Kritik an Patientendossier: «Wer das nicht will, muss aktiv Widerspruch leisten»(03:02)

«Millionen von Franken, die man aus dem Fenster wirft»
Kritik an teurer BAG-Kampagne

Das Bundesamt für Gesundheit will mit einer Millionenkampagne das elektronische Patientendossier bewerben. Das stösst auf Kritik.
Publiziert: 18.07.2023 um 00:13 Uhr
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Aktualisiert: 18.07.2023 um 08:45 Uhr
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Das Bundesamt für Gesundheit will mit einer neuen Kampagne das elektronische Patientendossier fördern.
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Tobias BruggmannRedaktor Politik

Nicht kleckern, klotzen. Seit Ende Juni läuft die Kampagne des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zum elektronischen Patientendossier (EPD). Die digitale Krankenakte ist etwa so beliebt wie ein Fondue am heissesten Tag des Jahres.

Gerade einmal 20'000 Dossiers wurden bis im Mai eröffnet. Viel zu wenig, findet das BAG. Es hat deshalb eine Kampagne gestartet. In mehreren Wellen sollen zuerst die Spitäler und ab kommenden Jahr auch die breite Bevölkerung vom EPD überzeugt werden.

Stolze 3,6 Millionen Franken darf das BAG vorerst für Plakate mit Slogans wie «Das EPD wirkt» ausgeben. Für eine allfällige Verlängerung bis 2027 könnten weitere 1,5 Millionen Franken fliessen.

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Das nervt SP-Nationalrätin Sarah Wyss (34): «Das sind Millionen von Franken, die man einfach aus dem Fenster wirft.» Sie arbeitet selbst bei den psychiatrischen Diensten in Bern. «Das jetzige Modell des elektronischen Patientendossiers nützt weder den Spitälern noch den Patienten.»

Spitäler sind nicht dabei – obwohl sie müssten

Und Wyss befürchtet, dass jene enttäuscht werden, die sich neu eine elektronische Krankenakte anlegen. «Das EPD ist aktuell ein Dokumenten-Friedhof. Es funktioniert nicht, weil alles freiwillig ist.» Vorteile biete das EPD so kaum.

Tatsächlich sind bloss 44 Prozent aller Spitäler und 33 Prozent der Pflegeheime angeschlossen – obwohl sie gemäss Gesetz dabei sein müssten. Doch es gibt keine Sanktionen und offenbar auch nur wenige Anreize, mitzumachen. «Denn aktuell gibt das EPD keinen Mehrwert für die Patienten oder die Gesundheitsversorgung», sagt Wyss. Sie stellt sich jedoch nicht generell gegen eine digitale Krankenakte. Aber: «Statt jetzt viel Geld zu verschwenden, braucht es einen Marschhalt.» Aus Sicht von Wyss soll das EPD zunächst verbessert und erst danach beworben werden.

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Tatsächlich hat Gesundheitsminister Alain Berset (51) dazu bereits eine Vorlage in die Vernehmlassung gegeben: Auch Hausärztinnen, Apotheker und Physiotherapeutinnen sollen neben den Spitälern das EPD nutzen müssen – sonst drohen Strafen. Auch Privatpersonen sollen automatisch ein Dossier bekommen. Wer das nicht will, muss selbst aktiv werden.

Aber selbst mit dem Vorschlag ihres Parteikollegen Berset ist Wyss nicht glücklich: «Technisch gesehen bleibt das EPD ein PDF-Friedhof. Doch wenn es viele Leute nutzten, wird es sich auch technisch verbessern.» Für sie ist jedoch klar: Wenn das EPD Pflicht werde, müsse man die Bevölkerung informieren. «Dafür sollte man das Geld ausgeben.»

Krankenakte bekommt neue Funktionen

Das BAG räumt ein, das EPD sei noch nicht perfekt. «Aber es funktioniert und wird laufend verbessert.» Dass alle Gesundheitsinformationen an einem Ort seien, wäre eine «deutliche Verbesserung zu heute». So bliebe mehr Zeit für die medizinische Betreuung, und unkoordinierte Abklärungen könnten vermieden werden.

Zudem würden laufend neue Anwendungen dazukommen. «Demnächst wird zum Beispiel der elektronische Impfausweis verfügbar sein.» Diese Weiterentwicklungen – wie auch der Medikationsplan und elektronische Rezepte, die folgen werden – seien nicht von Bersets Vorschlag abhängig.

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«Damit gewinnt das EPD an Fahrt», schreibt das BAG. Doch damit die digitale Krankenakte ihre volle Wirkung entfalten kann, müsse ihre Nutzung gefördert werden. Es sei darum der richtige Zeitpunkt, um das EPD bekannter zu machen, verteidigt das Amt die Millionenkampagne.

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