage bis Wochen sehen wir im Moment keine Verschlechterung der Situation», sagte etwa der Experte vom Frühwarndienst. Die Gefahr für das Bergdorf sei zwar nicht gänzlich gebannt, eine unmittelbare Gefahr stehe jedoch nicht bevor. Am Freitag werde daher von der Phase gelb auf grün umgestellt. Die Betretungsgsverbote und die Absperrungen ausserhalb des Dorfes müssten aber weiterhin respektiert werden.

Der Gemeindepräsident von Albula, Daniel Albertin, fasste seine Hoffnung wie folgt zusammen: «Hoffen wir, dass es zu keiner Evakuierung mehr kommt. Jedoch verharren wir nicht im Gedanken, dass es nie mehr zu einer Evakuierung kommen kann.» Für die am Donnerstagabend vorgestellten Erkenntnisse untersuchten die Experten Daten aus verschiedensten Mess- und Überwachungssystemen und aufgestellten TV-Kameras. Weil die Felsmassen in der Dunkelheit abgingen, kannte bisher niemand die Details. 

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(SDA/mrs)

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