Alois Kappeler (64) verkauft seit zehn Jahren das Strassenmagazin «Surprise»
«Jeder Tag steckt voller Überraschungen»

Alois Kappeler (64) ist einer der 379 «Surprise»-Verkäufer. Die Arbeit bedeutet für ihn vor allem eins: Unabhängigkeit. Mehr als sein halbes Leben lang hat er auf Bauernhöfen als Knecht schuften müssen und das meist ohne Lohn.
Publiziert: 19.05.2017 um 00:15 Uhr
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Aktualisiert: 30.09.2018 um 23:01 Uhr
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«Surprise»-Verkäufer Alois Kappeler ist mit allen per Du und hat immer ein offenes Ohr.
Lea Gnos

Sein Arbeitsplatz ist die Strasse. «Der Montag ist der schlimmste Tag», sagt Alois Kappeler (64) aus Landquart GR. «Da verkaufe ich manchmal nur fünf Heftli! Ganz anders ist es an einem Samstag, da sind es auch schon mal 150 Stück.» 

Der «Surprise»-Verkäufer stellt sich um die Mittagszeit in die Churer Innenstadt. Zehn Jahre ist er schon dabei. Er ist ein routinierter Profi: Ein paar Hefte hält er sich vor die Brust wie ein wertvolles Gemälde zum Versteigern. Und es wirkt: Schon sind die ersten Käufer da. Alois ist mit allen per Du, auch beim Stadtpräsidenten macht er keine Ausnahme. «Es ist ein ‹Du› mit Anstand, ohne grobe Worte», betont er. 

Sechs Tage pro Woche ist der 64-Jährige draussen. Die Arbeit bedeutet für den stets sorgfältig gekleideten Mann vor allem eins: Unabhängigkeit. Mehr als sein halbes Leben lang hat er auf Bauernhöfen als Knecht schuften müssen und das meist ohne Lohn.

Als er mit seiner grünen Umhängetasche den Standort zwischen Coop, Innenstadt und Manor wechselt, bleibt er oft stehen für einen Schwatz: «Wie geht es dir?», fragt er eine elegant gekleidete Dame, sie sagt: «Nicht gut, ich habe Krebs.» Alois Kappeler hört zu.

«Es kam auch schon zu Scharmützeln zwischen Verkäufern»

Doch auf der Strasse geht es auch ruppig zu und her. Wo Platzhirsche regieren, werden gewisse Feindschaften wie Freundschaften gepflegt: «Es kam auch schon zu Scharmützeln zwischen Verkäufern, die sich den Standort streitig machen. Man sollte sich dabei nie vertreiben lassen. Das ist ein Zeichen von Schwäche.» Die «Surprise»-Verkäufer sind vorwiegend männlich, gekauft wird die Zeitung mehrheitlich von Frauen.

In seinem Leben musste Alois Kappeler oft Stärke zeigen. Geboren ist er in eine jenische Familie. «Zwei Tage nach meiner Geburt hat mich die Stiftung Pro Juventute aus dem Wohnwagen der Eltern weggeholt und in einem Kinderheim platziert.» Seine Mutter habe er nie wieder gesehen.

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Stattdessen beginnt für den Jungen eine Odyssee durch Heime und Pflegefamilien. Mit 17 Jahren habe er eine Lehre machen wollen, doch als Mündel musste er auf einem Bauernhof in Hildisrieden LU arbeiten. «Im Haus wollte mich die Familie nicht. Daher schlief ich im Schweinestall und ass aus dem Schweinetrog», erinnert er sich. 

«Mit 46 Jahren traf ich an der Fasnacht meine erste grosse Liebe»

Ein Sturz beim Viehhüten 24 Meter in die Tiefe markiert den Wendepunkt in seinem Leben. Während seines langen Spitalaufenthalts kann er sich mit einem Anwalt aus dem Kreislauf der Bevormundung befreien.

Mit 46 Jahren endlich frei, verkauft er Seife und flickt Schirme, «ich machte mich mit meiner jenischen Tradition bekannt.» Dann kommt er zu «Surprise». «Das war ein grosser Glücksfall! Jeder Tag steckt voller Überraschungen.»

Auch in der Liebe erfährt Alois Kappeler noch ein spätes Glück: «Mit 46 Jahren traf ich an der Fasnacht meine erste grosse Liebe. Heute habe ich drei Adoptivkinder und acht Enkel», sagt er stolz.

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Mit seiner Vergangenheit hat er sich versöhnt: «Ich wurde schlecht behandelt, doch ich musste es wegstecken.» Er blinzelt in die Sonne und denkt schon wieder ans Geschäft: «Für den Verkauf ist es besser, wenn das Wetter kalt ist, dann brauchen die Leute etwas Wärme. Am besten läuft es an Weihnachten!»

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