Dieser Text entsteht in Zeitnot – angeheizt von purer Lebensfreude und ja, auch von ein oder zwei Gläschen Mezcal, dem mexikanischen Agaven-Schnaps, der auf der Zunge so rauchig ist wie flüssiger Speck. Nur noch wenige Stunden bis zur Abgabe dieser Zeilen. Natürlich hätte ich früher anfangen sollen zu schreiben. Aber was will man machen in einer Stadt, die jeden Abend vor Energie und Lebensfreude überquillt? Am Computer sitzen? Ganz sicher nicht!
Sobald es Nacht wird in Mérida und die schwüle Hitze zurückweicht, strömen die Menschen zu den Plätzen, in die Restaurants und Cantinas, die traditionellen Bars. In gefühlt jedem Lokal groovt eine Band, und heisse Rhythmen ziehen durch die kolonialen Häuser und schlängeln sich durch die Gassen. Und jeder tanzt – von der Teenagerin bis zum Opa – mit einem Hüftschwung, neben dem die «Gringos», die Touristen, wie hölzerne Marionetten aussehen. Ich stelle mich kaum besser an. Egal: Die Energie springt über und macht die Hüften locker – ob man will oder nicht.
«Kleine Dicke» zum Anfang
Dieser Abend begann mit meinen neuen Amigos in dem Fast-Food-Schuppen Gorditas Doña Gorda an der Ecke zur Plaza Grande – für den Ausgang braucht es eben eine gute Grundlage. Die Spezialität sind Gorditas, gefüllte Maisfladen, die sich passenderweise als «kleine Dicke» übersetzen lassen. Es ist voll, chaotisch und etwas schmuddelig – ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die Mitarbeitenden die Fladen mit ihren blossen Fingern füllen. Und trotzdem: Es schmeckt verrückt gut.
Meine Gorditas mit Chicharrón con salsa verde, Cochinita, das in einem Erdofen stundenlang geschmorte Pulled-Pork, und Tinga, Huhn in Tomatensauce, geniesse ich auf einer Parkbank auf dem Hauptplatz, wo im Jahr 1542 die spanischen Eroberer das heutige Mérida gründeten (und dafür Maya-Pyramiden schleiften). Jetzt in der Weihnachtszeit ist hier ein gigantischer Glitzer-Kitsch-Wahnsinn losgebrochen. Von irgendwoher dudelt «Jingle Bells» in Endlosschleife, in den Bäumen funkelt Weihnachtsbeleuchtung und Plastikrentiere und überdimensionale Schneeflocken versetzen einen ins eisige Lappland. Passt, denn man sieht hier so manchen Yucateker im Pullover, schliesslich ist es Winter im tropischen Yucatán – während ich nachts bei über 20 Grad schwitze.
Nächster Stopp: die Cantina La Negrita, berühmt für ihre kubanische Livemusik. Erinnert sich noch jemand an die Sounds von Buena Vista Social Club? Genauso groovy geht es hier zu und her. Herrlich. Die zwei Räume und der Garten sind vollgestopft mit Tischen, so dass es kaum ein Durchkommen gibt. Dazwischen tanzen Paare und Singles, und die Kellner versuchen, mit ihren Tabletts voller Cocktails den bebenden Körpern auszuweichen. Es ist ein wunderbares Schauspiel.
Reden statt Grammatik
Und es ist eine Möglichkeit, mein neues Spanisch auszuprobieren. «Quisiera una cerveza y una ración de guacamole, porfa.» Denn ich bin nach Mérida, der Hauptstadt des Bundesstaates Yucatán, gekommen, um vier Wochen lang mein Spanisch zu polieren. Dafür pauke ich täglich in der Sprachschule La Calle Grammatik und Vokabeln und radebreche ausgiebig beim Sprechen vor mich hin. Denn: Der Schwerpunkt liegt hier auf dem Reden. «Lückentexte ausfüllen ist ja schön und gut», sagt meine Lehrerin Giovanna. «Aber nur wer reden kann, beherrscht eine Sprache wirklich.» Und so versuche ich, mit meinen plus-minus 500 spanischen Wörtern und schrecklicher Grammatik Konversationen über Schweizer Weihnachtstraditionen zu führen. Das klingt dann etwa so falsch wie: «Das Weihnachten sein die besonders schönster Zeit des Jahr.» Hauptsache: die Angst vor dem Blamieren schwindet.
Mérida ist einer der beliebtesten Destinationen Mexikos für Sprachaufenthalte. Das liegt unter anderem an der exzellenten Sicherheitslage. Die Stadt gilt als die sicherste des Landes. Nachts (auch als Frau) alleine durch die Strassen zu laufen: kein Problem. Zudem bietet die Millionenstadt ein volles Kulturangebot – vieles davon kostenlos. Jeden Tag organisiert die Stadt einen Event: traditionelle Tänze, Lightshows, historisches Reenactment, Konzerte. Dazu kommen Restaurants und Bars in herrlich renovierten Kolonialbauten und eine gehörige Portion Chaos in den grossen Märkten – volles mexikanisches Leben, in dem sich der Tourismus einfügt, ohne aufzufallen. In der Umgebung locken Maya-Ruinen, Cenotes, die typischen Karsthöhlen der Region und Strände. In meinen vier Wochen hier ist es mir nie langweilig geworden. Ganz im Gegenteil: Es gäbe noch so viel mehr zu entdecken.
Mittlerweile hat die Cantina La Negrita geschlossen, und wir ziehen weiter zum Mercado 60, ein geschmackvoller Innenhof mit verschiedenen Food-Carts und natürlich einer Liveband mit Salsa- und Bachata-Sounds. Wir geniessen Tacos und tanzen, tanzen, tanzen. «Disfrutamos de la vida», wir geniessen das Leben. Mittlerweile ist es 2 Uhr nachts. Dieser Text muss in wenigen Stunden fertig sein. Und die spanischen Hausaufgaben wollen auch noch gemacht sein: Seit vielen Jahren fühle mich wieder wie der lausige Student von einst. «Me gusta mucho» – ich liebe es.
Kleiner Travel Guide
Hinkommen: Edelweiss Air fliegt mehrmals wöchentlich von Zürich nach Cancún. Von dort geht es in 3,5 Stunden mit dem neuen Zug Tren Maya nach Mérida.
Einreise: Für die Einreise aus touristischen Gründen genügt ein Reisepass.
Beste Reisezeit: Die beste Reisezeit ist die Trockenzeit von November bis April. Während des Sommers ist es heiss und schwül.
Spanisch lernen: Die Schule La Calle Spanish School liegt direkt im historischen Zentrum und unterrichtet in Kleingruppen bis zu sieben Lernenden. Preis: 165 Franken pro Woche. Auch Einzelunterricht ist möglich.
Wohnen: Für einen längeren Aufenthalt empfiehlt sich eine Airbnb-Unterkunft. Gute Apartments gibt es schon ab 30 Franken pro Tag.
Nicht verpassen:
- Maya Museum (das grösste Museum zur Geschichte der Maya in Mexiko)
- Paseo de Montejo, die europäisch anmutende Prachtstrasse
- Plaza Grande, das Zentrum der Stadt mit vielen Veranstaltungen
- Palacio de Gobierno, der Regierungspalast mit eindrücklichen Wandgemälden
- Casa de Montejo, das älteste Haus Méridas
- Parque La Plancha, ein grosser Stadtpark mit See, Museen und Foodständen.
Ausflüge:
- Progreso mit seinen Stränden und Beach Clubs
- die Maya-Pyramiden von Uxmal
- die kleine Kolonialstadt Izamal
- die Flamingos in Celestún.
Ausgehen:
- Cantinas La Negrita und Cuarto de Tula, beide mit kubanischer Live-Musik
- El Gallito Cantina, traditionelle Bar
- Bar El Gran Santiago mit Drag-Show
- Mercado 60 mit Foodständen und Livemusik
- Salon Gallos, ein Bar-Restaurant-Kino-Mix in einer ehemaligen Haferflockenfabrik