«Wir haben die Gefühle der Kinder verletzt»
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Nidau entfernt Schüler-Deko:«Wir haben die Gefühle der Kinder verletzt»

Nidau entfernte «zu wilde» Weihnachts-Deko von Schülern – jetzt entschuldigt sich die Stadtpräsidentin
«Wir haben die Gefühle der Kinder verletzt»

Zu «wild» nannte die Stadtverwaltung die selbst gebastelte Dekoration von Schülern am Nidauer Weihnachtsbaum – und ersetzte sie durch klassische Kugeln. Das machte die Schüler traurig und die Bevölkerung wütend. Nun rudert Stadtpräsidentin Sandra Hess (FDP) zurück.
Publiziert: 09.12.2020 um 09:44 Uhr
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Aktualisiert: 10.12.2020 um 06:38 Uhr
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In Nidau hatten Schulkinder aus Recycling-Materialien eine Baumdekoration gebastelt.
Foto: Zvg
Céline Trachsel

Alles andere als besinnlich ist die Debatte um die Dekoration des grossen Weihnachtsbaums in Nidau BE. Erst hagelte es Kritik an der Deko, dann reagierte die Stadtverwaltung, dann schritt der Samichlaus ein, es kam zu Leserbriefen in der Lokalpresse, jetzt entschuldigt sich die Stadtpräsidentin und seit heute baumelt wieder am Baum, was ursprünglich dort hing.

Der Weihnachtsbaum-Zoff in der Seeländer Gemeinde spielt in drei Akten.

Als die Kinderaugen noch leuchteten

Die Burgergemeinde offeriert der Stadt jedes Jahr einen Baum – aus finanziellen Gründen sind es Schulkinder, die den Baumschmuck mit kostengünstigem Recycling-Material selber basteln. Mal aus Holz, mal aus Pet – so wie dieses Jahr. Als der erste Akt vollbracht war, die Kinder stundenlang gearbeitet und den Baum kurz vor dem ersten Advent mit ihren bunten Plastik-Schleifen dekoriert hatten, leuchteten ihre Augen noch.

Doch nicht lange. Stadtschreiber Stephan Ochsenbein sagte zum «Bieler Tagblatt», dass der diesjährige Baumschmuck «etwas gar wild» ausgesehen habe – um nicht das Wort hässlich in den Mund zu nehmen. Offenbar hatte es aus der Bevölkerung einige Reklamationen gegeben.

Stadtverwaltung dekoriert Baum kurzerhand um

Dann folgte der zweite Akt, jener der Stadtverwaltung: Kurzerhand wurde eine klassische Weihnachtsdeko organisiert und bei einer Hau-Ruck-Umgestaltung die Arbeiten der Kinder in Säcke gesteckt und weggebracht. Die Schule informierte man nur wenige Stunden vor der Aktion. Entsprechend entgeistert waren Schulleitung, Werklehrerin – und vor allem die Kinder.

Das veranlasste die Eltern, auf Facebook zu poltern. «Es macht mich wütend, dass man/frau mit einer solchen Ignoranz gegenüber Jugendlichen vorgegangen ist», schreiben sie in Kommentaren, nennen die Umgestaltung ein «Trauerspiel». «Sensibilität Null, Ignoranz total», meint ein Nidauer. Und in einem Leserbrief in der Lokalpresse wundert sich ein Einwohner: «Wo wurde denn nun plötzlich das Geld für den Baumschmuck gefunden?»

Letzter Versuch, die Lage noch zu retten

Am 6. Dezember schritt auch der Samichlaus zur Tat, setzte ein riesengrosses Zeichen für das Engagement der Kinder. Auf einem meterhohen Plakat prangte ein Spruch, wobei die Stadtpräsidentin an den Pranger gestellt wurde. Eine Rute habe sie verdient, diese Frau Hess!

«Wir haben die Gefühle der Kinder verletzt», sagt Stadtpräsidentin Sandra Hess (FDP) nun zu BLICK. Das «unsensible» Vorgehen tue ihr leid. Einen Teil des gebastelten Schmucks wurde nun am Mittwoch – im dritten Akt des Theaterstücks – wieder am Baum angebracht. Für die Kritiker wird zudem ein Plakat aufgestellt: Denen muss erklärt werden, wieso Recycling-Material zu Deko verarbeitet wurde. Upcycling nennt sich das. Das ist budget- und umwelt-, aber nicht nervenschonend.

Und nächstes Jahr? Dann soll es keinen Streit mehr um den Baum geben. «Wir starten einen partizipativen Prozess», verspricht Hess. «So etwas darf sich nicht wiederholen.»

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