Darum gehts
- 2. Todestag von Freddy Nock
- Kinder gedenken ihrem Vater
- Nock war der wohl bekannteste Hochseilartist der Schweiz
Der Himmel über Lipperswil TG ist an diesem Januarnachmittag grau und trist. Es ist kalt, die Luft klar, die Umgebung still. Auf dem kleinen Friedhof bei der reformierten Kirche stehen vier junge Menschen vor einem Grab. Keine unnötigen Worte. Nur Nähe. Und Erinnerungen.
Auf dem Grab von Freddy Nock (1964–2024) wachsen Pflanzen. Daneben stehen Kerzen, Blumen – und eine Dose Coca-Cola. Sein Lieblingsgetränk. «Das hat jemand hingestellt», sagt Melanie leise. «Das machen Leute immer wieder.» Ein Zeichen dafür, dass Freddy Nock auch zwei Jahre nach seinem Tod nicht vergessen ist. Die Geschwister zünden eine Kerze an. Melanie (36), Kimberly (28), Antonia (22) und Leo (14). Vier Persönlichkeiten, die viel miteinander teilen – und eines ganz besonders: einen Vater, der nie ein gewöhnlicher Vater war.
«Unser Papi hat immer gesagt, wir sollen nicht traurig sein, wenn er einmal nicht mehr da ist», sagt Leo. «Er wollte, dass wir lachen. Dass wir optimistisch und fröhlich weiterleben.» Freddy Nock starb am 7. Februar vor zwei Jahren. Er wurde nur 59 Jahre alt. Für die Öffentlichkeit war er der Extremsportler, der Seiltänzer ohne Sicherung, der Mann, der Rekorde brach – und schliesslich im Sorgerechtsstreit um seinen Sohn sein Gleichgewicht verlor. Für seine Kinder hingegen war er einfach: Papi.
Zurück zu Hause, ist alles vertraut. Fotos auf dem Tisch. Erinnerungsstücke. «Hier ist alles wie vor zwei Jahren», sagt Kimberly. «Und gleichzeitig ist nichts mehr gleich.» Heute wohnt nur noch die Älteste, Melanie, dort.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.
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Sie setzen sich an den Tisch. Es wird auch gelacht. Fröhlichkeit und Optimismus gehören dazu. Dies würde Freddy gefallen. «Wenn wir früher irgendwohin gefahren sind, haben wir uns immer gestritten, wer beim Papi sitzen darf», erzählt Melanie. «Beim Papi gab es Süssigkeiten. Immer. Egal, wann und zu welcher Tageszeit.»
Kimberly nickt. «Bei Mami nicht», sagt sie und lacht. «Aber bei Papi schon.» War Freddy Nock streng? «Ja», sagt Melanie ohne Zögern. «Sehr sogar. Aber er war auch extrem liebevoll.» Kimberly ergänzt: «Er hatte klare Regeln. Aber er konnte auch unglaublich lustig sein. Wenn man etwas Verrücktes machen wollte, hat man gesagt: ‹Papi, kommst du mit?› Und meistens ist er mitgekommen.» Oder er hat uns am Morgen geweckt und gesagt: «Jetzt erleben wir ein Abenteuer.»
Lebendige Erinnerungen
Leo, der Jüngste, sitzt ruhig in seinem Stuhl – der Gedanke, dass sein Vater nicht mehr da ist, scheint für ihn irgendwie surreal. Auch weil die Erinnerungen lebendig sind: «Er war nie jemand, der einfach zu Hause sass», sagt der 14-Jährige. «Er hat immer gesagt: ‹Komm, wir gehen raus.› Spazieren, Velo fahren, skaten.»
Stillstand war nichts für Freddy Nock. Bewegung war sein Credo. Und trotzdem habe er die Balance gehabt: «Auf dem Seil und im Herzen» – weil er seine Kinder über alles liebte.
Die Regeln wurden mit jedem Kind etwas lockerer. «Bei Melo und Steffi war er am strengsten», sagt Kimberly. «Dann kam ich, dann Toni – und bei Leo liess er vermutlich viel mehr durchgehen als bei uns.» Leo lächelt. Er kennt die Geschichten. Und doch fehlt ihm etwas, das er nie mehr haben wird: die Zeit mit seinem Vater. Die Erfahrungen, die man beim Älterwerden teilt – und die Ratschläge, die jedes Kind braucht. Dies wird Leo nie kennenlernen – weil das Schicksal einen anderen Plan hatte. «Er war nicht alt, als er uns verlassen hat», sagt Kimberly leise, «er ging viel zu früh.» Das sei etwas, das sie immer wieder bewege, sagt sie: «Wir werden ihn nie alt sehen. Nie mit grauen Haaren. Nie mit Falten.» Der Tod kam früh. Und plötzlich. «Es fühlt sich manchmal immer noch an wie gestern», sagt Kimberly, «Vor allem an Geburtstagen oder an seinem Todestag kommen die Gefühle wieder intensiv hoch.» Antonia nickt; «Ich denke jeden Tag an ihn. Wirklich jeden Tag.» Zu Hause hat die Zweitjüngste eine Ecke eingerichtet. Mit Fotos. «Wenn ich daran vorbeigehe, ist er da.»
Die ersten Wochen nach seinem Tod waren schwer. Nicht nur wegen der Trauer – sondern auch wegen der Öffentlichkeit. «Plötzlich waren Medien da», sagt Melanie. «Das kannten wir nicht. Er war immer er im Fokus, aber nicht wir.» Leo erlebte das anders. «Ich wurde in Ruhe gelassen – und werde es noch heute», sagt er. Doch die Ruhe vertreibt die Melancholie nicht. «Ich denke oft an ihn – wir haben so viel miteinander erlebt. Und jetzt ist da nur noch eine Lücke, die sich nie schliessen lässt.» Was hilft, sind die Erinnerungen. Und davon gibt es viele. Freddy Nock filmte alles. «Er hatte immer eine Kamera dabei», sagt Melanie. «Alles wurde festgehalten.» Kimberly ergänzt: «Er hat sogar unsere ersten Haare und Zähne aufgehoben. Das zeigt, wie stolz er war.»
Mut gehörte zu seinem Wesen
Freddy Nock war ein Mann, der keine Angst kannte. Mut gehörte zu seinem Wesen – und grenzenloser Optimismus. «Er hat immer gesagt: Es gibt nichts, was nicht geht», sagt Kimberly. «So hat er gelebt – und es uns weitervermittelt. Den Lebensmut haben wir von ihm.»
Auch Melanies Zwillingsschwester Stephanie, die heute in Sydney lebt, erinnert sich daran. «Ich hatte oft Angst um ihn», sagt sie. «Aber ich wusste, dass er extrem gut vorbereitet war.» Er habe nicht nur das Seiltanzen trainiert, sondern auch das Auffangen. «Das Wiederaufstehen», so Stephanie. «Das ist etwas, das man fürs Leben braucht.» Auch Leo, der mit seinem Vater übers Hochseil gelaufen war, erinnert sich an die akribische Schaffensweise von Freddy: «Das gab mir schier grenzenloses Vertrauen. Nie hatte ich Angst, wenn wir auf dem Seil standen.» Die Erinnerungen werden greifbar – auch die an den Abschied. Die Trauerfeier in Märstetten TG war überwältigend. «Gefühlt war die halbe Welt da», sagt Melanie. «Wir waren körperlich anwesend – aber geistig irgendwo anders.» Kimberly hielt die Rede vor der Trauergemeinde – und lieferte den emotionalen Höhepunkt: «Meine Beine waren wie Pudding», sagt sie. «Und plötzlich hat es geregnet. Für mich war das ein Zeichen unseres Vaters: Ich bin da.» Die letzten Jahre von Freddy Nock seien in der Öffentlichkeit oft verzerrt dargestellt worden: Anklage, Prozess, private Sorgen. Seine Kinder tun sich schwer damit: «Von einigen wurde er auf seine Probleme reduziert», sagt Kimberly. «Dabei war das überhaupt nicht das, was ihn ausgemacht hat.» Melanie ergänzt: «Er war gutgläubig. Herzlich. Und das wurde manchmal ausgenutzt.»
«Wir tragen uns gegenseitig»
Geblieben ist der Zusammenhalt der Nock-Kinder. «Wir gehören zusammen. Dass Leo eine andere Mutter hat, spielt für uns keine Rolle», sagt Melanie. «Leo ist unser Bruder. Punkt.» Ohne diese Nähe hätte in den letzten zwei Jahren vieles nicht funktioniert. «Wir tragen uns gegenseitig», sagt Melanie. «Das ist unser Fundament.»
Und Freddy Nock? Wo ist er heute? «Für mich ist er immer da», sagt Kimberly, «ein Vorbild und Orientierungspunkt.» Leo überlegt kurz. Dann sagt er: «Vielleicht balanciert er irgendwo weiter.» Zwischen Himmel und Erde. Zwischen Mond und Mars. Was würden sie ihm sagen, wenn er zuhören könnte? Melanie zögert nicht. «Danke. Für alles, lieber Papi.» Dann wird es still. Aber nicht schwer. Mit einem Lächeln. So, wie es Freddy Nock gefallen hätte.