100 Antworten einer Pädagogin
Wann kann mein Kind …?

Wann sollte mein Kind sprechen, laufen, teilen können? Und was, wenn es aus diesem Rahmen fällt? Pädagogin und Autorin Anke Ballmann hat einfache Antworten auf die 100 dringendsten Elternfragen zusammengetragen. Und stellt klar: «Jedes Kind hat sein eigenes Tempo.»
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Eltern warten oft ungeduldig auf das erste Lächeln des Babys. Doch in welchem Alter tun Säuglinge dies bewusst?
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Sandra CasaliniRedaktorin

«Elternschaft ist für viele ein Hochleistungsprojekt geworden. Sie leben in einem Dauerzustand aus Vergleich, Optimierungsversprechen und latenter Angst, etwas zu verpassen», sagt Anke Ballmann (56). In ihrer Arbeit erlebe sie täglich, wie gross die Unsicherheit sei, so die deutsche Pädagogin, Psychologin und Bestsellerautorin. Die Antworten auf die hundert häufigsten Fragen zur Zeit von der Geburt bis zum Schuleintritt hat sie in ihrem neuen Buch «Ab wann kann mein Kind …?» zusammengetragen. Dabei handle es sich um keine Patentrezepte, so Ballmann, denn jedes Kind folge seiner eigenen biologischen und biografischen Logik. Entscheidend sei nicht das Alter, sondern die Bereitschaft, etwas zu erlernen. 

Weniger Diagnosen, mehr hinschauen 

«Eltern verwechseln häufig Förderung mit Bildung. Viele Symptome, die später als Motivationsprobleme oder Aufmerksamkeitsprobleme gedeutet werden, sind in Wahrheit Stressfolgen aus einem Klima, das zu früh zu viel will.» Entwicklung sei eine Kombination aus Reifung, Erziehung und Zeit, so die Pädagogin. «Ein Kind kann etwas nicht früher können, es kann höchstens früher funktionieren. Das ist nicht das Gleiche.» Wenn sie in ihren Antworten dazu rät, ab einem gewissen Alter genauer hinzuschauen, stellt sie klar: «Normen sind statistische Mittelwerte, keine Qualitätsurteile. Ich bin mir sicher, dass viel weniger Kinder Diagnosen bräuchten und viel mehr Erwachsene, die hinschauen, ohne zu bewerten», so Ballmann. Denn: «Ein Kind ist kein Projekt, das man optimieren muss!»

Wann kann mein Kind …? Fünf Antworten von hundert

Wann kann mein Kind lächeln?

Das erste soziale Lächeln gilt als Meilenstein in der frühen Entwicklung. Die Forschung zeigt, dass dieser Entwicklungsschritt in allen Kulturen gleich vorkommt. Babys können früh responsive und nicht responsive Interaktionen unterscheiden. Also etwa wenn eine Bindungsperson auf sie eingeht, verstärkt sich das Lächeln. Manche Babys lächeln schon mit fünf Wochen, andere mit acht oder zehn Wochen. Wenn ein Kind nach drei Monaten keine Reaktion auf Stimme oder Blickkontakt zeigt, sollte man genauer hinschauen, eventuell mit einer Fachperson. 

Wann kann mein Kind vollständige Sätze bilden?

Die Entwicklung von vollständigen Sätzen beginnt meist im dritten Lebensjahr. Zwischen 18 und 24 Monaten gibt es in der Regel Zweiwortäusserungen, ab etwa zweieinhalb Jahren folgen einfache Sätze. Gegen Ende des dritten Lebensjahrs bilden viele Kinder erstmals Sätze mit Nebensätzen und Konjunktionen, das heisst, sie können Zusammenhänge ausdrücken. Wer beim Vorlesen Fragen stellt, ermutigt die Satzbildung. Kindliche Sätze sollten nicht korrigiert, sondern erweitert werden: «Ich Ball haben.» – «Du möchtest den Ball haben?» Bis zum vierten Geburtstag können die meisten Kinder vollständige Sätze bilden. 

Wann kann mein Kind allein einschlafen?

Dieser Entwicklungsschritt braucht viel Geduld. Mit drei bis vier Jahren schaffen es viele Kinder, abends ohne lange Begleitung einzuschlafen, wenn ein vertrautes Ritual vorausgeht. Genau so viele sind aber in diesem Alter auch noch mit dem Alleinsein überfordert. Dies ist kein Ausdruck eines Entwicklungsrückstands, sondern der eines gesunden Bindungsbedürfnisses. 

Wann kann mein Kind Wut kontrollieren?

Wut ist eine der frühesten Emotionen, die Kinder zeigen, bereits Säuglinge tun dies. Kinder lernen Schritt für Schritt, Wut in sozial verträgliche Bahnen zu lenken. Ab dem zweiten Lebensjahr nehmen Wutausbrüche zu, da Kinder merken, dass sie noch nicht die sprachlichen und kognitiven Möglichkeiten haben, ihre Wünsche zu kommunizieren. Zwischen dem dritten und vierten Geburtstag beginnt in der Regel die Selbstkontrolle, ab etwa fünf Jahren sind Kinder in der Lage, Impulse zu hemmen. Wichtig ist, dem Kind zu sagen, dass seine Gefühle erlaubt sind. Sie müssen aber so ausgedrückt werden, dass niemand verletzt wird. 

Wann kann mein Kind im Haushalt helfen?

Kinder zeigen früh Interesse an alltäglichen Tätigkeiten. Bereits im zweiten Lebensjahr ahmen sie gerne nach. Ab etwa zwei Jahren können sie einfache Aufgaben erledigen (zum Beispiel tischen oder Pflanzen giessen), ab etwa vier Jahren auch Komplexeres. Dabei soll der Beitrag zählen und nicht, ob etwas möglichst gut erledigt wird. Kinder lernen, Verantwortung zu übernehmen und Teil einer Gemeinschaft zu sein.

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