Alt, krank oder schwierig? So viele Tiere wurden noch nie in Tierheimen abgegeben
Piper wartet seit Jahren auf ein neues Zuhause

So viele Tiere wurden noch nie in Tierheimen abgegeben. Manche warten jahrelang auf ein neues Daheim: Insbesondere Hunde mit schwierigem Hintergrund oder scheue Katzen. Auch alte und kranke Tiere haben es schwer. Die Geschichten von Piper, Kiwi und Luc.
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Piper wartet schon über zwei Jahre im Tierheim auf ein Zuhause für immer.
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Darum gehts

  • Piper wartet seit zwei Jahren im Tierheim auf ein Zuhause
  • 2024: Schweizer Tierheime nahmen über 32'000 Tiere auf, Rekordzahl
  • 1009 Hunde als Verzichttiere abgegeben, 1826 Hunde insgesamt aufgenommen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Katja RichardRedaktorin Gesellschaft

Piper (5) wartet schon seit über zwei Jahren im Tierheim auf ein neues Zuhause. Interessenten gibt es immer wieder. Doch wer die Hündin adoptieren will, braucht Erfahrung und muss bereit sein, mit ihr zu arbeiten. Der Besuch einer Hundeschule ist Pflicht.

Die Strassenhündin aus Bulgarien ist ein typisches Beispiel für Tiere, die im Tierheim sitzen bleiben. Piper ist mittelgross – und gilt als «anspruchsvoll». Wegen schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit reagiert sie beim Spazierengehen auf andere Hunde und manchmal auch auf fremde Menschen. Dabei hat Piper in den letzten zwei Jahren grosse Fortschritte gemacht. «Sie hat viel gelernt und mehr Vertrauen gefasst», sagt Rommy Los, Geschäftsleiter des Zürcher Tierschutzes. «Wenn sie jemanden ins Herz geschlossen hat, ist sie unglaublich verspielt und verschmust.»

Piper lebt schon zwei Jahre im Tierheim des Zürcher Tierschutzes, er geht nur an erfahrene Halter.
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Piper ist kein Einzelfall

Dass Hunde wie Piper lange im Tierheim bleiben, ist kein Einzelfall – im Gegenteil. Nachdem sich während der Pandemie viele Menschen ein Haustier angeschafft hatten, wurden in den Jahren danach deutlich mehr Tiere wieder abgegeben. Ein Trend, der anhält, wie die Zahlen des Schweizer Tierschutzes (STS) für 2024 zeigen: Über 32'000 Tiere wurden 2024 in den Tierheimen der STS-Sektionen in der ganzen Schweiz aufgenommen – so viele wie noch nie.

Besonders markant ist der Anstieg bei den Hunden. 1009 wurden als Verzichttiere abgegeben, im Jahr zuvor waren es 865. Insgesamt landeten – inklusive Beschlagnahmungen und Findeltieren – 1826 Hunde in Schweizer Tierheimen. Vermittelt werden konnten 872. Davon ist fast die Hälfte an ihre ursprünglichen Besitzer gegangen. Das kommt öfter vor, da Verzichttiere erst nach einer gewissen Zeit vermittelt werden dürfen. Viele Tierheime stossen an ihre Kapazitätsgrenzen. Gleichzeitig gibt es auch eine positive Entwicklung: Die Zahl der vermittelten Tiere stieg gegenüber dem Vorjahr um 2716 auf insgesamt 18'829.

Es geht aber nicht darum, Tiere möglichst schnell zu platzieren. «Unser Ziel ist es, ein finales Zuhause zu finden», sagt Rommy Los. Darum werden Interessenten in Bezug auf die Haltungsbedingungen genau aufgeklärt: Wohnsituation, Zeit, es geht um Verantwortung bis zum Lebensende: «Im Zweifelsfall entscheiden wir uns für das Tier.» Unglücklich ist Piper im Tierheim nicht. «Es ist ihr Zuhause. Nach einem Spaziergang zieht sie an der Leine wieder hierher zurück.» Die Hunde schlafen in Hundezimmern, wenn sie miteinander gut auskommen, werden sie gemeinsam untergebracht. Nachts ist immer eine Mitarbeiterin auf Pikett vor Ort. Dass ein Hund so lange im Tierheim bleibt, sei dennoch ungewöhnlich. «Kleine Hunde und beliebte Rassen wie Chihuahuas, Lagottos oder Spitze haben es deutlich leichter.»

Manche Büsi bleiben für immer im Tierheim

Verschmust aber nicht ganz stubenrein: Kater Kiwi wartet auf ein Zuhause.
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Auch bei Katzen spitzt sich die Lage zu, viele Heime sind hoffnungslos überfüllt. 2024 wurden 7963 Katzen aufgenommen – 357 mehr als im Vorjahr. Besonders schwer haben es scheue, alte oder kranke Büsi. So wie Kiwi (14). Der Kater ist nach dem Tod seiner Besitzerin bei Monika Riepl gelandet. Sie nimmt in ihrem Haus in Grub AR in Not geratene Katzen auf. Im Chratzbom Ebni lebt sie mit rund 50 Katzen zusammen, die sich auf drei Stockwerken und in einem grossen Aussengehege frei bewegen können. Manche bleiben für immer. «Scheue Tiere brauchen lange, um sich einzugewöhnen. Darum will ich ihnen erneuten Stress ersparen», sagt sie. Für Kiwi hofft sie dennoch auf ein Zuhause: «Er ist ein totaler Schmuser.» Sein Problem: Er macht sein grosses Geschäft neben das Kistli. Medizinisch ist alles abgeklärt, die Zähne sind saniert, Kiwi bekommt Medikamente gegen Arthrose. Monika Riepl ist überzeugt, dass sich das Verhalten an einem Einzelplatz mit Freigang einpendeln würde.

Nach drei Jahren endlich daheim

Drei Jahre musste Luc auf sein neues Daheim warten: Jetzt geniesst er das Schmusen.
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Aber irgendwann trifft auch das Glück ein. So bei Kater Luc. Drei Jahre verbrachte er im Tierheim Paradiesli in Ennetmoos NW. Sein Alter kann man nur schätzen, etwa 13 Jahre. Er streunte auf einem Bauernhof herum, wo er nicht hingehörte. Weil er alles einnässte, wurde er gründlich untersucht. Die Diagnose: Diabetes. Die teils schwierigen Jahre sind nicht spurlos an Luc vorbeigegangen, dennoch hat er seinen pausbäckigen Charme nicht verloren. Damit hat er das Herz seiner neuen Familie gewonnen – an Weihnachten wurde er nach langem Warten endlich adoptiert. Es ist bereits der dritte Tierheimkater der Dubachs, eine bewusste Entscheidung. «Wir wählen ein Tier, das sonst niemand will – und haben es nie bereut.» Luc braucht alle zwölf Stunden seine Insulinspritze und hat Probleme mit dem Rücken. «Das hindert ihn aber nicht daran, ein gutes Leben zu führen. Man muss sich einfach gut organisieren – und darf die Tierarztkosten nicht unterschätzen», so die Familie aus Luzern. 

Luc hat sich schon in den ersten Tagen gut eingelebt, das ganze Haus erkundet, ist neugierig und sehr verschmust. Noch staunt er über das neue Reich, das jetzt ihm gehört. Bald darf er auch nach draussen. Zu sehen, wie der alte und kranke Kater im neuen Daheim noch einmal aufblüht, ist für die Dubachs pure Freude: «Gerade weil Luc nicht mehr so viele Jahre hat, soll er sie mit uns geniessen können.»

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