Bundespräsident Guy Parmelin: «Wir haben nicht alles gut gemacht»(01:50)

«Wir haben uns den Mund fusselig geredet. Es wollte nur keiner hören»
Experten widersprechen Parmelin

Selbst die Spezialisten hätten die Dynamik der Corona-Krise unterschätzt, sagt Bundespräsident Guy Parmelin. Ein Vorwurf, den sich die Wissenschaftler nicht gefallen lassen wollen.
Publiziert: 04.01.2021 um 09:24 Uhr
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Aktualisiert: 05.01.2021 um 11:23 Uhr
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Auch Experten hätten die Entwicklung unterschätzt, sagt Guy Parmelin im Interview mit dem SonntagsBlick.
Lea Hartmann

In seinem ersten Interview als Bundespräsident übt Guy Parmelin (61) Selbstkritik, was die Corona-Politik des Bundesrats betrifft. Man habe nicht alles gut gemacht, sagt er im Gespräch mit dem SonntagsBlick. «Zwischen Juli und September haben wir die Lage unterschätzt.» Gedanklich sei das Virus damals «weit weg» gewesen – und das gelte nicht nur für Politiker.

Parmelin behauptet, die Wissenschaft habe ebenfalls nicht mit einer solch heftigen zweiten Welle gerechnet. «Auch viele Spezialisten waren überrascht, als die Fälle plötzlich wieder derart schnell anstiegen.»

«Es wollte nur keiner hören»

Eine Darstellung, gegen die sich die Angesprochenen nun mit Vehemenz wehren. «Keiner der Experten war überrascht», widerspricht die Genfer Virologin Isabella Eckerle dem Bundespräsidenten via Twitter. Virologen, Epidemiologinnen und weitere Expertinnen und Experten hätten sich «den Sommer über den Mund fusslig geredet», ausserdem habe beispielsweise die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Empfehlungen abgegeben. «Es wollte nur keiner hören», hält Eckerle fest.

Auch Christian Althaus, Epidemiologe an der Uni Bern, kritisiert Parmelin für dessen Aussage. Aus seiner Sicht hat sich der Bundesrat im Sommer einfach nicht für die wissenschaftliche Taskforce und deren Einschätzung interessiert.

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Taskforce warnte im Juli

Tatsächlich kann der Bundesrat nicht behaupten, nicht gewarnt worden zu sein. Am 3. Juli veröffentlichte die Taskforce ein unmissverständliches «Policy Brief». Man sei alarmiert über den «rapiden Anstieg» der Covid-Infektionen in der Schweiz, heisst es darin. «Insbesondere in Gebieten mit hoher Bevölkerungsdichte nehmen die Fallzahlen exponentiell und mit hoher Geschwindigkeit zu.» Es sei deshalb «äusserst wichtig, rasch zu reagieren». Wenn die Massnahmen zu spät eingeführt würden, erschwere das die Kontrolle der Epidemie und die Vermeidung einer zweiten Welle.

Neun Tage später entscheidet der Bundesrat, dass Grossveranstaltungen ab dem 1. Oktober mit Schutzmassnahmen wieder möglich sind. Erst Ende Oktober werden Clubs geschlossen, obwohl die Taskforce schon im Juli vor dem hohen Infektionsrisiko zum Beispiel in Discos warnte.

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Es gab auch andere Stimmen

Allerdings muss der Landesregierung auch zugute gehalten werden, dass es tatsächlich einzelne Stimmen aus der Wissenschaft gab, welche die Situation ebenfalls unterschätzten. «Es sieht gerade wirklich, wirklich gut aus», sagte Epidemiologe Marcel Salathé Ende September in einem Interview mit der «SonntagsZeitung».

«Es gibt zwar Leute, die meinen, im Winter werde alles ganz schlimm. Ich gehöre aber nicht dazu. Ich glaube vielmehr, die Situation wird bald besser.» Salathés Einschätzung hatte zu diesem Zeitpunkt überrascht. Er ist, wie Althaus, Mitglied der wissenschaftlichen Taskforce des Bundes.

Bundesrat habe nichts gelernt

Inzwischen ist klar: Obwohl der erste Impfstoff früher als erwartet da ist, hat sich die Lage nicht entspannt – im Gegenteil. Virologin Eckerle wirft dem Bundesrat vor, nun denselben Fehler zu wiederholen. Die Corona-Taskforce des Bundes hat berechnet, wie sich die Fallzahlen in der Schweiz entwickeln könnten, wenn sich das mutierte Virus in der Schweiz in ähnlichem Tempo wie in Grossbritannien verbreitet. Würden keine weiteren Massnahmen getroffen, droht im Frühling eine massive dritte Welle, warnen die Wissenschaftler. Sie empfehlen – zum wiederholten Mal – konkrete Verschärfungen wie Homeoffice-Pflicht oder, erneut, Fernunterricht an weiterführenden Schulen.

Parmelin indes sagt im Interview, niemand könne sagen, «mit welchen Massnahmen die Probleme innert drei, vier Wochen gelöst wären». Es gebe Unklarheiten, welche Konsequenzen die Virus-Mutationen hätten.

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«Die Gefahr durch die neue Virusvariante wird nicht ernst genommen, es wird wieder abgewartet bis es zu spät ist, und wieder die Stimme der Wissenschaft ignoriert», kritisiert Eckerle. Dabei sollte, ergänzt sie, ein Blick nach Grossbritannien reichen, «um zu sehen, worauf wir zuschlittern».

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