«Es gibt auch einen gesunden Pornokonsum»
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Psychotherapeut ordnet ein:«Es gibt auch einen gesunden Pornokonsum»

Silvans Sucht nach Sex im Netz
«Ich verbrachte eine, zwei oder drei Stunden mit Pornos»

Was mit Gaming begann, führte Silvan (32) in die Pornosucht. Seit knapp 15 Jahren konsumiert er als Sex-Ersatz und Stressventil regelmässig pornografische Inhalte. Für seinen Therapeuten ist das eine Herausforderung.
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Silvan konsumierte in seinem jungen Leben während unzähliger Stunden Pornos in den verschiedensten Formen.
Foto: Raphaël Dupain

Darum gehts

  • Ein Zürcher leidet seit seiner Jugend unter Pornosucht und lässt sich therapieren
  • Therapie reduziert Konsumzeit, doch soziale Unsicherheiten bleiben eine Herausforderung
  • Seit 3 Jahren in einer Beziehung, lernt er erstmals Intimität
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.

Video, Fotos oder Comics. Der Inhalt: nackte Frauen. Sie gehören zu Silvans* (32) Alltag; seit seiner Jugend. Der Zürcher leidet unter Pornosucht. Heute geht er deshalb in Therapie. Seinen Umgang will er in den Griff bekommen, aber wie?

Zum Schutz seiner Identität möchte er anonym bleiben. Denn: Silvan will öffentlich über seine Sucht sprechen, aber sich, sein Umfeld und den Job damit nicht tangieren. Zum ersten Mal spricht Silvan mit einer fremden Person über seinen Konsum. Vor dem Gespräch gibt er zu: «Ich bin nervös.» Die Anwesenheit seines Psychotherapeuten Franz Eidenbenz beruhigt. 

Beruhigt hatte ihn über Jahre auch der Porno. Silvan sagt: «Ich verbrachte eine, zwei oder drei Stunden mit Pornos.» Was er im realen Leben nicht erlebte, holte er sich so am Bildschirm.

«Meine körperliche Befriedigung existierte ausserhalb von Pornos nicht», erinnert er sich. Der heute 32-Jährige war sich dessen bewusst gewesen. Etwas dagegen tun? Unmöglich.

«Pornos machen süchtig»

«Der Porno war und ist eine Ersatzbefriedigung für das, was meine Scham und Unsicherheit behinderte.» Für einen Moment keine Nervosität, keine Sorgen und doch die Befriedigung. Immer wieder. 

Pornos liessen und lassen ihn auch in schlechter Stimmung sehr intensive positive Gefühle empfinden. «Der Pornokonsum war nicht nur eine Frage der Lust», sagt er und meint: ein Mittel gegen Stress, Druck oder Unwohlsein. Und: «Pornos machen süchtig!»

Seit mehreren Jahren fährt der Zürcher regelmässig in die Therapie. Silvan ist 1,90 Meter gross. Er trägt einen Kapuzenpullover, graue Jeans, längeres Haar. Dank seiner Therapie reduzierte sich die Konsumzeit. Das pornografische Material schaut er nicht mehr stundenlang, sondern in kurzer Dosis – beispielsweise vor dem Schlafen. 

Schutz vor Kinder- und Gewaltpornografie

Psychotherapeut Franz Eidenbenz sagt: «Die Pornosucht steht meistens nicht allein auf der Baustellen-Liste.» Das wird sich im Verlauf des Gesprächs zeigen. Konkret versuchte der Experte neben dem zeitlichen Ausmass auch die Art der Pornoinhalte einzuschränken. Denn: «Betroffene können rasch in eine soziale Isolierung oder in den Sog von extremen Inhalten rutschen», sagt Eidenbenz. 

Psychotherapeut Franz Eidenbenz betreut Silvan seit längerer Zeit und sagt: «Bei einer blockierten realen Sexualität von jungen Männern und Frauen nimmt der Konsum von Pornos deutlich zu.»
Foto: Raphaël Dupain

Was der Therapeut meint? «Dass die Porno-Darstellenden immer jünger werden oder es sich um Kinderpornografie, Gewalt oder Sadomasochismus handelt.» Bei Silvan spricht Eidenbenz von einem «moderaten» Fall, der weit verbreitet sei.

Er zeige nicht die extremen Auswüchse einer Pornosucht, sei aber auch kein problemloser Fall. Silvan betont, nur pornografische Inhalte von Erwachsenen oder fiktiven Personen konsumiert zu haben. 

Und das seit seiner Teenagerzeit auf dem Gymnasium, was bei jungen Menschen nicht unüblich ist. Er investierte viel Zeit in Computergames, verbrachte Stunden mit Minecraft, Pokémon oder Strategiespielen. Silvan steuerte Figuren, Systeme und konstruierte im Virtuellen seine eigene Welt. Und: Er erfuhr Dinge über sich, die er bis dahin nicht kannte. 

«Einzelne Figuren in diesen Games waren attraktiv und gefielen meinem Teenager-Ich», erinnert er sich und lacht. Das kannte er aus der realen Welt nicht. «Im Umgang mit Frauen verhielt ich mich unsicher», erklärt er. Den Eindruck, ein Mädchen attraktiv zu finden, wollte er möglichst vermeiden. «Ich wusste nicht, wie ich mich hätte verhalten sollen.» Verliebt sein? Ein Mädchen hübsch finden? Seine Scham verdrängte den realen Impuls aus dem realen Leben. 

Der digitale Ersatz für Sinnlichkeit und Nähe

In der virtuellen Welt lief es anders. «Weibliche Figuren aus den Games lösten eine körperliche Reaktion aus, die ich bis dahin nicht kannte», sagt er. Zu Hause, allein vor dem Computer, liess er dieser Reaktion, diesem Bedürfnis freien Lauf. So rutschte durch Games seine körperliche Befriedigung in die Porno-Welt im Netz. Zum ersten Mal erlebt er das, wovor ihn die Angst und Scham vor dem Versagen im Leben zurückhielt. 

Nicht nur Pornos: Gaming, Youtube oder Reddit entzogen ihm die Kontrolle über seinen eigenen Konsum, bis er die Reissleine zog und sich therapieren liess.
Foto: Raphaël Dupain

Mit diesem Kontext sei Silvans Fall «herausfordernd», so Psychologe Eidenbenz. Denn: «Bei einer blockierten realen Sexualität von jungen Männern und Frauen nimmt der Konsum von Pornos einen bedeutenden Stellenwert ein.» Er zeigt auf, dass die Sucht nicht nur auf reiner Lustgier basiert. Denn: Auch Menschen, die Sex haben, schauen Pornos. Wer also nie oder sehr wenig Sinnlichkeit, Zuneigung oder sexuelle und romantische Eindrücke erlebte, mache sich so ein verzerrtes, wenig realitätstaugliches Bild von Sexualität, so der Experte. 

Eidenbenz gründete vor 2011 das Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte Radix in Zürich. Der Psychotherapeut schrieb für den «Beobachter» das Buch «Digital-Life-Balance» und liefert einen Leitfaden, wie dem Internet-Sog zu begegnen ist. Nicht nur beim suchtartigen Pornokonsum, sondern auch im Umgang mit Games, Videos und Social Media. Denn: Wie in Silvans Falls spielen die unterschiedlichen Kanäle ineinander. 

Was beim heute 32-jährigen Silvan im Kinderzimmer mit der Gamekonsole begann, führte in die Pornosucht. Seit knapp zehn Jahren arbeitet er bei einem Betrieb des öffentlichen Verkehrs. Er koordiniert, strukturiert, plant den Betrieb und verantwortet seinen Fachbereich. Menschenkontakt steht bei ihm auf der Tagesordnung. 

Die Scham und Unsicherheit, die ihn früher vor Schulkolleginnen auf Distanz hielt, erlebt er noch heute. «Im Kontakt mit einer interessanten Frau, sei es privat oder auf der Arbeit, bleibe ich kühl, um mich vor zu viel Nähe zu schützen», sagt Silvan. 

Was er weiss: Mit Pornos funktioniert es noch immer. «In Stresssituationen hilft mir der Porno heute, den Puls herunterzufahren», sagt Silvan und betont, dass sich das Ausmass und die Verweildauer über die Jahre reduzierte.

Auch weil er seit drei Jahren mit einer Frau in einer Beziehung ist. Mit ihr erlebt er das erste Mal Nähe und Intimität im realen Leben. «Die Qualität mit meiner Freundin ist nicht vergleichbar mit einem Video, und das ist schön», sagt er stolz. Langsam lernt der Zürcher, wovon die digitale Welt ihn fernhielt. Sich davon zu lösen, wird noch dauern.

* Name geändert 

Hier findest du Hilfe

Beobachtest du eine Suchttendenz bei dir oder Angehörigen? Die folgenden Stellen bieten Hilfe:

Beratungstelefon der Dargebotenen Hand
Telefon 143 oder www.143.ch

Beratungstelefon von Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche)
Telefon 147 oder www.147.ch

Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK), Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen
Telefon +41 61 325 51 00 oder www.upk.ch

Radix – Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte
www.spielsucht-radix.ch

Zürcher Institut für klinische Sexologie & Sexualtherapie
www.ziss.ch

Sucht Schweiz
www.suchtschweiz.ch

Zistig.ch
www.zistig.ch

Oder wende dich an die nächste Psychiatrische Klinik für Jugendliche oder Erwachsene.

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Telefon 143 oder www.143.ch

Beratungstelefon von Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche)
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Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK), Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen
Telefon +41 61 325 51 00 oder www.upk.ch

Radix – Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte
www.spielsucht-radix.ch

Zürcher Institut für klinische Sexologie & Sexualtherapie
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Zistig.ch
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