Darum gehts
Auf dem Eis prügeln sie dem Gegner den Helm vom Kopf, lassen ihre Körper an der Bande mit voller Wucht aufeinanderkrachen – und dazwischen Blicke, die länger dauern, als sie dürften. Die kanadische Streamingserie «Heated Rivalry» zeigt genau diesen Widerspruch: brutale Checks, zersplitterte Plexiglasscheiben – dann plötzlich zwei nackte Oberkörper unter der Dusche und ein Kuss, der alles verändert. Clips aus der Serie werden millionenfach gelikt, junge Fans schneiden die heissesten Szenen zusammen und teilen sie auf Tiktok.
Es ist der perfekte Stoff für eine Fantasie: zwei Eishockeystars, offiziell Rivalen, die sich auf dem Eis hassen und im Bett lieben. Im Stadion schreien die Fans «du schwule Sau», draussen im Internet feiern sie dieselbe Story als romantischen Softporno. Während es nun die Serie auch auf Deutsch gibt, sitzen in Schweizer Stadien echte Profis in der Kabine, für die diese Bilder gefährlich nah an ihrer realen Angst sind.
Sex mit Männern, die offiziell hetero sind
Einer, der genau weiss, wie sich diese verbotene Nähe anfühlt, ist der Zürcher Veranstalter Reto Hanselmann (44). «90 Prozent meiner sexuellen Erfahrungen waren mit Männern, die offiziell hetero sind», sagt er – Männer mit Ehefrau, Kindern, Haus im Grünen. Jahrelang hatte Reto Hanselmann Affären mit Profisportlern aus Eishockey, Fussball, Langlauf. Nach aussen gaben sie das perfekte Männlichkeitsbild ab – und nachts im Hotelzimmer zitterten sie, ob jemand sie erwischen könnte.
«Es ging nicht nur um Sex», sagt Reto Hanselmann. Mit einem Eishockeyspieler aus der höchsten Schweizer Liga hatte er drei Jahre eine intensive Affäre. Eine verbotene Liebe, denn nach wie vor ist männliche Homosexualität im Spitzensport ein Tabu. «Wir haben uns in einer Bar kennengelernt. Wir haben uns intensiv unterhalten – und irgendwann habe ich gesagt, dass ich schwul bin. Daraufhin hatte er ganz viele Fragen an mich.» Reto Hanselmann nennt weder Club noch Namen – er will niemanden zwangsouten.
«Die Hände rochen wie Käsefüsse»
Später sei es zu Szenen gekommen, die auch in «Heated Rivalry» vorkommen könnten: Reto Hanselmann und der Eishockeyprofi gehen ins Hotel, schauen einen Hetero-Softporno an, der Sportler tut, als ob er einschlafen würde – bis seine Hand «zufällig» auf Reto Hanselmanns Schulter fällt. Dann wandert sie langsam nach unten über die Brust. Er spielt mit der Brustwarze. Für Reto Hanselmann ist nun klar: «Das ist eine Einladung.» Der offiziell heterosexuelle Star bekommt eine Erektion, lässt sich von ihm berühren, die beiden haben Spass. Worüber sich Reto Hanselmann wundert: «Die Hände rochen wie Käsefüsse. Er konnte sich noch so gut einseifen und abschrubben – aber der Geruch der Handschuhe blieb an ihm kleben. Daran musste ich mich erst gewöhnen.»
Erlebnisse wie diese hatte Reto Hanselmann immer wieder, oft auch ergänzt um den Satz: «Gell, ich bin dann nicht schwul.» Was Hanselmann lernen muss: «Als Affäre mit einem ungeouteten Profisportler ist man niemals die Nummer eins. An erster Stelle kommt Eishockey.» Je erfolgreicher sein Schwarm wird, desto kleiner wird die Hoffnung auf eine Beziehung. Der Profi wird vom Ausland abgeworben – und bricht Reto Hanselmann das Herz.
«Die Fans sind das Problem»
Der Zürcher Unternehmer ist überzeugt: Nicht Vereine oder Sponsoren verhindern Outings im Profisport, sondern die Fans. In einem vollen Stadion reiche ein verschossener Penalty, um Spieler fertigzumachen. «Ein schwuler Mann gilt nicht als richtiger Mann, und wer verliert, liefert die perfekte Angriffsfläche.»
Reto Hanselmann hofft, dass Serien wie «Heated Rivalry» dazu beitragen, Homosexualität im Profisport zu enttabuisieren. Deswegen spricht er erstmals über seine erotischen Abenteuer im Blick und im Podcast «Hanselmann & Heller». «Es wäre schön, wenn die Fans sich auf die sportlichen Leistungen konzentrieren würden und das Schlafzimmer egal wäre.»