So packt ein Prepper seinen Flucht-Rucksack
2:27
Besuch bei Lukas von Wartburg:So packt ein Prepper seinen Flucht-Rucksack

Forscher blickt in die Abgründe von Preppern
«Ein Keller voller Vorräte und ein Kopf voller Ängste»

Julian Genner erforscht die Welt von Preppern – von Menschen, die sich akribisch auf Katastrophen vorbereiten. Ein Gespräch über wachsende Ängste und die Frage, wie man damit umgeht.
Kommentieren
1/5
Konserven fehlen in keinem Prepperkeller.
Foto: STEFAN BOHRER

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Immer mehr Menschen preppen, um sich auf Krisen wie Blackouts vorzubereiten
  • Viele haben Vorräte für ein Jahr, von Konserven bis Zahnarztutensilien
  • Seit 2008 mehr Prepper, da Zukunftsängste in der Mittelschicht wachsen
RMS_Portrait_135 (1).jpg
Robin BäniRedaktor

Blick: Sie haben über hundert Prepper getroffen und sind in deren Keller hinabgestiegen. In was für eine Welt sind Sie eingetaucht?
Julian Genner:
In eine sehr düstere – auch wenn sie auf den ersten Blick erstaunlich unspektakulär wirkt. 

Wie sieht es denn in so einem Keller aus?
Da steht einfach ein Haufen Zeugs rum. Einer hatte Alltagsgegenstände für drei Personen auf Vorrat – für ein ganzes Jahr. Damenbinden, Tampons, WC-Papier, Zahnpasta, Medikamente, was weiss ich alles. Jemand anders besass sogar Zahnarztutensilien und Dekontaminationsanzüge. Einfach endlos. 

Konservendosen fehlen vermutlich auch nicht.
Natürlich, Konserven gibt es en masse, vielleicht auch noch eine Plastiktonne mit Wasser oder ein aufgemotzter Offroader in der Garage, ein paar vergrabene Fässer im Wald und ein präparierter Fluchtort in den Bergen. Es ist eine Welt voller Dinge, die einen daran erinnern, wie schlimm die Welt da draussen ist. 

Julian Genner

Julian Genner (41) hat von 2017 bis 2023 viel Zeit mit Preppern verbracht. Aus seinen Feldnotizen ist das Buch «Im Prepperkeller» entstanden, seine Habilitation an der Universität in Freiburg im Breisgau. Nun leitet der Kulturwissenschaftler Seminare an der Volkshochschule in Basel und an der Universität Freiburg. Genner hat eine Partnerin und geht seit dem 30. Lebensalter ins Boxen – einfach, um etwas anderes zu machen, als nur am Schreibtisch zu sitzen.

Julian Genner (41) hat von 2017 bis 2023 viel Zeit mit Preppern verbracht. Aus seinen Feldnotizen ist das Buch «Im Prepperkeller» entstanden, seine Habilitation an der Universität in Freiburg im Breisgau. Nun leitet der Kulturwissenschaftler Seminare an der Volkshochschule in Basel und an der Universität Freiburg. Genner hat eine Partnerin und geht seit dem 30. Lebensalter ins Boxen – einfach, um etwas anderes zu machen, als nur am Schreibtisch zu sitzen.

Deshalb wollen sich Prepper ja absichern, sie suchen Schutz.
Das ist das Paradoxe. Prepper haben einen Keller voller Vorräte und einen Kopf voller Ängste. Wer sich absichern will, verbringt zwangsläufig mehr Zeit mit seinen Sorgen. Wenn man 400 Konserven hat, stellt sich die Frage: Reicht das? Oder bräuchte man nicht 800? Und was, wenn der Strom ausfällt? Oder wenn es zu Plünderungen kommt? Die Angstspirale dreht sich – bis hin zu, dass manche Schusswaffen ausserhalb des Hauses verstecken. 

Worauf bereiten sich denn diese Menschen vor?
Auf alles Mögliche, wobei das klassische Szenario ein Blackout ist. Dabei denken viele in Worst-Case-Szenarien, etwa an den Zerfall der öffentlichen Ordnung.

Warum immer gleich so drastisch?
Weil es eine gute Geschichte ist, in der man die Hauptrolle übernimmt, im Sinne von: «Jetzt nehme ich mein Leben in die Hand.» Dieses Gefühl von Kontrolle kommt Preppern im Alltag oft abhanden. Sie fühlen sich von der Gesellschaft gegängelt, mit gendergerechter Sprache, Tempolimits oder bürokratischen Vorschriften. Die Krise wird dann zum Befreiungsschlag. 

Wie muss man sich diese selbst ernannten Helden vorstellen? Ich habe das Bild von einem stämmigen, bärtigen Mann, der bis auf die Zähne bewaffnet in seiner Vorratskammer sitzt und Krisenszenarien durchgeht.
So ist es schon nicht, aber es sind tatsächlich überwiegend Männer. Preppen erfüllt ja auch das Männlichkeitsideal des Ernährers und Beschützers. Und heutzutage ist es nicht mehr leicht, dieses Ideal zu erreichen. Einfach zu arbeiten, genügt oft nicht, zumal die Arbeitswelt wahnsinnig im Umbruch ist und es schwieriger geworden ist, sozial aufzusteigen. 

Haben Sie als Mann denn Vorräte zu Hause? Preppen Sie?
Nein, aber ich habe schon einen gut ausgestatteten Haushalt. Einfach, weil ich Supermärkte anstrengend finde und sie am liebsten nur einmal pro Woche betrete. 

Aber sollten wir nicht alle preppen? Selbst der Bund empfiehlt einen Notvorrat.
Hinter dem Notvorrat steckt ein solidarischer Gedanke: dass wir als Gesellschaft gemeinsam eine Krise bewältigen, indem wir uns für ein paar Tage selbst versorgen und dadurch die Einsatzkräfte entlasten. Prepper aber wollen sich vor der Gesellschaft schützen, weil sie annehmen, dass diese im Krisenfall zerfällt und der Staat versagt.

Was, wenn die Prepper recht behalten? Zurzeit besteht ein gesellschaftlicher Konsens, dass die Weltlage Anlass zur Sorge gibt.
Was heisst schon «recht behalten»? Niemand hat eine Glaskugel, auch Prepper wurden vom Ukraine-Krieg überrascht. Oft sagt die Art und Weise, wie wir in die Zukunft blicken, mehr über uns selbst aus. Woran Prepper zum Beispiel nie denken, obwohl es die Forschung immer wieder gezeigt hat: Menschen helfen sich in Krisensituationen. Das sieht man gerade in der Ukraine, wo die Bevölkerung zusammenhält. Oder auch bei der Corona-Pandemie, die nicht im Zusammenbruch gemündet ist. 

Viele halten Prepper für verrückt. Sie schreiben in Ihrem Buch deutlich verständnisvoller.
Als Forscher versuche ich, offenzubleiben. Meine Aufgabe ist es nicht, Menschen zu verurteilen, sondern zu verstehen, was sie bewegt.

Und, wie sind Prepper?
Prepper sind meist relativ gewöhnliche Durchschnittsbürger, die sich in ihren Zukunftssorgen verlieren. Ihre Ängste nehmen immer mehr Raum ein, bis sie die Lust aufs Leben erdrücken. Das hat etwas Trauriges. Es gibt ja nicht nur böse Überraschungen, sondern auch schöne Zufälle im Leben. Prepper aber verlieren den Bezug dazu, sie bleiben gefangen in ihren Befürchtungen. 

Das klingt so, als hätten Sie Mitleid.
Ja, durchaus. Es macht einsam, wenn sich Menschen zurückziehen und fast niemanden mehr zu sich einladen, weil sie befürchten, selbst der Nachbar könnte einen im Ernstfall überfallen. Ich versuche, die Menschen als verletzliche Wesen zu begreifen, nicht einfach als durchgeknallt oder rechtsextrem. Daher rühren meine Sympathien.

Preppen kommt aus der rechtsextremen Szene. Mittlerweile ist das Phänomen aber in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wie Sie in Ihrem Buch schreiben. Warum wird Preppen populärer?
Für die Mittelschicht galt lange das Versprechen: Wer hart arbeitet, wird es einmal besser haben. Seit der Finanzkrise 2008 hat sich aber die Gefühlslage bei vielen verändert, sie blicken pessimistischer in die Zukunft. Früher haben die Leute Geld auf die Seite gelegt, um später mehr zu haben. Heute legen sie etwas auf die Seite, um später überhaupt noch etwas zu haben. Deshalb flüchten immer mehr ins Preppen, in eine verlockende Fantasie der vermeintlichen Absicherung. 

Wenn Preppen aber noch mehr verunsichert, wie geht man dann am besten mit Unsicherheit um?
Es spricht nichts dagegen, sich auf bestimmte Dinge vorzubereiten. Problematisch wird es, wenn «Sich-Vorbereiten» zum Selbstzweck wird. Wenn man sein Leben nur noch darauf ausrichtet, sich gegen alles Mögliche abzusichern, damit nur nichts Schlimmes passiert. Das ist ja auch ein gesellschaftlicher oder politischer Trend. 

Wie meinen Sie das?
Durch die Globalisierung haben die Nationalstaaten die Kontrolle über ihre Wirtschaft verloren. Gerade zeigt sich das eindrücklich am Irankrieg. Eine geschlossene Meerenge trübt weltweit Wachstumsprognosen ein. Entsprechend dreht sich auch die Schweizer Politik um Fragen wie: Wie bewahren wir unseren Wirtschaftsstandort? Wie sichern wir die Sozialwerke ab? Wie schützen wir das Klima? Überall geht es ums Beschützen und Absichern. 

Und was soll daran schlecht sein?
Letztlich ist es eine defensive Pose. Wenn ein Fussballtrainer all seine elf Spieler hinten ins Tor stellt, dann kassiert er vielleicht keins, aber er gewinnt auch nicht. Es ist sinnvoll, sich vorzubereiten, aber man muss mit einer gewissen Unsicherheit leben können. Was man an Zeit, Geld und Ressourcen investiert, um den Status quo zu erhalten, geht zulasten der Fähigkeit, Neues zu lernen und sich zu verändern. Das gilt im Privaten wie in der Politik. 

Sie plädieren also für mehr Mut zur Unsicherheit?
Niemand hat sich je verliebt, ohne ein Risiko einzugehen. Der Versuch, Unsicherheit vollständig zu vermeiden, verstärkt diese paradoxerweise. Gerade Prepper wollen resilienter werden, unterm Strich verlieren sie aber die Möglichkeit, die Zukunft zu gestalten. Ihnen kommt die Neugier abhanden, die Fähigkeit, Chancen zu erkennen. Bewahren ist per se nichts Schlechtes, aber die Frage ist immer auch, um welchen Preis.

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen