Catia Martins (25) schildert den sexuellen Übergriff
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«Direkt auf meine Brust»:Catia Martins (25) schildert den sexuellen Übergriff

Bewohner belästigt Catia Martins (25) während der Arbeit – Altersheim wirft ihr vor, zu lügen
«Mir liefen Tränen übers Gesicht und ich zitterte»

Catia Martins (25) aus Merligen BE wurde sexuell belästigt – an ihrem Arbeitsplatz. Passiert ist der Vorfall in einem Altersheim am Thunersee, während ihrer Probezeit. Anstatt Unterstützung erhielt sie von ihren Vorgesetzten üble Vorwürfe.
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Catia Martins (25) wurde während ihrer Probezeit Opfer sexueller Belästigung am Arbeitsplatz – und verlor daraufhin ihren Job.
Foto: Karin Frautschi

Darum gehts

  • Catia Martins (25) erlebt sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz
  • Heimleitung wirft Martins vor, Vorfall erfunden zu haben
  • Martins plant Umschulung, prüft mit RAV Büroarbeit als neuen Karrierezweig
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Karin FrautschiReporterin Blick

«Ich habe meine Arbeit mit Freude gemacht», sagt Catia Martins (25) aus Merligen BE. Doch ein Vorfall am 24. Januar trübt diese Freude.

Martins ist stellvertretende Leiterin der Hauswirtschaft im Wohn- und Pflegezentrum der Oertlimatt Stiftung in Krattigen BE. Sie ist noch in der Probezeit. An jenem Samstag serviert sie den Bewohnerinnen und Bewohnern das Frühstück. «Es gab frische Brötli, Konfitüre und Butter», erzählt sie.

Bewohner fasst sie an

Als sie bei einem älteren Bewohner, der alleine an einem Tisch sitzt, den leeren Teller abräumen will, streicht er ihr langsam über den rechten Arm. Martins sagt nichts, arbeitet weiter.

Als derselbe Bewohner den Frühstücksraum verlassen will, steht Martins in einem schmalen Gang. Damit der Bewohner an ihr vorbeigehen kann, macht sie ihm Platz und stellt sich mit dem Rücken an die Wand.

Der Bewohner machte Catia Martins ein Kompliment für ihre «schönen Haare», die sie an jenem Tag zu einem solchen Zopf geflochten hatte.
Foto: Karin Frautschi

Der alte Mann kommt auf sie zu und macht ihr ein Kompliment für ihre «schönen Haare». Dann passiert es: «Er fasste mir an die Brust – und lächelte dabei. Mit flacher Hand, mehrere Sekunden lang.»

Die 25-Jährige ist perplex. Erst als der Bewohner weg ist, begreift sie, was der Mann gemacht hat. Sie gerät in Panik, Tränen kullern über ihre Wangen. Sie lässt alles stehen und liegen, verlässt den Raum und ruft ihren Freund an. Dieser macht sich auf den Weg zum Altersheim, um sie abzuholen.

«Sie bezeichnete mich als Mimose»

In der Wartezeit informiert Catia Martins ihre Arbeitskollegen. Sie ruft ihre Stellvertreterin an, schildert den Vorfall – und stösst auf Unverständnis: «Sie spielte es herunter und meinte, ich sollte den Tag einfach durchziehen.» Nächste Anlaufstelle ist der Pflegeleiter vor Ort. «Er hatte Verständnis und sagte, ich solle nach Hause gehen», so Martins.

Als ihr Freund mit dem Auto vor dem Ausgang wartet, wird Martins von einer anderen Mitarbeiterin aufgehalten. Martins erzählt ihr vom Vorfall: «Sie bezeichnete mich als Mimose. Das war hart.»

Per Whatsapp informiert sie auch ihre Vorgesetzte. Der Chatverlauf liegt Blick vor. Die Chefin antwortet, dass sie mit dem Heimleiter gesprochen habe und sie diesen Vorfall ernst nehmen würden. «Aber für uns ist es kein Grund, die Arbeit zu verlassen», schreibt die Chefin und fügt an, Martins hätte Distanz nehmen oder Nein sagen können.

«Ich war in diesem Moment so schockiert, ich konnte nichts sagen oder machen», sagt Martins zu Blick und erwähnt, dass sie bereits in ihrer Vergangenheit sexuelle Belästigung erlebt habe. Dieser neue Vorfall habe sie in diese Zeit zurückgeworfen.

«Es hat mich belastet. Ich hatte schlaflose Nächte, konnte zwei Tage lang niemanden in meine Nähe lassen», so die 25-Jährige. Sie begibt sich in psychologische Betreuung und wird krankgeschrieben.

«Das Gespräch eskalierte»

Martins wünscht ein Gespräch mit ihrer Chefin und dem Heimleiter, das drei Tage nach dem Vorfall stattfindet. «Das Gespräch eskalierte», sagt Martins Freund Wilhelm Klockmann (24), der sie zum Treffen begleitet hat.

Der Heimleiter sei aggressiv und laut geworden. Er habe Catia Martins vorgeworfen, alles nur erfunden zu haben, damit sie am Samstag nicht arbeiten müsse. «Ich konnte nicht glauben, was er sagte. Mir liefen Tränen übers Gesicht, und ich zitterte», sagt sie.

Ihr Freund Wilhelm Klockmann hat Catia Martins zum Gespräch mit der Heimleitung begleitet.
Foto: Karin Frautschi

Nach 20 Minuten brechen sie und ihr Freund das Gespräch ab. Später versuchen sie, die Kommunikation schriftlich weiterzuführen. Erfolglos. «Die Chefin hat mich im Whatsapp blockiert und meine Stelle wurde direkt wieder ausgeschrieben», so Martins.

Kündigung in der Probezeit

Die Kündigung erhält sie erst Mitte Februar per eingeschriebenen Post. Im Brief des Geschäftsleiters steht, dass die Auflösung des Arbeitsverhältnisses nicht im Zusammenhang mit dem Vorfall vom 24. Januar stehe. Er schildert Gründe, die unter anderem die Arbeitsqualität oder eine fehlende Vorbildfunktion betreffen.

Das macht Catia Martins wütend. Sie höre zum ersten Mal von solchen Vorwürfen, sagt sie zu Blick. Gegen die Kündigung will sie rechtlich vorgehen.

Auf Blick-Anfrage bestätigt Stephan Sigg, Präsident der Oertlimatt Stiftung, Kenntnis vom Fall zu haben. Konkret dazu äussern, will er sich nicht. Im Allgemeinen betont er: «Vorwürfe sexueller Belästigung nehmen wir als Pflegeinstitution sehr ernst. Der Schutz und die persönliche Integrität unserer Mitarbeitenden haben für uns oberste Priorität.»

Umschulung ins Büro

Catia Martins ist verzweifelt: «Es schockiert mich, dass Betriebe heutzutage noch auf diese Weise mit solchen Situationen umgehen.»

Von ihrem gelernten Beruf, Fachfrau Hauswirtschaft, brauche sie Abstand. Zu gross ist ihre Angst, bei einem anderen Arbeitgeber nochmals in eine solche Situation zu geraten. Mit dem RAV prüft sie Umschulungsmöglichkeiten. «Ich will einen beruflichen Neuanfang. Am liebsten im Büro.»

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