Der oberste Schausteller Peter Howald im Interview
«Es ist viel Misstrauen und Missgunst vorhanden»

Seit über einem halben Jahrhundert ist er auf Chilbis unterwegs, und er sagt, was er denkt: Peter Howald (69). Der Präsident des Schaustellerverbands über seine Anfänge mit einer Schiessbude, was er gegen Foodtrucks hat und warum er selbst auf keine Bahn mehr geht.
Publiziert: 22.07.2023 um 17:29 Uhr
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Ein Leben auf dem Rummelplatz: Peter Howald (69). Hier und auf den weiteren Bildern ist er auf dem Luna-Park in Agno TI zu sehen.
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Rebecca WyssRedaktorin Gesellschaft / Magazin

Peter Howald geht mit dem Rhythmus der Jahrmärkte. Im März fängt es langsam an, ab Mai ist er jedes Wochenende auf einem Platz, und nun bald, im August, ist Hochsaison, da kommt er kaum noch nach Hause. Bis Ende Jahr. Eine Pause gönnt er sich Anfang Jahr, da gehts an die Wärme auf die Kanarischen Inseln. Ausser diesmal, «da lasse ich wohl mein Knie operieren», sagt er. Kaputt vom Chrampfen. Chrampfen ist sein Leben. Wir haben ihn kurz vor seiner Abreise Richtung Luna Park in Agno TI getroffen.

Erst war Züri Fäscht, nun ist Luna Park in Agno, und bald kommt die Badenfahrt. Wo Chilbi ist, kommen die Leute in Massen. Warum zieht das heute noch?
Peter Howald: Die Leute können an der Chilbi abschalten. Und wir bieten der ganzen Familie etwas. Deshalb laufen Familienbahnen wie das Karussell oder die Berg-und-Tal-Bahn seit Jahren so gut.

Was ist mit der Hitze? Hält sie die Leute nicht fern?
Man hat es am Züri Fäscht gesehen. Es war heiss, und alle standen trotzdem auf dem Teer. In all den Jahren, seit ich dabei bin, hat sich das nicht geändert.

Wie kamen Sie zur Chilbi?
Mein Vater war schon auf der Chilbi. So rutschte ich rein. Er verdiente sein Geld mit Hausieren, ging mit Kinderkleidern und Wolle von Tür zu Tür. Dann übernahm er 1949 Chilbiplätze von meinem Onkel. Der hatte einen Wurststand.

Was tat der Vater?
Er pedalte mit einem Velo und einem Anhänger mit dem Grillstand herum. In den Fünfzigern kaufte er einen grossen, schwarzen Chevi. So einen Chlapf hatten damals alle Marktfahrer. Der Kofferraum war riesig, der halbe Haushalt hatte Platz.

Was sind Ihre ersten Erinnerungen?
Ich war an der Seegfrörni 1963 dabei, mein Vater hatte dort zwei Wurststände. Meine Geschwister und ich halfen immer mit. Eigentlich jedes Wochenende. Im Winter auch auf dem Zürcher Üetliberg. Jeden Sonntag mussten wir in die Kirche, danach stiegen wir zusammen den Berg hoch, das war streng. Das Schönste war die Skischanze, es war aufregend zu sehen, wie die da nachts runtersprangen.

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Wann fingen Sie selbst mit der Schaustellerei an?
Nicht sofort. Ich wollte eigentlich die Handelsschule machen, brach aber ab, weil ich zu Hause helfen musste. Der Betrieb war mittlerweile so gross. Von dem, was ich verdient habe, konnte ich über die Jahre aber nicht leben. Früher bekam man daheim keinen grossen Lohn. Mitte zwanzig liess ich eine Schiessbude bauen, die ich mit einem Kleinkredit bezahlte. Und mit dem, was ich im Winter als Chauffeur verdiente. Es lief gut, und irgendwann, da war ich schon über dreissig, hatte ich ein Karussell.

Fühlten Sie sich als Schausteller-Sohn verpflichtet, in Vaters Fussstapfen zu treten?
Schon ein bisschen. Aber ich hatte irgendwann Freude daran.

Was reizt Sie an Ihrem Beruf?
Sobald man am einen Ort alles abgebaut hat, freut man sich schon auf den nächsten am nächsten Wochenende. Man schaut nicht zurück. Vergangenes ist vergangen.

Apropos Vergangenes. Corona war happig, wie geht es den Schaustellern heute?
Corona war Katastrophe. Da wurden Familienbetriebe aufs Spiel gesetzt, die seit vielen Generationen tätig sind. Jetzt geht es besser. Auch dank der Hilfe des Bundes. Das Verständnis fehlt aber weiterhin. Unser Gewerbe gehört zu den ältesten, über tausend Jahre ist es alt. Es sollte schon lange unter Schutz gestellt werden. Aber Bern hat dafür kein Gehör.

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Auf der anderen Seite gibt es hohe Billettpreise. Eine Fahrt auf dem Turm, der jetzt überall steht und wo man 80 Meter über dem Boden schwebt, kostet zwölf Franken. Geht es nicht günstiger?
Die Gebühren, die wir für einen Platz zahlen müssen, steigen immer mehr. Das können wir irgendwann nicht mehr auffangen und müssen mehr verlangen. Ich finde das auch eine Sauerei.

Was wäre die Lösung?
Gerade Städte wie Zürich müssten runter mit der Platzmiete. Am Züri Fäscht zahlt man 3000 Franken für drei Tage. Hinzu kommen Strom, Bewachung der Anlagen, und, und, und. Am Ende sind 5000 Franken weg. So viel nimmt man kaum mehr ein.

Welches waren die besten Zeiten für Chilbi-Betreiber?
Wir hatten super Jahre in den Neunzigern. Die Leute hatten Geld in der Tasche und wollten es unbedingt ausgeben. Das schenkte richtig ein. Das Geld habe ich gleich wieder in Spielbuden und Bahnen investiert.

Auf welche Bahn gehen Sie am liebsten?
Auf keine! Ich vertrage die Dreherei nicht mehr. Vor zwölf Jahren war ich in Hamburg auf einer, ich sage der Kübelbahn. Da dreht sich alles, die grosse Scheibe mit der Kabine darauf und die Kabine wiederum um sich selbst. Der Kerl am Hebel gab Gas wie ein Gestörter. Seitdem ist fertig.

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Gibt es eine Bahn, die Sie gerne gekauft hätten?
Mein Traum war immer der Blaue Enzian. Ein Zug, der ein Achti fährt und ziemlich Speed hat. Ich hätte als Junger mal fast einen kaufen können, aber mein Vater sagte Nein. Dabei ist es heute noch das beste Geschäft!

Sie hatten einmal ein Riesenrad, warum heute nicht mehr?
Das ist eine lange Geschichte.

Wir haben Zeit.
Das Riesenrad habe ich mit einem Kollegen gekauft, ein Maschineningenieur, der brachte das Ding aber nicht zum Laufen. Er war überfordert damit. Wir zerstritten uns, und weil das dermassen ins Geld geht, musste ich schauen, dass ich da schnell wieder rauskomme.

Vermissen Sie das Riesenrad?
Nein, vorbei ist vorbei. In diesem Geschäft muss man den anderen immer einen Schritt voraus sein. Manchmal geht halt etwas daneben. Ich kaufte Buden und Bahnen, die kosteten viel Geld, und die stehen jetzt bei mir in der Halle. Wie der Wellenflieger einmal, der meiner Tochter gehörte.

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Was ist ein Wellenflieger und was war damit?
Das ist eine Art Kettenkarussell, bei dem es auf- und abwärts geht. Jede Chilbi hat einen Platzmeister, der bestimmt, wer einen Platz bekommt und welchen. Einige von denen sagten uns vor ein paar Jahren, dass auf den Chilbis ein Wellenflieger fehlt. Dann haben wir uns einen für eine halbe Million beschafft. Und plötzlich wollte ihn keiner mehr haben, meine Tochter musste ihn verkaufen.

Woran lag das?
Wer weiss? Vielleicht an meinem Grind. Ich sage, wenn mir etwas nicht passt. Schauen Sie sich einmal die heutigen Chilbiplätze an.

Fahrgeschäfte, Spielbuden, Fressstände. Was ist damit?
Man hebt den Chilbis nicht mehr Sorg. Weniger Charme, weniger Licht. Vor kurzem habe ich ein Karussell gesehen, das nicht einmal ein Dach hatte, weil es ringer geht zum Abmontieren. Und diese Foodtrucks …

Was haben Sie gegen Foodtrucks?
Die gehören nicht auf einen Chilbiplatz. Das ist eine nackte Kiste ohne Schmuck und nichts. Eine richtige Chilbi lebt von den Malereien, den Verzierungen und dem Licht. Wenn es im Dunkel der Nacht bunt flimmert und spielt, kommt Feeling auf. Das ist das, was die Leute anzieht.

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Wo gibt es noch eine richtige Chilbi?
Die Badenfahrt ist für mich das schönste Fest der ganzen Schweiz. Die Vereine geben sich Mühe, sie zimmern Bauten, Chalets aus Holz, so etwas sieht man sonst nirgends. Und da hast du jeden Tag richtig viele Leute. Sie sind eben stolz auf ihre Badenfahrt.

Der König der Chilbi

Peter Howald kam 1954 in Zürich zur Welt und wuchs dort auf. Schon als Kinder halfen er und seine Geschwister im Schausteller-Unternehmen des Vaters mit. Heute betreibt er das Geschäft zusammen mit seiner 40-jährigen Tochter. Sein 27-jähriger Sohn unterstützt sie. Sie betreiben Imbissbuden, Bierwagen, Karussells und Spielbuden. Peter Howald präsidiert zudem 15 Jahre lang den Schweizer Schaustellerverband. Während Corona stand er für die Schaustellerbetriebe ein, viele Familienbetriebe kämpften um die Existenzgrundlage. Er war ihr Gesicht. Er lebt in einer Vorortgemeinde von Zürich.

© Ti-Press / Ti-Press

Peter Howald kam 1954 in Zürich zur Welt und wuchs dort auf. Schon als Kinder halfen er und seine Geschwister im Schausteller-Unternehmen des Vaters mit. Heute betreibt er das Geschäft zusammen mit seiner 40-jährigen Tochter. Sein 27-jähriger Sohn unterstützt sie. Sie betreiben Imbissbuden, Bierwagen, Karussells und Spielbuden. Peter Howald präsidiert zudem 15 Jahre lang den Schweizer Schaustellerverband. Während Corona stand er für die Schaustellerbetriebe ein, viele Familienbetriebe kämpften um die Existenzgrundlage. Er war ihr Gesicht. Er lebt in einer Vorortgemeinde von Zürich.

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Was für ein Typ Mensch muss man als Schausteller oder Schaustellerin eigentlich sein?
Man muss eine dicke Haut und einen starken Rücken haben. Es ist viel Misstrauen und Missgunst vorhanden.

Ist es einfach, als Neue oder Neuer reinzukommen?
Man braucht jemanden, der hilft. Die Schausteller halten zusammen. Die Plätze sind beschränkt, und alle wollen die besten haben. Das läuft über Beziehungen.

Wer hat auf dem Platz das Sagen?
Schon die Platzmeister und Behörden.

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Und Alteingesessene wie Sie?
Nein, nicht mehr. Ich sass früher im Organisationskomitee vom Züri Fäscht, dann bin ich raus, als Dinge vorgefallen sind, hinter denen ich nicht stehen konnte. Ich bin immer gerade durchs Leben.

Sie gingen immer mit dem Rhythmus der Chilbisaison. Wie konnten Sie das mit dem Vatersein vereinbaren?
Das tönt jetzt ein bisschen sentimental. Wenn ich amigs am Morgen meinen Kafi trinke, studiere ich manchmal daran herum, was ich hätte anders machen können.

Wie kommen Sie darauf?
Das Familienleben hat gelitten. Ich war selten da. Ich hatte halt immer Ziele, eine neue Bude, eine Bahn, eine Liegenschaft, ich war immer am Chrampfen.

Würden Sie etwas anders machen?
Ich würde mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Ich selbst hatte das auch nicht, meine Eltern chrampften auch, wollten auch fürschicho. Aber ich kenne es von anderen Familien: Bräteln im Wald mit den Kindern, an den See baden gehen. Das wäre was gewesen.

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Ihre Tochter ist mit einer eigenen Schiessbude schon voll im Unternehmen drin. Wie lange sind Sie noch dabei?
Nächstes Jahr trete ich kürzer. Der Junior weiss noch nicht, ob er ganz einsteigt. Irgendwann macht es sicher Klick bei ihm. Wäre ja doof, es ist ja alles da. Etwa 70 Anhänger. Das ist viel.

Kämen Sie damit zurecht, wenn die Kinder anders geschäfteten als Sie?
Das fängt schon an. Ich bin es gewohnt, an manchen Wochenenden an fünf Orten zu sein. Die Tochter sagte schon, das könne sie so nicht machen. Wir teilen uns jetzt auf. Sie sollten nur schauen, dass sie die guten Plätze halten können. Grosse Chilbis. Alles andere können sie abgeben. Märkte zum Beispiel.

Hatten Sie nie den Chilbikoller?
Nein. Nie.

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