Darum gehts
Heiner Lauterbach (72) gehört seit vierzig Jahren zu den ganz Grossen des deutschen Kinos. Das Interview mit Blick zu seinem neuen Film «Ein fast perfekter Antrag» findet per Videocall statt. «Ein herzliches Grüezi in die Schweiz», meldet sich Lauterbach gut gelaunt.
Blick: Sie spielen den pedantischen Witwer Walter, der sich zu Beginn des Films telefonisch bei einem Pizzahersteller beschwert, weil auf der Pizza Scampi Shrimps liegen. Deshalb die Frage an Sie: Scampi oder Shrimps?
Heiner Lauterbach: Hmm, Scampi sind die Besseren, oder? Ich hab den Unterschied schon wieder vergessen.
Mögen Sie Pizza überhaupt?
Nur sehr bedingt.
Ihre Figur gibt unentwegt Onlinekommentare ab und bewertet Dinge. Machen Sie das persönlich auch?
Überhaupt nicht. Ich halte gar nichts davon, zumal ich davon ausgehe, dass die Bewertungen zu einem grossen Teil von den Firmen selbst geschrieben sind und insofern gar keine vernünftige, objektive Aussage haben.
Gibt es überhaupt Parallelen zwischen Ihnen und Walter?
Beim Lesen des Drehbuchs habe ich nichts festgestellt. Ich habe auch keinen Hund. Wenn ich den Film jetzt betrachte, sehe ich aber die eine oder andere Nähe. Doch das ist vor allem so, weil ich die Figur an mich gezogen und möglichst viel von mir reingelegt habe. Ohne sie zu beschädigen.
Mussten Sie lange überlegen, bis Sie die Rolle angenommen haben?
Nein, das Drehbuch gefiel mir auf Anhieb. Es bedient viele Ebenen und zeichnet tolle Charaktere, die alle eine gewisse Fallhöhe haben. Die Dialoge sind sehr witzig und wirken nie aufgesetzt. Und eine Figur zu spielen, die so weit von mir entfernt ist, war auch eine schöne Herausforderung.
Sie haben vor sechs Jahren in der VOX-Serie «Unter Freunden stirbt man nicht» zum ersten Mal mit Iris Berben gespielt. Fürs Kino und als Liebespaar aber noch nie. Weshalb hat es so lange gedauert, bis Sie zueinanderfanden, jedenfalls auf der Leinwand?
Das wissen wir beide auch nicht. So viele gleichaltrige Menschen gibt es ja nicht in unserer Branche. Und ich habe sonst auch alle deutschsprachigen Filmpartnerinnen durch, Iris war wirklich die Letzte, glaube ich. Von den Bekannten zumindest. Das ist wohl einfach Zufall.
Und Sie haben sich vorher auch nicht wirklich gut gekannt, oder?
Nein, aber das hat sich nun durch den Dreh verändert. Wir haben festgestellt, dass wir uns sehr mögen und dass wir uns sehr ähnlich sind, auch in unserer Arbeitsweise. Iris kommt immer extrem gut vorbereitet ans Set und bringt sich sehr in die Szenen ein. Es geht ihr immer um das grosse Ganze und die Perfektion. Ich sehe das genauso. Abgesehen davon können wir uns gut riechen, wie man so schön sagt. Wir mögen uns, und das hilft auch bei Liebesszenen. Sonst muss man nur noch mehr Schauspieler sein.
Es gibt nicht mehr so viele Schauspieler in Ihrem Alter, die auch so gut sind. Geht das bei Ihnen nun immer noch weiter, oder ist irgendwann eine Grenze erreicht?
Ich hoffe schon, dass ich noch etwas Zeit habe. Aber die Angebote werden sukzessive weniger. Für 100-Jährige gibt es nur noch wenige Rollen, auch im Theater. Doch es ist einer der Vorteile in unserem Beruf, dass wir bis ins hohe Alter arbeiten können. Dass wir nicht nur in der Lage sind, zu arbeiten, sondern dass wir sogar immer besser werden können. Im Gegensatz zu Sportlern, um das andere Extrem zu erwähnen. Und die Sache mit der Rente stelle ich mir ziemlich grausam vor. Wenn Menschen mit 67 auf einmal zu Hause bleiben müssen. Das ist bei uns Gott sei Dank nicht der Fall.
Gibt es, wenn Sie sich Filme mit Ihnen von ganz früher anschauen, auch Dinge, die Sie früher besser gekonnt haben als heute?
Bei Actionszenen, wenn es um Körperlichkeit geht, bin ich mittlerweile etwas limitiert. Wenn ich früher vom Fahrrad fallen sollte, habe ich gesagt, klar, wo ist die Wiese? Aber was die reine Schauspielerei betrifft, werde ich wirklich immer besser, habe ich jedenfalls das Gefühl. Die Leidenschaft ist immer noch da, und die Erfahrung nimmt zu.
Sie haben vor 40 Jahren mit dem Kassenschlager «Männer» den Durchbruch geschafft. Heute ist das Kino in der Krise. Überlebt es die nächsten Jahre?
Da ich ein optimistischer Mensch bin, würde ich das mal mit Ja beantworten. Im Moment erleben wir eine Umkehr der Pyramide. Als ich jung war, hiess es, 80 Prozent der Kinogänger seien zwischen 12 und 21 Jahre alt. Heute ist es so, dass vermehrt ältere Leute ins Kino gehen. Dazu gehört auch das Publikum für unseren neuen Film. Und die Jungen hängen auf Youtube ab. Alles, was über drei Minuten ist, langweilt sie schon. Aber ich hoffe, dass sich diese Entwicklung wieder etwas beruhigt. Dass die Menschen eines Tages sagen: Es ist doch ganz schön, wenn wir uns im Park treffen und uns vielleicht mal ansehen oder berühren oder vielleicht sogar in den Arm nehmen, statt irgendwo ein blaues Häkchen zu machen. Oder eben ins Kino gehen, statt eine Netflix-Serie auf dem Handy anzuschauen. Das Seherlebnis und die Konzentration sind ganz anders.
Sie haben auch sehr viel als Synchronsprecher gearbeitet. Momentan gibt es einen Streik von deutschen Sprechern, die den Netflix-Vertrag nicht unterschreiben wollen, weil sie Angst haben, ihre Stimme würde in Zukunft künstlich erzeugt. Wie gefährlich ist KI für Ihren Berufsstand?
Was die Synchronsprecher betrifft, sehe ich in der Tat schwarz. Ich glaube, dass sie eine ganz schwierige Zukunft vor sich haben, weil Stimmen verhältnismässig gut kopierbar sind. Auch Bilder und Filme können in Zukunft KI-erzeugt sein. Ich glaube aber, dass auch da früher oder später das Verlangen der Zuschauer nach Wahrhaftigkeit kommt. Ich rede gerne von diesen magischen Momenten, die wir manchmal beim Drehen haben. Zum Beispiel bei der grossen Liebesszene am Ende dieses Films. Solche Szenen passieren aus dem Moment heraus, die kann man nicht rekonstruieren oder künstlich erzeugen. Das wird immer den Unterschied machen.
Im Verlauf Ihrer Karriere haben Sie sich stets auch politisch geäussert und zuletzt 2025 Wahlwerbung für die CDU gemacht. Was sagen Sie zum aktuellen Kanzler?
Im Grossen und Ganzen bin ich zufrieden mit dem, was die Regierung unter Friedrich Merz versucht. Das ist natürlich, wie einen Ozeanriesen zu stoppen, um ihn in ein anderes Gewässer zu leiten. Ehrlich gesagt bin ich erst mal froh, dass die frühere Regierung nicht mehr da ist. Sie hat in meinen Augen sehr viel falsch gemacht. Aber das ist natürlich ein Jammern auf hohem Niveau. Es muss unglaublich schwer sein, eine Regierung zu bilden und ein Volk zu leiten. Wir meckern immer alle und wissen im Nachhinein alles besser. Insofern muss man auch ein bisschen Nachsicht mit den Politikern haben, wenn sie mal einen Fehler machen.
«Ein fast perfekter Antrag» von Marc Rothemund (57, «Sophie Scholl – Die letzten Tage») startet am 26. Februar in den Schweizer Kinos.