Strengere Umwelt-Vorgaben gefordert
Schweizer Kreuzfahrtschiffe verschmutzen die Meere

Von der Schweiz aus werden mehr Kreuzfahrtschiffe gesteuert als von jedem anderen europäischen Land. Die Schweiz müsse die CO2-Schleudern stärker regulieren, so die Forderung. Doch der Bund sieht sich nicht in der Verantwortung.
Publiziert: 08.06.2024 um 08:00 Uhr
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Aktualisiert: 11.06.2024 um 09:29 Uhr
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Viele Kreuzfahrtschiffe werden aus der Schweiz gesteuert.
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Tobias BruggmannRedaktor Politik

Leinen los, das Kreuzfahrtschiff legt ab. Ferien, Erholung, Entspannung für die Passagiere. Während der Ruf vom Kapitän kommt, sitzen die heimlichen Kapitäne nicht hinter dem Steuerrad, sondern in der Schweiz. 

Was kaum jemand weiss: Die Schweiz ist eine Kreuzfahrtnation. Und das ganz ohne Meer. Fünf Unternehmen, die einen engen Bezug zur Schweiz haben, kontrollieren 42 Ozeandampfer, die über die Weltmeere schippern. Das zeigen Daten, die Fairunterwegs zusammengetragen hat, eine Nichtregierungsorganisation für nachhaltigen Tourismus. «Von der Schweiz aus wird ein erstaunlich grosser Teil der weltweiten Kreuzfahrtschiffe gesteuert», sagt Geschäftsführer Jon Andrea Florin. «Wir sind Europameisterin, die Schweiz hat mehr Schiffe als Deutschland und Grossbritannien.»

Schiffe sind CO2-Schleudern

Die mit Abstand grösste Flotte hält MSC Cruises mit Sitz in Genf. 23 Luxusdampfer hat Fairunterwegs gezählt. Dazu kommen 11 weitere Schiffe von Viking, die ihren operativen Hauptsitz in Basel hat, und insgesamt acht Kreuzfahrtschiffe von drei kleineren Firmen. «Und trotzdem macht unsere Regierung nichts», kritisiert Florin. 

Denn Kreuzfahrten sind ein Drecksgeschäft. Der CO2-Ausstoss ist enorm. Wie hoch genau? Darüber herrscht Stillschweigen. Nur MSC veröffentlicht konkrete Zahlen: Zwei Millionen Tonnen CO2 pro Jahr stossen ihre Kreuzfahrtschiffe aus – «mehr als die ganze Stadt Winterthur», sagt Florin. Dazu kommen fragwürdige Arbeitsbedingungen und tiefe Löhne für die Angestellten auf vielen Luxuskreuzern. 

Die Schweiz hat gegen all das kaum eine Handhabe. «Die Kreuzfahrtschiffe fahren nicht unter der Schweizer Flagge, sondern unter solchen von Ländern wie Panama», sagt Rechtsprofessor Mark Pieth (71). Das sei eine «hochproblematische» Praxis. Denn das Flaggenland ist verantwortlich, dass Klima- und Umweltrecht eingehalten werden. 

Auch Panama hat das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet, welches das Ziel festschreibt, die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Aber: «Solche Länder sind Weltmeister im Verträge unterzeichnen und diese dann zu ignorieren», sagt Pieth. 

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Bund sieht sich nicht in Verantwortung

Es gibt keine Anzeichen, dass der Bund die Kreuzfahrt-Firmen an die kurze Leine nehmen will. In der «Maritimen Strategie» taucht die Branche nicht auf. «Kreuzfahrtschiffe sind nur ein kleiner Teil der aus der Schweiz kontrollierten Schiffe», schreibt das Aussendepartement (EDA) auf Anfrage. Die Umwelt- und Sozialziele würden für sie gelten. Grosse Gesellschaften müssten zudem jährlich über Umwelt- und Arbeitnehmerbelange berichten.

Jon Andrea Florin genügt das nicht. «Wenn die Schweiz Steuern einkassiert, hat sie auch eine gewisse Verantwortung – zum Beispiel für das Klima.» Ihm schwebt eine Lösung wie in Norwegen vor. «Sie erlauben ab 2026 nur noch emissionsfreie Kreuzfahrten. Davon sind wir selbst auf dem Bodensee seemeilenweit entfernt.»

Nicht nur CO2-Ausstoss ist ein Problem

MSC kontert: «Unser oberstes Ziel ist es, die Ziele des Pariser Abkommens zu unterstützen», schreibt ein Sprecher. Dafür seien Kraftstoffe aus erneuerbaren Quellen entscheidend. «Unsere neuesten Schiffe sind für den Betrieb mit Flüssigerdgas (LNG) ausgelegt, das die Treibhausgasemissionen um bis zu 20 Prozent reduziert.» Zudem arbeite man an Effizienzverbesserung und könne am Hafen den Schiffsmotor abstellen, wenns dort Strom gibt.

Das Problem: Neben CO2 wird mit der LNG-Technologie Methan freigesetzt, sagt Florin. Das schadet dem Klima sogar deutlich mehr. Darum wird MSC Greenwashing vorgeworfen. Das stimmt nicht, kontert der Konzern. Jüngste Messungen unabhängiger Dritter hätten gezeigt, dass die neuesten Motoren 40 Prozent weniger Methan freisetzen würden als die von der EU festgelegten Standardwerte. Die Treibhausgasemissionen von LNG seien um bis zu 20 Prozent tiefer als bei konventionellen Kraftstoffen. Viking hat auf Blick-Anfragen nicht reagiert.

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Urteil erhöht Druck

Doch jetzt gibt es auch juristischen Druck. Der UN-Seegerichtshof in Hamburg stellte in einem Gutachten fest, dass die Staaten Massnahmen gegen den Treibhausgas-Ausstoss ergreifen müssen, wenn sie die Meere verschmutzen. Auch die Schweiz hat das UN-Seerechtsübereinkommen unterzeichnet. Beim EDA zuckt man allerdings mit den Schultern. Das Gutachten habe keinen direkten Einfluss auf Schweizer Schiffe. «Es handelt sich dabei nicht um ein Urteil in einem bestimmten Fall, sondern um ein nicht rechtsverbindliches Gutachten, das die Interpretation gewisser internationaler Bestimmungen des Gerichtshofs wiedergibt, die die Pflichten der Mitgliedstaaten zum Schutz der Meere vor dem Klimawandel behandeln.»

Florin setzt nun aufs Stichwort Konzernverantwortung. Die Konzernverantwortungs-Initiative ist 2020 zwar knapp gescheitert, doch neue Richtlinien der EU bringen die Schweiz unter Zugzwang. Auch Kreuzfahrtschiffe-Betreiber könnten dadurch stärker reguliert werden. Wann das passiert, ist offen. Der Bund werde die EU-Regelung und ihre Umsetzung in den Mitgliedsstaaten nun analysieren und dann über das weitere Vorgehen entscheiden, so das EDA.

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