«Meine Gedanken sind ständig bei den Opfern»
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Jessica Moretti Tränen nahe:«Meine Gedanken sind ständig bei den Opfern»

Das Verhörprotokoll von Barbetreiberin Jessica Moretti
«Ich habe selbst Champagnerflaschen getragen»

Ermittlungsakten belegen, dass sich Jessica Moretti an der verheerenden Sprühkerzen-Show beteiligte. Laut einer Zeugin hat sie die Aktion persönlich angeordnet.
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Der Moment der Katastrophe: Der Arm mit dem schwarzen Band am Handgelenk dürfte mutmasslich jener von Jessica Moretti sein.
Foto: Zvg

Darum gehts

  • Barbetreiberin Jessica Moretti beteiligte sich selbst an Sprühkerzen-Aktion
  • Sie hat die Champagner-Show mutmasslich sogar selber gefilmt
  • In den Einvernahmen schilderte sie die Horror-Minuten nach dem Brand
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Fabian EberhardStv. Chefredaktor SonntagsBlick

Ihr Ehemann sitzt in U-Haft, sie selbst ist unter strengen Auflagen auf freiem Fuss: Jessica Moretti (40), Betreiberin der Bar Le Constellation in Crans-Montana. Seit der Brandkatastrophe mit 40 Toten in der Silvesternacht geht ihr Name um die Welt. Die Walliser Justiz verdächtigt sie und ihren Mann der fahrlässigen Tötung.

Knapp drei Wochen nach dem Inferno sind viele Hintergründe weiter ungeklärt. Blick liegen Ermittlungsakten vor, die neue Details zur Rolle von Jessica Moretti in der Brandnacht offenbaren.

«Ich habe ihnen geholfen»

Aus den Dokumenten geht hervor, dass die Französin selbst an der Champagner-Show mit Sprühkerzen beteiligt war, die den Brand in der Bar ausgelöst hat. Zeugen sagten zudem aus, dass Moretti die Aktion persönlich angeordnet hat.

Die «Weltwoche» spekulierte diese Woche: «War die Wirtin Teil des fatalen Feuer-Kommandos?» Verhörprotokolle bestätigen diesen Verdacht nun. «Da es viele Flaschen zu servieren gab, habe ich ihnen (den Barangestellten, Anm. d. Red.) geholfen und die letzten beiden Flaschen selbst getragen», sagte Moretti bei ihrer Einvernahme am 1. Januar. Sie habe dabei hinter Cyane (†24) gestanden – der Kellnerin mit dem Helm, die den Brand wohl ausgelöst hat und dabei selbst ums Leben kam.

Jessica Moretti ist mutmasslich auch auf den Bildern zu sehen, die die Champagner-Show kurz vor der Katastrophe zeigen: schwarzes Paillettenkleid, rot lackierte Fingernägel. An der Decke lodern bereits die Flammen.

Video zeigt brennende Decke in der Bar
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Feuer in Crans-Montana:Video zeigt brennende Decke in der Bar

«Ich musste eine Fantasiemaske tragen»

Die Walliser Polizei befragte eine Freundin der verstorbenen Kellnerin Cyane. Sie besuchte das Le Constellation in der Brandnacht als Gast, hatte früher jedoch selbst in der Bar gearbeitet. Gegenüber den Ermittlern erzählte die junge Frau, Jessica Moretti habe sie kurz vor der Katastrophe um Hilfe gebeten. Es seien 16 Flaschen Alkohol bestellt worden, das Personal sei knapp gewesen. Auch Cyane wurde von der Chefin vom Erdgeschoss in den Keller beordert.

«Ich nahm zwei Flaschen, auf denen Wunderkerzen befestigt waren. Das Barpersonal zündete die Kerzen an und ich brachte die Flaschen zu einem Tisch», so die Zeugin. Die 16 Flaschen seien gleichzeitig bestellt und die Wunderkerzen alle im selben Moment angezündet worden.

Cyane setzte einen batteriebetriebenen Werbehelm des Champagnerlieferanten auf. Laut den Ermittlern konnte sie dadurch kaum wahrnehmen, dass die Funken der Kerzen die Decke berührten. Die Freundin von Cyane erklärte gegenüber der Polizei: «Jessica sagte ihr, sie solle den Helm aufsetzen. Ich selbst musste auf Jessicas Wunsch eine weisse Fantasiemaske tragen.»

«Das Team wollte für Stimmung sorgen»

Demnach ordnete die Chefin die Aktion selbst an. Der Einsatz von Sprühkerzen ist im Le Constellation seit rund zehn Jahren gängige Praxis. Moretti: «Wir befestigen ein Gummiband an der Flasche, an dem die Kerze befestigt ist. Sie brennt etwa 20 Sekunden. Nur unser Personal kümmert sich darum.» Diesmal jedoch stieg Cyane auf die Schultern eines Kellners, um die 500-fränkigen Champagnerflaschen zu servieren.

Warum schritt Jessica Moretti an diesem Punkt nicht ein? Bilder zeigen, wie sie die verheerende Szene mutmasslich mit ihrem Handy filmte oder fotografierte.

Im Verhör sagte sie, sie habe niemals verlangt, dass das Barpersonal Helme aufsetzen müsse – zugleich habe sie es aber auch nicht verboten. «Das Team wollte für Stimmung sorgen, deshalb setzten sie die Helme auf», sagte sie. Cyane sei «aus eigenem Antrieb» auf die Schultern des Kellners gestiegen.

«Meine Hand fing an zu brennen»

Klar ist: Kurz nach der Champagner-Show brach Panik aus. «Ich wurde mitgerissen und erinnere mich nur bruchstückhaft, aber ich spürte auf einmal eine Welle von Hitze, und meine Hand fing an zu brennen», so die Zeugin.

Im Gedränge habe sie ihre Freundin Cyane vergessen. «Später sah ich, dass es einigen gelungen war, Cyane herauszuholen. Sie lag auf dem Boden, in der Nähe der Bank. Sie trug keinen Helm mehr. Ich sah viele Menschen um sie herum. Ein Arzt wollte sie nicht aufgeben. Er führte eine Herzmassage durch, ununterbrochen, über eine Stunde lang.»

Recherche-Hinweise

Haben Sie Hinweise zu brisanten Geschichten? Schreiben Sie uns: recherche@ringier.ch

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Bleibt die Frage, was Jessica Moretti tat, als sie den Brand bemerkte – und vor allem: was sie nicht tat. Ihr Verhalten in den entscheidenden Sekunden könnte sich auf ein allfälliges Strafmass auswirken.

Warum wurden die Feuerlöscher nicht eingesetzt?

Ihr Mann, Jacques Moretti, versicherte am Tag nach der Katastrophe, dass es vier Feuerlöscher in der Bar gab. Drei im Untergeschoss, einer im Erdgeschoss. Bilder der Videoüberwachung bestätigen mindestens einen dieser Standorte. 

Auch Jessica Moretti wusste von den Feuerlöschern. Sie sagte gegenüber der Polizei aus, dass diese am 8. August 2025 von einem spezialisierten Unternehmen überprüft worden seien. Warum die Barbetreiberin keinen davon benutzt hat, bleibt unklar.

Zum Moment des Brandausbruchs sagte die Französin den Ermittlern: «Plötzlich hörte ich eine Bewegung in der Menge. Ich sah ein orangefarbenes Licht in der Nähe des Tresens. Ich rief: ‹Alle raus!›»

Moretti muss sich täglich bei der Polizei melden

Daraufhin verliess sie das Lokal über die Treppe durch den Haupteingang und wies den Sicherheitsmann an, alle Gäste hinauszubringen. Um 1.28 Uhr alarmierte sie die Feuerwehr.

Da die Staatsanwaltschaft bei Jessica Moretti – im Gegensatz zu ihrem Ehemann – keine Fluchtgefahr sieht, bleibt sie in Freiheit. Sie darf die Schweiz derzeit jedoch nicht verlassen, musste ihre Ausweispapiere hinterlegen und erhielt die Anweisung, sich täglich bei der Polizei zu melden. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung.

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