Darum gehts
- «Quietcation» ist ein neuer Reisetrend, der Urlaub in absoluter Stille bietet
- Zabalo River in Ecuador ist der weltweit erste Wilderness Quiet Park
- In den Westfjorden Islands leben nur 7000 Menschen auf 8842 Quadratkilometern
Man nimmt ihn erst wahr, wenn er nicht mehr da ist: den Hintergrundlärm des täglichen Lebens. Verkehr, brummende Kühlschränke, ratternde Züge, palavernde Menschen: Studien zeigen, dass Lärm psychische und körperliche Krankheiten auslösen kann. In einer Welt, die zudem hektischer und unübersichtlicher geworden ist, suchen Menschen zunehmend die Stille. Der Reisetrend dazu heisst Quietcation: stille Ferien.
Zabalo River, Ecuador – Abseits der Zivilisation
Der Zabalo-Fluss im Amazonasgebiet Ecuadors wurde von der Organisation Quiet Parks International als weltweit erster Wilderness Quiet Park ausgezeichnet. Die Nichtregierungsorganisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, Orte ohne Lärmverschmutzung zum Wohl von Mensch und Tier zu schützen. Stille bedeutet in diesem Fall allerdings nicht das Fehlen von Geräuschen, sondern die Abwesenheit von künstlichem Lärm. Entlang des Zabalo-Flusses, weit abseits der «Zivilisation», beruhigt sich der Geist durch die Geräusche der Natur: Vogelgezwitscher, Blätterrauschen, Insektensummen.
Cuifeng Lake Circular Trail, Taiwan – erster Quiet Trail
Dicke Moosschichten, hängende Flechten und regelmässiger Nebel fungieren als natürliche Schallschutzdämmung, die selbst Baugeräusche dämpft. Der alpine Cuifeng Lake im Taipingshan-Gebiet gilt als der ruhigste Ort Taiwans. Der etwa fünf Kilometer lange Rundweg wurde daher als Quiet Trail ausgezeichnet. Hier geht es nicht ums schnelle Umrunden des Bergsees mit ein paar Fotostopps, sondern um das langsame Gehen durch den Zypressenwald und das Aufnehmen der Stille.
Svalbard (Spitzbergen), Norwegen – Stille im Eis
Die Insel Spitzbergen ist der nördlichste ständig bewohnte Ort der Welt – von hier sind es gerade einmal 1000 Kilometer bis zum Nordpol. Während im Hauptort Longyearbyen sogar etwas Stadtflair aufkommt, besteht der gesamte Rest des Archipels aus Felsen und Eis, zwischen denen Eisbären herumstreunen. Nur wenige Hundert Meter ausserhalb von Longyearbyen herrscht fast absolute Stille. Wer im Herbst oder Frühling reist, wenn die Tage kurz sind, hat zudem sehr gute Chancen, Nordlichter zu erspähen.
Westfjorde, Island – einsames Land
Die Westfjorde liegen im Nordwesten Islands, weit abseits der üblichen Touristenpfade – und selbst Isländer empfinden die zerklüftete Halbinsel als weit abgelegen. Auf einer Fläche von 8842 Quadratkilometern leben nur rund 7000 Menschen. Zum Vergleich: Den etwas kleineren Kanton Graubünden nennen beispielsweise 209'000 Personen ihr Zuhause. Menschengemachter Lärm ist in Westisland also eine Seltenheit. Stattdessen streift der Wind über die Tundra, und die Wellen grollen in den tief eingeschnittenen Fjorden. Und wenn es doch mal fauchen sollte, sind das die Gase einer heissen Quelle.
Kōyasan, Japan – Leben im Tempelrhythmus
Japan kann beides: Es kann so laut und grell sein, dass es schmerzt, und gleichzeitig wurde im Land der aufgehenden Sonne die Stille zur Religion erhoben. Beim Zen-Buddhismus geht es unter anderem darum, äussere Reize zu minimieren – ein Zen-Garten mit seinen geometrischen Formen ist ein Beispiel dafür. Der vielleicht friedlichste Ort Japans ist der Tempelkomplex Kōyasan in den Wäldern der Kii-Berge auf der gleichnamigen Halbinsel (Präfektur Wakayama). Das Zentrum des Koyasan-Buddhismus bietet die Möglichkeit zu Retreats, zudem durchziehen Wanderwege die stille Bergwelt.
Die Greina-Ebene, Graubünden – Ruhe und Schönheit
Die wohl schönste Ruhezone der Welt liegt allerdings vor unserer Haustür: die Schweizer Berge. Wer sich abseits der Bergrestaurants und des touristischen Rambazambas in die Alpenwelt begibt, erlebt eine herrliche Stille, die Seele und Geist beruhigt. Von den unzähligen bezaubernden Orten in den Alpen ist die Greina-Ebene im Grenzbereich zwischen Graubünden und Tessin vielleicht die magischste: Auf 2354 Metern weiten sich die Berge und bilden eine Hochebene, die an Skandinavien erinnert. Die meisten Wanderer bleiben eine Nacht – wer länger bleibt, hat die Chance, wirklich einzutauchen.
Äussere Hebriden, Schottland – Stille im Steinkreis
Wenn eine Region als «äussere» bezeichnet wird, kann man sich sicher sein: Dort gibt es viel Natur und wenig Menschen. So ist das auch bei den Äusseren Hebriden, der Inselgruppe vor der Nordwestküste Schottlands. Auf einer Fläche in der Grösse des Kantons Waadt leben nur 26’000 Menschen – und 140’000 Schafe.
Dem rauen Atlantikwetter ausgesetzt, geben auf den Na h-Eileanan Siar, wie die Inseln auf Gälisch heissen, die Elemente den Takt an. Die Nähe zum Meer liefert White Noise, jenes Hintergrundrauschen, das beruhigend auf den Organismus wirkt.
Tipp: Der eindrücklichste Ort, um die Stille aufzunehmen, sind die Steinkreise von Callanish, die älter sind als das berühmtere Stonehenge.
Aoraki/Mackenzie Dark Sky Reserve – die Alpen Neuseelands
Wo die Nacht pechschwarz ist, gibt es logischerweise keine Siedlungen. Sprich: Dark-Sky-Reserves sind immer auch Orte der Stille. Das grösste dieser dunklen Naturschutzgebiete auf der Südhalbkugel ist das Aoraki/Mackenzie Dark Sky Reserve auf der Südinsel Neuseelands. Das Schutzgebiet liegt im gleichnamigen Nationalpark rund um den Aoraki/Mount Cook, den mit 3724 Metern höchsten Berg Neuseelands. Hier lässt sich herrlich wandern und die neuseeländische Alpenwelt mit all ihrer Stille geniessen.