500 Tage Isolation und Folter – seit vier Jahren ist Natallia Hersche wieder frei
«Ich habe meinen Frieden gefunden»

500 Tage ertrug die Schweizerin Natallia Hersche Isolation und Folter in den Strafkolonien in Belarus. Seit vier Jahren ist die Widerstandskämpferin frei und lebt heute in St. Gallen – mit einem alten Gefährten an ihrer Seite.
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«Ich bin froh, dass Chanel wieder bei mir ist.» Nach der Freilassung konnte Hersche ihre zehnjährige Katze zurückkaufen.
Foto: Fabienne Bühler

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Natallia Hersche protestierte 2020 in Minsk gegen Wahlfälschung Lukaschenkos
  • 46 Tage Einzelhaft im Karzer: Beton, Kälte, Folter
  • 17 Monate Haft: Freilassung Februar 2022, Leben neu aufgebaut in St. Gallen
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Silvana Degonda
Schweizer Illustrierte

Natallia Hersche blickt um sich. Wieder das Gefängnis! Wieder Belarus. Wie ist sie hierhergekommen? Sie geht in den Hof, der grün bepflanzt ist – der Sicherheitszaun ist niedrig, leicht zu überwinden. Eine Gruppe Menschen geht vorbei. In ihrer Mitte der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko. Hersche spricht ihn an, klagt ihn an! Er wendet sich ab – geht in eine Ecke und weint.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

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Dann wacht Natallia Hersche (56) auf. «Ich hatte diesen Albtraum fast zwei Jahre nach meiner Freilassung», sagt sie in ihrer Stube in St. Gallen. «Heute sehe ich ihn als meinen Befreiungsschlag. Ich habe meinen Frieden gefunden.»

Freiheit in zwei Zimmern

Seit vier Jahren ist die schweizerisch-belarussische Doppelbürgerin wieder frei. 17 Monate sass sie in verschiedenen belarussischen Gefängnissen, weil sie 2020 in Minsk auf die Strasse ging, um gegen die Wahlfälschung von Diktator Lukaschenko zu protestieren. Als ein Polizist sie festnahm, versuchte sie, ihm die Sturmhaube herunterzureissen. «Ich wollte das Gesicht des Menschen sehen, der mich verhaftet», sagte sie damals. Sie wurde zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Ihr Fall erreichte die höchste politische Ebene, Aussenminister Ignazio Cassis setzte sich für sie ein. Vergeblich.

In der Strafkolonie weigerte sie sich, Uniformen für das Regime zu nähen. Dafür erhielt sie 46 Tage Einzelhaft im Karzer, einer Zelle aus Zeiten der Sowjetunion. Eineinhalb Meter breit, sieben Schritte lang. Beton, Durchzug, Kälte. «Das war Folter.» Sie hatte nur ein Küchentuch als Decke. Nachts lief sie auf der Stelle. «20 Minuten joggen, 20 Minuten liegen. Die ganze Nacht.» Ein Gnadengesuch lehnte die Mutter zweier erwachsener Kinder ab. «Ich habe nichts falsch gemacht und konnte mich nicht selber belügen. Das wäre noch schlimmer gewesen.»

Als sie im Februar 2022 überraschend freikam, hielt sie das Sonnenlicht kaum aus. «Meine Augen waren empfindlich geworden.» Sie hatte viel Gewicht verloren, Haare auch. Zurück in der Schweiz, war ihr Leben ein Trümmerhaufen. Die Beziehung zerbrochen, die Wohnung aufgelöst, fast alle Habseligkeiten weg. «Ich hatte kaum noch etwas.» Wochenlang schlief sie im WG-Zimmer ihrer Tochter in Zürich.

«Das Schädelmodell habe ich im Internet bestellt.» In ihrer Stube übt Natallia Hersche das Zeichnen.
Foto: Fabienne Bühler

Heute sind die Wände ihrer kleinen Zweizimmerwohnung bunt. Die Tapeten hat sie selbst angebracht. «In Belarus haben wir immer alles selber gemacht», sagt sie und lacht, als sei das eine Selbstverständlichkeit. Hersche wuchs in der Industriestadt Orscha auf, schon als Mädchen zeichnete sie gern Gesichter. «Irgendwie war das immer in mir.» Auch im Gefängnis porträtierte sie Mitinsassinnen. «Jede Einzelne hat sich über das Porträt gefreut – und ich mich mit ihnen.» Ob die Frauen die Bilder behalten durften, weiss sie nicht. «Vielleicht haben die Wärter sie bei der Freilassung zerstört.»

Vor vier Jahren zog Natallia Hersche nach Tübach SG zu ihrem Ex-Partner. «Es war eine unruhige, aber sehr lehrreiche Zeit für mich, in der ich viel über mich gelernt habe – was mir guttut und was nicht. Auch beruflich stellte ich mir viele Fragen: Wo gehöre ich hin? Was will ich wirklich tun?» Schliesslich wurde sie auf das Werkheim Neuschwende in Trogen AR aufmerksam, wo Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung wohnen und arbeiten. Hersche erhielt eine Praktikumsstelle. Heute absolviert sie dort die zweijährige Ausbildung zur Arbeitsagogin. «Im Werkheim kann ich mit Menschen arbeiten und kreativ sein – das erfüllt mich.» Sie gestaltet etwa mit den Bewohnerinnen und Bewohnern Kunstkarten. «Es ist schön zu sehen, wie Menschen durch eigenständiges Arbeiten Selbstwert und Stolz entwickeln.» Nach der Trennung von ihrem Partner zog sie vor acht Monaten nach St. Gallen. Hier begann für sie ein neuer, ruhiger Lebensabschnitt. «Ich mag die Stadt sehr – alles ist in der Nähe, es herrscht keine Hektik.»

«Menschen mit ihren Geschichten ziehen mich an.» Ihre Leidenschaft, das Malen, hatte Natallia Hersche schon als kleines Mädchen.
Foto: Fabienne Bühler

Heimkehr und Hoffnung

Chanel streift schnurrend um Natallia Hersches Beine. Als sie in Haft sass, wurden ihre drei Büsi in der Schweiz verschenkt. Nur die Britisch-Kurzhaar-Katze Chanel konnte sie, kaum war sie frei, zurückkaufen.

In den vergangenen Jahren ihres neuen Lebens hat Hersche ihren Alltag Stück für Stück aufgebaut. Jeden Sonntag besucht sie die Kirche. «Ich kenne die Menschen, deren grösste Angst es ist, von anderen verlassen zu werden. Das habe ich selbst erlebt – es ist schmerzhaft. Doch meine grösste Angst ist es, von Gott verlassen zu werden.»

Nach Belarus kann sie nicht zurück, solange die Diktatur herrscht. Ob sie heute etwas anders machen würde? Nein. «Ich habe das nicht für mich gemacht, sondern für alle meine Vorfahren und für alle meine Nachfahren. Für mich stimmt es so.» Der Traum, in dem Alexander Lukaschenko weinte, war für sie ein Schlusspunkt.

Sie lehnt sich zurück, Chanel springt auf ihren Schoss. «Ich bin für das eingestanden, was ich für richtig halte. Jetzt möchte ich mein Leben weiter aufbauen – und nach vorne schauen.»

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