Neue dreiteilige Netflix-Doku über «America's Next Topmodel»
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«Du bist nicht dünn genug»:Neue dreiteilige Netflix-Doku über «America's Next Topmodel»

«America’s Next Top Model» – Ex-Kandidatinnen rechnen knallhart mit dem Format ab
Zickenkrieg war kalkulierter Psychodruck

Tränen, Bodyshaming und Knebelverträge – Formate wie «Next Topmodel» versprechen eine glanzvolle Karriere, hinterlassen bei vielen Teilnehmenden aber tiefe Narben. Während die Kameras für die perfekte Quote laufen, leiden die jungen Talente oft unter psychischem Druck.
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Castingshows wie «Germany’s Next Topmodel» versprechen jungen Frauen wie Lena Lischewski (M.) den Sprung in die Glamourwelt – doch die Realität sieht oft anders aus.
Foto: Screenshot ProSieben

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Netflix-Doku enthüllt dunkle Seiten von Castingshows wie «ANTM» und «GNTM»
  • Teilnehmerinnen berichten von Isolation, Schlafmangel und psychischen Langzeitfolgen
  • Studie: 85 Prozent sehen Verbindung zwischen «GNTM» und Essstörungen wie Magersucht
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Jaray FofanaRedaktorin People

Was damals Millionen vor den Bildschirmen fesselte, sorgt heute für Entsetzen. «Reality Check: Inside America’s Next Top Model», eine dreiteilige Netflix-Dokumentation über «America’s Next Top Model», gibt ehemaligen Kandidatinnen erstmals das Wort. Ihr Urteil über die Show, die von 2003 bis 2018 lief und das amerikanische Topmodel Tyra Banks (52) zur globalen Ikone machte, ist vernichtend. Denn während Banks aufstieg, zahlten die Teilnehmerinnen hinter den Kulissen einen Preis, der weit über modische Fehltritte hinausging: Was Millionen als «Zickenkrieg» verfolgten, war oft kalkulierter Psychodruck und Grenzüberschreitung.

Wie weit die Produktion ging, um eine packende Storyline zu erzwingen, zeigt das Beispiel von Shandi Sullivan (43), die 2004 an der Show teilnahm. An einem Abend in Mailand war sie sehr stark alkoholisiert. Trotzdem landeten Aufnahmen ihres sexuellen Kontakts mit einem männlichen Model unzensiert im Fernsehen, und die Produktion nutzte den Vorfall als «Beziehungsstoryline». Sullivan sagt heute, der Akt sei aufgrund ihres Zustands nicht einvernehmlich gewesen. Als sie die Show verlassen wollte, drängten die Produzenten sie zur Weiterarbeit. 

Doch die Manipulation beschränkte sich nicht auf Partynächte – sie zielte manchmal direkt auf die tiefsten privaten Wunden der Kandidatinnen. Dionne Walters (40), die 2007 in der Show dabei war, musste für ein Fotoshooting als Frau posieren, die durch einen Schuss stirbt – kurz nachdem ihre Mutter bei einem realen Schusswaffenvorfall schwer verletzt und gelähmt worden war. Walters ist überzeugt, dass die Produktion davon wusste.

Geschnittene Realität

Die Sendung lief über 15 Jahre – viele Betroffene brauchten genauso lang, um über das zu sprechen, was ihnen damals passiert war. Doch haben sich die Formate wirklich verändert? Ein Blick auf das Schweizer Pendant zeigt: einiges schon, aber längst nicht alles.

«Switzerland’s next Topmodel» lief von 2018 bis 2021. «Natürlich wird man in solchen Formaten bewusst in ein bestimmtes Licht gerückt. Das ist kein Geheimnis, das ist Dramaturgie», sagt David Beer (26), der 2019 in der zweiten Staffel der Sendung des Schweizer Models Manuela Frey (29) vor der Kamera stand. «Es gab Situationen, da wurden mir die gleichen Fragen fünf-, sechs-, siebenmal gestellt – genau in dem Moment, in dem ich gerade nicht das Richtige tat. Das ist kein Zufall. Das ist Strategie. Wenn du nicht in die gewünschte Richtung antwortest, wird nachgehakt. Bis irgendein O-Ton passt.» Die Rollenverteilung sei Konzept: «Jeder bekommt seine Rolle. Der Sympathieträger, die Zicke, der Underdog, die Arrogante. Das ist ein System», so Beer.

Auch «Germany’s Next Topmodel» geriet bereits massiv in die Kritik. Lijana Kaggwa (29), die 2020 das Finale unter Tränen freiwillig verliess, beschreibt eine totale Isolation ohne Handy, Radio oder Fernseher. Die ehemalige Miss Schweiz und derzeitige «GNTM»-Teilnehmerin Bianca Sissing (47) bestätigt diese psychische Belastung: «Die Abschottung macht einen definitiv feinfühliger. Normalerweise weine ich nicht in der Öffentlichkeit, aber dort war ich viel emotionaler als sonst.» Da der Kontakt zu vertrauten Personen fehle, mit denen man Gedanken teilen könne, werde die Erfahrung extrem intensiv. Laut einer Dokumentation des NDR-Formats «STRG_F» ist diese Isolation kalkuliert: Die Teilnehmerinnen sollen «dünnhäutig» gemacht werden, damit bereits kleinste Provokationen für medienwirksame Eskalationen ausreichen. Viele schweigen jahrelang aus Angst vor den hohen Vertragsstrafen des Senders.

Für Ursula Knecht (69), Chefin von Option Models, haben die «Topmodel»-Sendungen ohnehin nicht viel mit dem echten Geschäft zu tun. «Im Fernsehen werden bewusst Mädchen gecastet, von denen man weiss, dass sie keine echten Chancen haben in der Modelwelt. Sie sind nur für die Show da», sagt sie. Den Konflikt erlebte sie selbst. Auch bei ihrem in der Schweiz organisierten Modelwettbewerb «Elite Model Look» wollten Produzenten Mädchen integrieren, für die in der realen Modewelt keine Perspektive bestanden hätte. «Mir hat das nicht gefallen. Ich will Mädchen fördern, die wirklich Chancen haben in der Modebranche.»

Zahlen, die erschrecken

Die Auswirkungen der «Topmodel»-Sendung gehen über einzelne Schicksale hinaus. Laut der 2015 publizierten repräsentativen Umfrage von Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), haben untergewichtige Mädchen, die «GNTM» sehen, fast fünfmal häufiger das Gefühl, zu dick zu sein. Mit zehn Jahren steigt der Anteil der Mädchen, die sich zu dick fühlen, sprunghaft von 32 auf 59 Prozent. In einer Befragung von Patientinnen mit Essstörungen nannten 85 Prozent «GNTM» als Format, das Magersucht und Bulimie verstärken kann.

Heute hat sich bei «Germany’s Next Topmodel» vieles geändert. Diversität wird bei Heidi Klum (52) grossgeschrieben, es gibt Männer, Plus-Size-Models und auch Kandidatinnen jeden Alters. «Ich liebe, dass das Feld der Teilnehmerinnen und Teilnehmer so divers ist. In der Modelbranche braucht es genau das», sagte Ex-Miss Bianca Sissing kürzlich in einem Blick-Interview.

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