Darum gehts
- Verheerende Brandkatastrophe in Bar Le Constellation forderte 40 Todesopfer
- Bar-Betreiberpaar Jacques und Jessica Moretti befragt, Jacques Moretti kam in Polizeigewahrsam
- Feuer wurde durch Wunderkerzen an Champagnerflaschen ausgelöst
Wallis will Opfer über Entschädigung hinaus unterstützen
Von Georg Nopper, Redaktor am Newsdesk
Der Kanton Wallis setzt alles daran, die Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana VS sofort und langfristig in finanzieller, rechtlicher und administrativer Hinsicht zu unterstützen. Der Staatsrat sieht daher vor, die Stiftung, die derzeit gegründet wird, um Opfern und ihren Angehörigen zu helfen, mit einem Kapital von 10 Millionen Franken zu dotieren. «Eine entsprechende Botschaft wird dem Grossen Rat übermittelt», schreibt der Kanton am Montag in einer Mitteilung.
«Der Kanton Wallis übernimmt auch unabhängig von der finanziellen Situation der Familien die Kosten für die Rückführung und Bestattung der Verstorbenen», heisst es weiter. Diese Entschädigungen kommen zu den 10'000 Franken hinzu, die allen Familien der hospitalisierten Opfer oder Verstorbenen als Soforthilfe ausgezahlt werden.
Verletzter Fussball-Profi bricht sein Schweigen
Von Georg Nopper, Redaktor am Newsdesk
Das französische Fussballtalent Hugo Hare (19) kann seine Finger nicht bewegen. Seine bei der Brandkatastrophe von Crans-Montana VS erlittenen Verletzungen sind zu schwer. Trotzdem setzte er nun eine Story auf seinem Instagram-Account ab.
«Ich kann nicht schreiben, daher kann ich euch leider momentan nicht antworten, aber ich habe darum gebeten, diese Story zu machen, um euch zu beruhigen», heisst es auf dem Profil des Fussball-Profis.
Das sei nur der Anfang, so Hare. «Es wird kompliziert sein, aber ich weiss, dass ich es schaffen werde.» Er werde bald darüber reden, was passiert ist, stellt er in Aussicht. Denn es sei wichtig, dass man sich Gehör verschaffe im Zusammenhang mit diesem Drama.
«Meine volle Unterstützung gilt den Verletzten nach diesem Drama, meinen Freunden, die bei mir waren, sowie den trauernden Familien», lässt Hare in dem Post weiter ausrichten. Der 19-Jährige spielt beim Zweitliga-Club Quevilly Rouen Métropole (QRM).
«Anonymer Freund» half aus der Patsche
Von Jessica von Duehren, Teamlead Newsdesk
Inferno-Wirt Jacques Moretti (49) ist dank einer Kautionszahlung von 200'000 Franken wieder auf freiem Fuss – diese Nachricht sorgte am Freitagabend international für Schlagzeilen.
Schon kurz nach seiner Inhaftierung hiess es, jemand aus dem engen Umfeld der Familie sei bereit, die Summe für Moretti zu hinterlegen. Um wen es sich bei dem «anonymen Freund» handelt, ist bis heute nicht bekannt. Wie «La Repubblica» jetzt berichtet, führen die Spuren zu einem Genfer Millionär – der die Summe von einem Konto in Dubai überwiesen haben soll. Einen Namen nennt die Zeitung aber nicht.
Das Walliser Gericht hatte am Freitag mitgeteilt, dass die «Herkunft der Gelder sowie die Art der Beziehungen zwischen dem Angeklagten und der Person, die diesen Betrag gezahlt hat, einem seiner engen Freunde, geprüft» worden sei.
Während die Ermittlungen weiter auf Hochtouren laufen, ist der Inferno-Wirt zurück in seinem Chalet in Lens. Laut «La Repubblica» treffen die Morettis dort Verwandte, Freunde und Angestellte. Für das Ehepaar gelten strenge Auflagen: Beide haben ihre Ausweisdokumente abgegeben und müssen sich regelmässig bei der Polizei melden.
Schweizer Botschafter in Rom räumt Versäumnisse bei Kontrollen ein
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Der Schweizer Botschafter in Italien, Roberto Balzaretti, hat in einem Interview mit der italienischen Zeitung «La Stampa» Versäumnisse bei den Kontrollen eingeräumt. Es sei unbestreitbar, dass nicht alles mit dem nötigen gesetzlichen Ernst umgesetzt worden sei, sagte er. Die genaue Brandursache sowie mögliche Handlungen oder Unterlassungen würden nun durch Gutachten und die Justiz geklärt.
Gleichwohl betonte Balzaretti, er könne sich nicht zur Arbeit der Staatsanwaltschaft äussern. Weiter sagte er: «Es werden die Expertisen und die Untersuchung der Justiz sein, die die Dynamik des Brandes und die Handlungen oder Unterlassungen klären, die die Folgen so schlimm gemacht haben. Aber es ist unbestreitbar, dass etwas nicht mit der von den Vorschriften verlangten Strenge getan wurde.»
Es sei nachvollziehbar, dass die italienische Regierung das Strafverfahren aufmerksam verfolge. «Das Unglück hat eine sehr starke emotionale Wirkung auf unsere Bevölkerungen gehabt», bemerkt der Diplomat.
Zur Freilassung Jacques Morettis unter Auflagen sagte Balzaretti: «Das ist ein Prinzip der Demokratien und der Rechtsstaaten, das uns alle schützt, und ich würde es nicht ändern.»
Nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana hat die Gemeinde die Brandschutz-Kontrollen verschärft. Eine Firma mit Expertise in diesem Bereich wurde hinzugezogen.
Anwältin von Kellnerin in Sorge
Von Natalie Zumkeller, Redaktorin am News-Desk, und Ralph Donghi, Reporter News
Sophie Haenni vertritt im Fall von Crans-Montana die Familie der Frau mit Helm, Cyane Panine (†24). Gegenüber Blick erklärt Haenni, die Freilassung von Jacques Moretti aus der U-Haft sei für sie ein Grund zur Sorge. «Die Freilassung von Jacques Moretti überrascht. Es ist ernsthaft zu bezweifeln, dass die Kaution in Höhe von 200'000 Franken eine ausreichend abschreckende Wirkung hat.»
Für sie besteht klar Grund zur Sorge. «Diese Freilassung ist jedoch unter dem Gesichtspunkt der Gefahr von Absprachen viel besorgniserregender. Es besteht berechtigter Grund zur Sorge. Die Weigerung des Ehepaars Moretti, auch nur die geringste Verantwortung zu übernehmen, und ihre Bereitschaft, die Schuld auf Dritte, darunter ihre Angestellten, abzuwälzen, sind nicht gerade beruhigend.»
Panine verlor in den Flammen ihr Leben – seither wird viel über die junge Frau und ihre Beziehung zu den Morettis diskutiert. Während das Betreiber-Ehepaar eine Familien-ähnliche Beziehung zu ihr betont, bestreiten Panines Eltern die Nähe zwischen ihrer Tochter und den Morettis.
Schon 2024 soll es gebrannt haben
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Der Opferanwalt Sébastien Fanti soll den Ermittlern eine umfangreiche Akte vorgelegt haben. Sie enthält über 100 E-Mails von Zeugen und Überlebenden, wie «La Repubblica» berichtet. Die Akte soll die selbstentlastende Darstellung der Morettis widerlegen. Unter den Dokumenten soll sich der Beweis für einen Brand im Le Constellation im Jahr 2024 befinden, der ebenfalls durch Wunderkerzen verursacht wurde, die zu nah an der nicht feuerfesten Zwischendecke standen.
Sollte sich das bestätigen, könnten Jessica und Jacques Moretti nicht mehr behaupten, dass sie sich der Risiken nicht bewusst gewesen sind. Bei einer Verurteilung würde ihnen eine deutlich längere Haftstrafe drohen.
Kürzlich hatte der französische TV-Sender BFMTV ein Video ausgestrahlt, auf dem zu sehen ist, wie eine Polonaise aus Mitarbeitern der Inferno-Bar, darunter auch Jessica Moretti, in der Unglücksnacht weiter Champagnerflaschen, an denen Wunderkerzen befestigt sind, durch das Lokal tragen, während die Decke an anderer Stelle bereits brannte. Moretti filmt begeistert die Party, ihr fallen die Flammen offenbar nicht auf. Den Ermittlern soll sie versichert haben, keine Aufnahmen von der Katastrophe zu haben und sofort hinausgelaufen zu sein, um Alarm zu schlagen.
In den vergangenen Wochen hat Fanti die Ermittlungsbehörden wiederholt kritisiert. Sie seien völlig überfordert, so der Vorwurf. Schon länger ist bekannt, dass die Walliser Untersuchungsbehörde personell am Limit läuft.
Genfer Geschäftsmann soll Kaution gezahlt haben
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Seinen ersten Tag in Freiheit hat Jacques Moretti am Samstag in seiner Villa in Lens VS verbracht. Das berichtet die italienische Zeitung «La Repubblica»; sie enthüllt weitere Details zur Freilassung des Le-Constellation-Betreibers.
Demnach überwachte ein Streifenwagen der Kantonspolizei Wallis am Samstag stundenlang die private Auffahrt des Hauses, den Firmenfuhrpark der Morettis, bestehend aus einem dunklen Porsche, einem Mercedes und mehreren Audis, immer im Blick. Das Paar soll die tägliche Meldepflicht zudem bei der Polizeiwache in Siders erfüllt haben.
Am Samstagmorgen, kurz nach 9 Uhr, soll Jacques Moretti kurz die Terrasse des Hauses betreten haben. Dabei trug er ein schwarzes, kurzärmliges T-Shirt. Reportern des italienischen TV-Senders TG2 News begegnete er mit einem finsteren Blick. Die Frage, wie es ihm nach der ersten Nacht zurück im eigenen Bett gehe, beantwortete er nicht. Am Nachmittag soll der Ziehsohn der Morettis, Jean Marc Gabrielli, zudem versucht haben, die anwesenden Medienvertreter zu vertreiben. Er rief dafür sogar die Polizei an, bevor er in sein Auto stieg.
«La Repubblica» gibt auch bekannt, wer die Kaution für Moretti so rasch gewährte: ein «anonymer Freund», den Angaben zufolge offenbar ein Millionär aus Genf. Dem Bericht nach sollen die Morettis selbst nur knapp 500 Franken auf dem Konto haben.
Die Freilassung Morettis passt insbesondere der italienischen Regierung nicht. Seit Freitag beschwerten sich Aussenminister Antonio Tajani und Regierungschefin Giorgia Meloni mehrmals über den «Skandal».
Nach Moretti-Entlassung: Diplomatische Krise zwischen Schweiz und Italien eskaliert
Von Marian Nadler, Redaktor am Newsdesk
Die Freilassung des Barbesitzers Jacques Moretti aus der Untersuchungshaft hat zu einer schweren diplomatischen Verstimmung zwischen der Schweiz und Italien geführt. Die Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni (49) wertet den Entscheid des Walliser Zwangsmassnahmengerichts als Beleidigung der Opferfamilien und rief ihren Botschafter aus Bern nach Rom zurück. Rom fordert Aufklärung von den Schweizer Behörden und spricht von tiefer Empörung.
Bundespräsident Guy Parmelin (66) zeigte Verständnis für die Entrüstung Italiens, verwies jedoch auf die Gewaltentrennung und die Unabhängigkeit der Schweizer Justiz. Diese müsse nun transparent klären, ob Fehler gemacht wurden. Aussenminister Ignazio Cassis betonte in einer Stellungnahme die gemeinsame Trauer beider Länder über die Tragödie von Crans-Montana und kündigte enge Abstimmung mit Italien an.
Die Walliser Generalstaatsanwältin Béatrice Pilloud erklärte, der Entscheid zur Freilassung sei nicht von der Staatsanwaltschaft, sondern vom zuständigen Gericht gefällt worden. Sie habe den italienischen Botschafter entsprechend informiert und betont, keinem politischen Druck nachzugeben.
Wie es nun diplomatisch weitergeht, welche Rolle die Justiz spielt und wie Politik und Behörden auf die Forderungen aus Italien reagieren, liest du hier im Artikel meiner Kolleginnen und Kollegen.
«Wir werden vielleicht nie erfahren, warum unsere Kinder gestorben sind»
Von Janine Enderli, Redaktorin am Newsdesk
Sie beschreiben es als einen Schlag ins Gesicht: Nach der Freilassung von Jacques Moretti aus der U-Haft wächst bei den Opferfamilien Wut und Empörung.
«Ist Ihnen bewusst, welches Risiko besteht, dass wir vielleicht nie erfahren, warum unsere Kinder gestorben sind?», sagt Laetitia Brodard-Sitre im Gespräch mit BFMTV. Sie verlor ihren Sohn Arthur (†16) bei der Brandkatastrophe von Crans-Montana.
Was die Mutter besonders beunruhigt: Das Risiko einer Flucht. Jacques Moretti sei gegen Kaution freigelassen worden und könne sich nun gemeinsam mit seiner Frau Jessica mit anderen Personen absprechen. «Wie kann man sicher sein, dass sie nicht verschwinden?», fragt sie.
Moretti darf die Schweiz nicht verlassen, lebt unter strengen Auflagen. Er musste alle seine Identitätsdokumente abgeben und sich täglich bei der Polizei melden. Besonders in Italien hat dieser Entscheid Fassungslosigkeit ausgelöst, wie du hier nachlesen kannst.
Brodard-Sitre sprach mit L'Illustre, das wie Blick zu Ringier Medien Schweiz gehört, über die Bewältigung ihrer Trauer und die Liebe zu ihrem Sohn. Hier kannst du das ganze Interview nachlesen.
Nach acht Tagen beschlagnahmt: Was verraten die Handydaten der Morettis?
Von Janine Enderli, Redaktorin am Newsdesk
Handys sind in heutigen Strafverfahren oft ein wichtiges Beweismittel. Wir haben die Geräte ständig dabei – sie zeichnen unsere Routinen und Bewegungsabläufe auf.
Im Fall der Brandkatastrophe von Crans-Montana wurden die Smartphones des Betreiberpaars Moretti erst acht Tage nach der Tragödie beschlagnahmt. Ein Zeitraum, in dem relevante Daten hätten verändert oder gelöscht werden können.
Der Luzerner Dozent für digitale Forensik Hannes Spichiger erklärt gegenüber «24 heures», warum Handydaten für ein Strafverfahren von immenser Bedeutung sein können. Zum aktuellen Fall sagt er: «Die entscheidende Frage ist hier, ob dem Ehepaar, das das Geschäft führte, die Brandgefahr bewusst war. Hinweise darauf finden sich meist in der persönlichen Kommunikation, beispielsweise in SMS.»
Zwar liessen sich Nachrichten löschen, doch die Daten seien damit nicht automatisch verloren. «Viele Informationen befinden sich nicht nur auf dem Smartphone selbst, sondern auch bei Mobilfunkanbietern und in der Cloud, und der Nutzer hat keinen direkten Zugriff darauf.» Diese können also von den Behörden ausgewertet werden.
Der Experte hält digitale Daten gar für verlässlicher als Geständnisse, da Letztere strategisch motiviert oder unvollständig sein können. Die Erzählung gebe eine Hypothese, die sich dann mit digitalen Beweismitteln vergleichen lassen.
Telefondaten spielten bei nahezu allen Delikten eine Rolle. «Smartphones sind gewissermassen die Blackboxes unseres Lebens», so Spichiger.