Darum gehts
Tochter Lisa, bald 30, streichelt ihrem Bruder kurz über die Schulter. Sohn Lukas, zwei Jahre älter, hält ihre Hand einen Moment lang fest. Die Eltern Verena und Emil blinzeln sich immer wieder gegenseitig zu. Wie liebevoll, ja zärtlich die Familie miteinander umgeht, ist augenfällig. Ohne diese Zuneigung und dieses Vertrauen wäre ihr Vorhaben wohl von Anfang an zum Scheitern verurteilt: Die Andereggs wollen ihr Vermögen weggeben. Fast 15 Millionen Franken.
Die Familie aus der Ostschweiz hat nicht genug vom Luxus. Sie kannte ihn nie. «Erst als junge Erwachsene haben wir Kinder erfahren, wie viel Geld da ist. Die Summe hat mich umgehauen», sagt Tochter Lisa. Sie findet es wichtig, über Reichtum zu sprechen, will aber wie die ganze Familie hier ihren richtigen Namen nicht nennen. «Ich möchte nicht überall diejenige sein, die auf ihre Millionen verzichtet.»
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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Das Geld brachte Vater Emil in die Familie ein. Sein Vater war ein erfolgreicher Architekt und Bauherr. Schon er hielt den Reichtum versteckt. «Wir hatten ein grosses Haus und ein Kindermädchen. Aber mein Vater trug immer den gleichen braunen Jopen. Und wir machten nicht anders Ferien als meine Klassenkameraden.» Als Emil nach dem Tod der Eltern seinen Erbteil erhielt, deponierte er das Geld auf einem Konto – und liess es dort liegen.
Mutter aus armen Verhältnissen
«Mir hat dieses Geld immer Unbehagen bereitet», sagt Mutter Verena. Sie wuchs in einer Bauernfamilie mit zehn Geschwistern auf. Arm. Streng. «Wenn am Sonntag die Reichen mit ihren Sportwagen rumkurvten, rümpften wir die Nase.» Das Feindbild der «Bonzen» blieb, als Verena in jungen Jahren wegzog aus dieser Welt. Bis heute arbeitet die 64-Jährige als Pflegefachfrau. «Dieser Reichtum aus der Familie meines Mannes gehörte für mich nie wirklich zu uns.»
Natürlich wirkte sich das Erbe auf das Leben der Andereggs aus, brachte Wohlstand und Sicherheit. Ein Haus mit Garten an guter Lage. Ein Ferienhaus im Wallis. Studieren, was einen interessiert, Praktika in Brüssel und Reisen nach Japan und Peru. Kein Luxus, aber «privilegiert», wie Lukas sagt. Und immer selbstbestimmt. Als Teenager habe er in einem Streit mal rumgemault, dass er keinen Beruf brauche und von den Mieten aus dem Haus in Familienbesitz leben könne. «Meinen Vater hat diese Aussage richtig traurig gemacht. Und mir ist seine Reaktion geblieben.» Lukas fand seinen Weg. «Aber das bewusst selber zu entscheiden, diese Wahl zu haben, muss man sich erst mal leisten können.»
Was werden später die Kinder sagen?
Den Entscheid, das Vermögen wegzugeben, fällte die Familie vor drei Jahren. Sie hatten immer wieder davon gesprochen, dass sie etwas mit dem Geld machen müssten. Meist forcierte Mutter Verena. Vater Emil wollte ebenfalls, zögerte, «eher unbewusst», wie er sagt. Das spürten die Kinder. «Als mir während meines Studiums das ganze Ausmass der Klima- und Biodiversitätskrise bewusst wurde, fand ich, dass wir nicht mehr warten können. Wir müssen etwas tun», sagt Umweltwissenschaftlerin Lisa. «Sie war schon immer die Aktivistische von uns», sagt Bruder Lukas. Er, der Betriebswirtschaftler, teilt ihre Haltung, spürte aber Widerstände: «Sollte ich mal Kinder haben – was werden die davon halten? Was, wenn irgendetwas passiert? Ein Unfall? Eine Krankheit?»
Auch Vater Emil kämpfte mit sich. Das Vermögen hatte seine Familie über mehrere Generationen aufgebaut. In dem Geld, so schnöde es auf dem Kontoauszug daherkommt, steckt das Leben seiner Eltern und Grosseltern. Was hätten sie empfunden? Vor allem aber stellt sich die Frage: Wo soll das Geld überhaupt eingesetzt werden? Wo entfaltet es die beste Wirkung?
«Wir merkten rasch, dass wir Hilfe brauchen», sagt Emil, von Beruf ebenfalls Architekt. Die Andereggs nahmen sich einen Coach. Über ein Jahr lang trafen sie sich alle zwei Monate zur Familienberatung. Mussten herausfinden, was sie wollten, was sie fühlten, was sie von ihrer Spende erwarteten. «Diese Struktur hat uns sehr geholfen. Alle kamen zu Wort, alle wurden angehört, es hat uns als Familie nochmals näher zueinander gebracht», sagt Mutter Verena.
Die Andereggs wählten eine Schweizer Stiftung, die Klimaschutzprojekte unterstützt. Und verpflichteten sich, dieser bis Ende 2026 rund 1,5 Millionen Franken zu spenden. Der Vertrag liegt dem Beobachter vor – und ist nur der Anfang. «Ja, wir wollen möglichst das ganze Vermögen einsetzen», sagt Lisa und schaut prüfend in die Runde. Alle nicken. In welchem Bereich und wann, ist aber noch unklar. Sie stünden erst am Anfang, sagt Lukas. «Wir wollen sehen, ob das Geld wirklich wirkt.»
Die Häuser bleiben in Familienbesitz
Beide Geschwister befürworten eine Erbschaftssteuer auf hohe Vermögen. «Mich nervt die Inkonsequenz der Bürgerlichen. Sie fordern immer Leistung, aber ausgerechnet geschenktes Geld soll nicht besteuert werden», sagt Lisa. Lukas spricht die Macht an, die mit freiwilligen Spenden verbunden sei. «So viel Geld – und wir allein bestimmen, wer es bekommt und wer nicht.» Die Familie redet nur mit engen Freunden über ihre Pläne. Manche fänden: Eigentlich sollten wir dasselbe tun, wir brauchen unser Geld ja auch nicht. «Andere finden es seltsam, ja undankbar, ein solches Erbe nicht anzunehmen», sagt Lukas.
Dabei geben die Andereggs nichts ab, was sie heute nutzen. Die Häuser behalten sie. Das ganze Fundament bleibt, das den Kindern ihr Studium, ihre Entwicklung im Beruf und als Person ermöglicht hat. Und den Eltern einen sorglosen Lebensabend bietet. «Das Einzige, auf das wir verzichten, ist die Möglichkeit auf ein Luxusleben, das ich angesichts der Weltlage als komplett daneben empfinden würde», sagt Lisa.
Macht die Weltlage, die aktuelle Situation beim Klimaschutz das ganze Engagement nicht sinn- und hoffnungslos? Ist es nicht wie ein Tropfen auf den heissen Stein? Lisa zitiert Jane Goodall, die berühmte Affenforscherin. «Sie sagte: Hoffnung ist nicht etwas, das wir einfach haben – hoffen bedeutet handeln. Das finde ich einen schönen Gedanken. Das will ich umsetzen.» Bruder Lukas schaut seine Schwester an und lächelt. «Typisch Lisa. Das hat sie doch schön gesagt, oder?»
Hinweis: Dieser Artikel wurde erstmals am 4. April 2026 veröffentlicht.