Trainierte Oberarme, ein muskulöser Rücken, das Sixpack: Muskeln sind das neue Statussymbol. Das zeigte sich jüngst bei den Golden Globes. In Hollywood präsentierten weibliche Stars ihre Trophäen mit gestähltem Bizeps – so Teyana Taylor (35) oder Rhea Seehorn (53) in schulterfreier Couture.
Der Trend reicht weit über den roten Teppich hinaus. Auch Tech-Milliardär Jeff Bezos (61) schwitzt beim Personal Trainer – eine gestählte Brust passt nun mal besser auf die Superyacht. Dabei steht er in einem inoffiziellen Wettbewerb mit Mark Zuckerberg (41) und Elon Musk (54) – auch sie drücken Gewichte. Macht wird längst nicht mehr nur über Firmenwerte, Raketenstarts oder Luxusspielzeuge definiert, sondern über die Figur. Wer weltweiten Einfluss hat, demonstriert heute auch physische Kontrolle: Der Körper wird zur Visitenkarte von Leistungsfähigkeit.
Schwarzenegger: Vom belächelten Muskelmann zum Star
Dabei galt übertriebenes Muskeltraining lange als prollig. Das überliess man Bodybuildern wie Arnold Schwarzenegger (78). Als der Steirer in den 1970er-Jahren damit berühmt wurde, war Kraftsport ein Randphänomen. Heute ist er Mainstream – und gesellschaftlich aufgeladen. Muskeln stehen für Disziplin, Selbstoptimierung und Durchhaltewillen. Eigenschaften, die in unserer Leistungsgesellschaft hoch im Kurs stehen. Schwarzenegger ist das beste Beispiel dafür, dass Muskeln nicht nur den Körper, sondern auch die Persönlichkeit formen. Er eroberte erst Hollywood, später als Gouverneur von Kalifornien auch die Politik. «Einen wohlgeformten Körperbau kann man nicht kaufen, nicht ausleihen, nicht erben und nicht stehlen», sagt der Filmstar. Muskeln muss man sich erarbeiten – Tag für Tag. Der Bizeps wird zur sichtbar gemachten Anstrengung, besonders in einer digitalisierten Welt, die immer abstrakter wird.
Muskeln sind das neue Statussymbol
Zugleich sind Muskeln Ausdruck von Privilegien. Wer regelmässig trainiert, braucht Zeit, Geld und Zugang zu Infrastruktur: Fitnessstudios, Personal Trainer, Ernährungsberatung, Supplemente. Kraft wird damit Teil des grossen Longevity-Trends. Studien zeigen, dass Muskelmasse im Alter entscheidend ist – sie senkt das Risiko für Stürze, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sogar Depressionen.
Muskeln funktionieren wie eine körpereigene Apotheke. Sie schütten Botenstoffe aus, die direkt mit Gehirn und Organen kommunizieren und uns so vor Krankheiten schützen können. Diese Stoffe nennt man Myokine, der Begriff setzt sich aus den griechischen Wörtern «mys» für Muskel und «kinema» für Bewegung zusammen. Bekannt wurden Myokine 2007 durch die dänische Professorin Bente Klarlund Pedersen. Ihre Entdeckung: Muskelzellen produzieren während der körperlichen Aktivität Interleukin-6 (IL-6), das entzündungshemmend wirkt.
Bahnbrechende Entdeckung
Bis dahin hatte IL-6 nur als entzündungsfördernder Botenstoff von Immunzellen gegolten – dass er beim Sport vom Muskel produziert eine entgegengesetzte Wirkung hat, war neu. «Es war eine bahnbrechende Entdeckung, dass der Muskel nicht nur Kraft erzeugt, sondern auch einen weitreichenden Einfluss auf andere Organe im Körper hat», sagt Christoph Handschin, Professor für Zellbiologie an der Universität Basel und renommierter Experte auf dem Gebiet der Myokinforschung. Seit 2007 wurden Hunderte weitere Myokine entdeckt und rund 20 bis 30 davon genauer untersucht. Bemerkenswert: IL-6 fördert auch den Abbau von Fettgewebe.
Schutz von Herz und Hirn
Andere Myokine schützen Herz und Gehirn: Musclin zum Beispiel verhindert krankhafte Bindegewebeablagerungen im Herzmuskel und kann so Herzschwäche vorbeugen. BDNF unterstützt die Verbindung von Nerven und Muskeln, was für die Behandlung von Sarkopenie relevant sein könnte. Irisin wiederum fördert die Bildung neuer Hirnzellen, verbessert die Gehirnfunktion und könnte das Demenzrisiko senken. In Studien wird geprüft, ob Irisin künftig bei Alzheimer therapeutisch eingesetzt werden kann. Weitere Myokine stärken die Knochen oder hemmen das Wachstum von Krebszellen.
Kraft oder Ausdauer?
Ob Kraft- oder Ausdauertraining: Viele Myokine werden bei beiden Formen produziert, wobei die Ausschüttung mit der Intensität steigt. «Bereits wenig Bewegung reicht, um positive Effekte zu erzielen», sagt Handschin. Studien zeigen, dass moderate Aktivität das Risiko für Krankheiten und vorzeitige Sterblichkeit senkt. Optimal sind 150 bis 300 Minuten moderater Bewegung pro Woche, bei der der Puls spürbar steigt – genug, damit Muskeln aufgebaut werden und der Körper gesund bleibt. Jana Giger
Muskeln funktionieren wie eine körpereigene Apotheke. Sie schütten Botenstoffe aus, die direkt mit Gehirn und Organen kommunizieren und uns so vor Krankheiten schützen können. Diese Stoffe nennt man Myokine, der Begriff setzt sich aus den griechischen Wörtern «mys» für Muskel und «kinema» für Bewegung zusammen. Bekannt wurden Myokine 2007 durch die dänische Professorin Bente Klarlund Pedersen. Ihre Entdeckung: Muskelzellen produzieren während der körperlichen Aktivität Interleukin-6 (IL-6), das entzündungshemmend wirkt.
Bahnbrechende Entdeckung
Bis dahin hatte IL-6 nur als entzündungsfördernder Botenstoff von Immunzellen gegolten – dass er beim Sport vom Muskel produziert eine entgegengesetzte Wirkung hat, war neu. «Es war eine bahnbrechende Entdeckung, dass der Muskel nicht nur Kraft erzeugt, sondern auch einen weitreichenden Einfluss auf andere Organe im Körper hat», sagt Christoph Handschin, Professor für Zellbiologie an der Universität Basel und renommierter Experte auf dem Gebiet der Myokinforschung. Seit 2007 wurden Hunderte weitere Myokine entdeckt und rund 20 bis 30 davon genauer untersucht. Bemerkenswert: IL-6 fördert auch den Abbau von Fettgewebe.
Schutz von Herz und Hirn
Andere Myokine schützen Herz und Gehirn: Musclin zum Beispiel verhindert krankhafte Bindegewebeablagerungen im Herzmuskel und kann so Herzschwäche vorbeugen. BDNF unterstützt die Verbindung von Nerven und Muskeln, was für die Behandlung von Sarkopenie relevant sein könnte. Irisin wiederum fördert die Bildung neuer Hirnzellen, verbessert die Gehirnfunktion und könnte das Demenzrisiko senken. In Studien wird geprüft, ob Irisin künftig bei Alzheimer therapeutisch eingesetzt werden kann. Weitere Myokine stärken die Knochen oder hemmen das Wachstum von Krebszellen.
Kraft oder Ausdauer?
Ob Kraft- oder Ausdauertraining: Viele Myokine werden bei beiden Formen produziert, wobei die Ausschüttung mit der Intensität steigt. «Bereits wenig Bewegung reicht, um positive Effekte zu erzielen», sagt Handschin. Studien zeigen, dass moderate Aktivität das Risiko für Krankheiten und vorzeitige Sterblichkeit senkt. Optimal sind 150 bis 300 Minuten moderater Bewegung pro Woche, bei der der Puls spürbar steigt – genug, damit Muskeln aufgebaut werden und der Körper gesund bleibt. Jana Giger
Und schon in jungen Jahren lohnt es sich, mit Muskeln biologisches Kapital aufzubauen. Lange Zeit galt Dünnsein als Schönheitsideal – das allein genügt heute nicht mehr. Dank Abnehmspritzen verlieren viele rasch Gewicht – doch ohne Muskelaufbau wirkt der Körper schnell erschlafft. Prominentes Beispiel ist Robbie Williams (51), der nach massiver Gewichtsabnahme sichtbar an Spannkraft verlor. Inzwischen hat er das verlorene Fett durch Muskelmasse ersetzt.
Gesundheitsprävention und sozialer Treffpunkt
Der Trend ist längst im Alltag angekommen. Wer zu Jahresbeginn mit guten Vorsätzen ins Fitnessstudio geht, trifft auf eine volle Bude – quer durch alle Alters- und Gewichtsklassen. Für Ältere ist der Gang ins Studio oft pflichtbewusste Gesundheitsprävention, zu der man sich eher widerwillig aufrafft. Für Junge dagegen ist Fitness zum sozialen Treffpunkt geworden: Man hebt gemeinsam Gewichte statt Gläser.
Was auf den ersten Blick oberflächlich wirkt, hat einen tieferen Sinn. In Zeiten von Krisen und Kriegen, steigenden Kosten und unsicheren Karrieren bietet der eigene Körper einen Ort von Sicherheit und Kontrolle. Training ist messbar, Fortschritt sichtbar, Erfolg direkt spürbar. Man investiert – und wird belohnt. Mit Kraft, Haltung und Rückgrat. Muskeln sind nicht nur schön. Sie geben Halt in einer Welt, die sich immer weniger verlässlich anfühlt.