So wurde «Gigi vo Arosa» zum TV-Star
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In 18 Sekunden berühmt:So wurde «Gigi vo Arosa» zum TV-Star

18 Sekunden Ruhm
Wie mein Grossvater zum «Gigi vo Arosa» wurde

Es sind Skiferien – und damit ist «Jagdsaison» auf attraktive Skilehrer. Zumindest wenn man dem Hit von Ines Torelli glaubt, der den «Gigi vo Arosa» zum berühmtesten Skiinstruktor der Schweiz machte. Unsere Autorin hat eine besondere Verbindung zum Lied.
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Luigi in den 50er-Jahren mit einer Skischulklasse.
Foto: Zvg

Darum gehts

  • Luigi aus Arosa war Skilehrer und 1975 kurz im TV
  • Die Figur «Gigi vo Arosa» basiert auf Dalidas Hit «Gigi l'Amoroso»
  • Luigi erschien am 7. Februar 1975 für 18 Sekunden im Fernsehen
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Sandra Casalini

Wann immer ich erwähne, wie mein Grossvater hiess und wo er wohnte, fangen die Leute ausnahmslos an zu lachen – oder zu singen: «Das isch dä Gigi vo Arosaaaaaa.» Er hiess Luigi, lebte in Arosa und war Skilehrer. Und ja, irgendwie war er der, von dem alle dachten, dass er es sei. Aber eben auch nicht. Es ist kompliziert.

Ursprünglich kommt Gigi aus einem süditalienischen Dorf

Einen echten Gigi vo Arosa, der wie in Ines Torellis Kulthit «im März pro Schtund es Herz bricht», gibt es nicht. Nicht, dass nicht einige Vertreter dieser Spezies ihrem Ruf als Herzensbrecher nicht gerecht würden, aber die 2019 verstorbene Ines Torelli hatte nie Skiunterricht bei einem Aroser Skilehrer namens Gigi. Die Figur entstammt ursprünglich der Feder des französisch-italienischen Superstars Dalida und ihrer Mitkomponistinnen.

«Gigi l'Amoroso» – Gigi, der Liebhaber – ist in ihrem Hit ein Gigolo, der allen Frauen seines süditalienischen Heimatdorfs den Kopf verdreht. Gigi geht nach Amerika, wo er scheitert, und kehrt wieder in seine Heimat zurück. Der Song war 1974 ein Riesenhit in ganz Europa und schaffte es auch in der Schweiz an die Spitze der Hitparade. Warum Dalida ihrem Helden den Namen Gigi gab, ist nicht bekannt, es könnte aber durchaus eine Anlehnung an ihren 1967 verstorbenen Verlobten, den Cantautore Luigi Tenco, sein. Speziell ist, dass «Gigi l'Amoroso» in unzähligen Sprachen gecovert wurde, unter anderem in Französisch, Spanisch, Englisch und sogar Japanisch.

Und schliesslich auch in Schweizer Mundart, adaptiert vom legendären Trio Eugster, getextet vom Churer Autor und Moderator Hans Gmür, gesungen von der Ostschweizerin Ines Torelli. Aus dem Gigolo vom süditalienischen Dorf wurde in der Schweizer Version ein charmanter Bergler, Skilehrer und Frauenheld. Die Plattentaufe fand am 29. Januar 1975 im Zürcher Club Mascotte statt – der übrigens vergangenes Wochenende nach einer Pause neu eröffnet wurde. Die Skischule Arosa hatte im Vorfeld einen jungen Skilehrer dazu erkoren, fortan als Gigi den Song und den Kurort Arosa zu bewerben, und ihn zu dieser Plattentaufe entsandt: den damals 27-jährigen Daniel Meisser.

Er sei da eher Dekoration gewesen, meinte der heute 77-Jährige mal in einem Interview. Sein Job war, Ines Torelli nach der Uraufführung des Lieds einen Blumenstrauss zu überreichen. Fortan trat Meisser immer wieder als Gigi auf, oft mit Ines Torelli, und er machte seine Sache grossartig. Ein bisschen lag es sicher auch an ihm, dass der «Gigi vo Arosa» nicht nur im Jahr 1975 wochenlang die Hitparade anführte, sondern sogar zum Schweizer Kulturgut wurde. Meisser war genau das, was er verkörpern sollte: Jung, charmant, ledig, er liebte das Rampenlicht und liess zu dieser Zeit laut eigener Aussage auch nicht viel anbrennen, wenns um Frauen ging. Aber er hiess eben Dani und nicht Gigi.

Neni Luigi war kein Gigi

Der Name ist die einzige Erklärung, die ich dafür habe, dass ein paar Tage nach der Plattentaufe, am 7. Februar 1975, nicht Meisser im TV-Studio sass, als Ines Torelli den «Gigi» in der Sendung «Show hin – Show her» zum Besten gab, sondern mein Grossvater. Ansonsten ist seine Präsenz in dieser Sendung ein grosses Fragezeichen für mich. Als Moderator Bruno Kaspar ihn fragte, wo er herkomme – «vo Arosa» – und wie er heisse – «Luigi» –, reagierte das Publikum so, wie noch heute die Leute reagieren, denen ich von ihm erzähle.

Ironischerweise kann ich mich nicht erinnern, dass irgendwer meinen Neni, wie wir im Bündnerland Grossväter nennen, je Gigi genannt hätte, die im italienischen Sprachgebrauch (wo unsere Wurzeln liegen) gängige Koseform von Luigi. Üblicherweise wurde er «Luigiiiiiiiiiiiiiii!» gerufen, und zwar von meiner Grossmutter vom Balkon im dritten Stock, in einer Lautstärke, die das ganze Dorf erschütterte. Nur meinen Groassvater nicht, von Haus aus Maurer, der in seiner Garage ungerührt weiter an seinen geliebten Outdoor-Kaminen bastelte und seinen Zucht-Chüngeln beim Fettwerden zusah.

Sagen wir, wie's ist: Mein Neni Luigi war kein Gigi. Laut Eintrag in seinem Skilehrerpatent erwarb er dieses im Jahr 1949. Da war er zwar durchaus ein fescher Bursche, aber bereits 30 Jahre alt, verheiratet und Vater eines Sohnes (meines Vaters). Wenn es sie je gegeben hätte, waren seine wilden Zeiten da definitiv vorbei. Ihn «ganz für sich allei vernasche», wie Ines Torelli singt, wäre nur über die Leiche meiner Grossmutter möglich gewesen. Und mein Nani lebte ziemlich lange. Im Februar 1975, als er in diesem TV-Studio sass, war er zwar immer noch Skilehrer, immer noch braun gebrannt und immer noch recht charmant, aber bereits 56 Jahre alt. Acht Monate später wurde er Grossvater (von mir). Ich kann mich natürlich täuschen, aber ich glaube nicht, dass ihm zu diesem Zeitpunkt die Frauenwelt die Tür einrannte. Zudem unterrichtete er lieber Kinder als Erwachsene. Mit denen konnte er irgendwie besser.

18 Sekunden Ruhm

Wer ihn kannte, merkt beim Betrachten seiner «18 Seconds of Fame» (so lange war er am TV-Bildschirm zu sehen), dass er sich in diesem Rampenlicht mit jeder Faser seines Körpers unwohl fühlte. Eine Frage stelle ich mir tatsächlich: Wer hat ihn wie und warum dazu überredet, in dieses TV-Studio zu gehen? Zumal er der Legende zufolge (beziehungsweise nach einer Erzählung meines Vaters) schwor, nie wieder nach Zürich zu reisen, nachdem er in den 1960er-Jahren meinen Vater, der dort studierte, besucht hatte. Dieser habe ihn mit einem uralten Peugeot mit Loch im Boden am Hauptbahnhof abgeholt, mein Neni habe durchs Loch die Tramschienen betrachtet und wollte nur noch eines: zurück nach Arosa.

Das also ist die Geschichte meines Grossvaters, der 18 Sekunden lang der Gigi vo Arosa war. Ich liebe diese 18 Sekunden noch heute.

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