Hier kommt das Tesla-Robotaxi auf die Gegenfahrbahn
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Beim autonomen Fahren:Tesla-Robotaxi kommt auf die Gegenfahrbahn

Autonomes Fahren: Ein Selbstversuch
Im Robotaxi quer durch San Francisco

Was bei uns noch utopisch klingt, ist in San Francisco bereits Realität: autonome Taxis, die rund um die Uhr unterwegs sind. Wir wagen eine Fahrt in einem solchen Fahrzeug ohne Chauffeur – und sind überrascht.
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In San Francisco sind inzwischen rund 800 selbstfahrende Waymo-Taxis unterwegs. Und so wagen wir den Selbstversuch und ...
Foto: Wolfgang Gomoll

Darum gehts

  • Waymo setzt autonome Taxis in San Francisco ein – wir wagen den Selbstversuch
  • Die Software reagiert defensiv und meistert komplexe Verkehrssituationen sicher
  • Die knapp zweistündige Fahrt kostete 39 Dollar, deutlich weniger als in einem Uber-Taxi
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Wolfgang GomollFreier Mitarbeiter Auto & Mobilität

Waymo wurde vor zehn Jahren gegründet, das Unternehmen gehört wie Google zu Alphabet und will mit autonom verkehrenden Taxis das Transportwesen revolutionieren. Entscheidendes Element bei einem selbstagierenden Vehikel ist die Software. Algorithmen werten die Signale der Sensoren aus und setzen diese in Fahrbefehle um – allerdings nicht immer völlig fehlerfrei. Wir erinnern uns an die im letzten Jahr dokumentierten Vorfälle in Austin (Texas, USA), wo Waymo-Taxis einfach weiterfuhren, obwohl Schulbusse mit aktivierter Warnblinkanlage und ausgefahrenen seitlichen Halteschildern vor ihnen stoppten und Schulkinder bereits über die Strasse liefen.

Angeblich ereigneten sich in der Stadt mehrere solcher Vorfälle. Ein texanischer Polizist macht aus seiner Meinung denn auch keinen Hehl: «Solange diese Probleme nicht gelöst sind, sollten diese Autos nicht auf unseren Strassen unterwegs sein.» Doch Vishay Nihalani lässt sich durch solche Ereignisse und Kritik nicht irritieren. «Die Menschen sollten keine Perfektion erwarten. Wichtig ist, dass wir aus all diesen verschiedenen Vorfällen lernen», sagt der Leiter des Waymo-Produktmanagements gegenüber dem Nachrichtensender ABC News.

In San Francisco (USA) werden inzwischen rund 800 autonome Waymo-Taxis gewerblich eingesetzt. Und so wagen wir bei unserer Visite einen Selbstversuch und lassen uns von einem autonom fahrenden Robotaxi durch die City chauffieren. Natürlich geht ohne App gar nichts. Der Anmeldeprozess ist allerdings einfach und ähnelt jenem von anderen Fahrdienstleistern. Also geben wir unser gewünschtes Ziel ein und buchen ein Fahrzeug.

Kleiner Fussmarsch statt Tür-zu-Tür-Service

Wer einen Tür-zu-Tür-Service erwartet, wird bei Waymo enttäuscht. Wir müssen uns schon ein Stück zu Fuss bewegen, weil sich das autonom fahrende Taxi einen sicheren Ort zum Anhalten sucht. Immerhin zeigt ein Kompass in der App die Richtung an, in die wir zu gehen haben und wo wir unser Taxi erwarten dürfen. Weil die Strassen in San Francisco belebt sind, muss man sich mit dem Einsteigen beeilen. Robotaxis warten höchstens zwei Minuten.

Pünktlich erscheint unser geordertes Taxi, ein rein elektrischer Jaguar I-Pace. Mit seinen Kameras und Lidarsensoren erinnert uns der Stromer ein wenig an die Ufos in den Science-Fiction-Filmen der 1950er-Jahre. Übers Handy entriegeln wir die Türen und steigen ein. Innen empfängt uns das typische SUV-Interieur und beruhigende Lounge-Musik – aber kein Chauffeur. Immerhin heisst uns eine angenehm weibliche Stimme willkommen. Wir setzen uns hinten ins Auto. Ein Touchscreen zwischen den beiden Rücksitzen ist die Kommunikationszentrale, über die wir bei Problemen oder Fragen die Hotline anrufen könnten.

Eine Aufforderung, uns anzuschnallen, blinkt. Das diese Bitte unterstützende nervöse Gebimmel verstummt erst, als der Gurt einrastet. Und auch erst danach setzt sich unser Robotaxi geschmeidig und ohne Ruckeln in Bewegung und fädelt sich entspannt in den dichten Feierabendverkehr von San Francisco ein – dieser Stadt der steilen Hügel und engen Strassen, in der auch Trams quietschend um die Ecken biegen. Es gäbe sehr wohl einfachere Städte für automatisiertes Fahren – auch in den USA.

Sicherheitsbewusster Gentleman-Driver

Was uns schnell auffällt: Das Robofahrzeug agiert defensiv, aber nicht zögerlich. Es ist kein Spurwedler, wie das gestresste Pendler häufig sind. Und auch wenn die andere Parallelspur mal schneller fliesst, hält der Waymo-Jaguar stoisch seinen Kurs. Unser Softwarechauffeur ist ein echter Gentleman-Driver. Er biegt vorsichtiger ab als Autos mit Menschen am Steuer, bremst vor Schwellen ab und nimmt diese sehr sanft. Er lässt Autos aus Querstrassen einscheren, deren Nase schon in die Spur ragen. Auch Linksabbiegern lässt er gerne mal den Vortritt. Aber alles geschmeidig, ohne dass wir Passagiere bei den Bremsmanövern ständig mit dem Kopf nicken.

Und er fährt auch sehr sicherheitsbewusst: An Fussgängerstreifen bleibt unser Robotaxi stehen, auch wenn weit und breit kein Fussgänger zu sehen, aber die Sicht durch parkende Autos eingeschränkt ist. In einer anderen Situation erkennt es im Dunkeln einen die Strasse querenden Passanten und verringert das Tempo, ehe wir die Person überhaupt wahrgenommen haben. «Waiting for the intersection to clear» (warten, bis die Kreuzung frei ist), meldet das Display, als sich Fahrzeuge vor uns kreuzen. Also bleibt unser auf Sicherheit bedachter Waymo-Jaguar stehen und wartet, bis der Weg frei ist, obwohl er Vorfahrt hätte. Und als sich ein anderes Auto mit Gewalt auf unsere Spur drängen will, verzögert der Waymo-Pilot nur ganz kurz und geht wieder aufs Gas, als der Störenfried das Feld räumt. Besser könnte ein menschlicher Fahrer auch nicht reagieren.

Auch heikle Situationen bewältigt der Softwarechauffeur, etwa bei Stoppschildern an Kreuzungen: Hier gilt in den USA das Prinzip, dass die Reihenfolge des Ankommens auch die des Einfahrens in die Kreuzung definiert. Oder rote Ampeln, bei denen rechts abbiegen je nach Signalisation erlaubt ist – all dies erkennt das Robotaxi und reagiert stets richtig. Selbst hinter am Strassenrand wartenden Bussen verhält sich unser Taxi korrekt. Bei unklaren Situationen wählt er diese Strategie: Besser kurz stehenbleiben, die Lage prüfen und erst dann weiterfahren. Die Programmierer haben ihre Lektion aus den Vorfällen in Texas offenbar gelernt, und so gewinnen wir nach anfänglicher Skepsis schnell Vertrauen in unser wie von Zauberhand gelenktes Taxi.

Automatisch ist viel günstiger als Uber

Kurz vor Ende der Fahrt kontaktieren wir über den Touchscreen zwischen den Sitzen noch den «Rider Support», um zu prüfen, ob dieser wirklich wie versprochen immer empfangsbereit ist. Tatsächlich meldet sich nach weniger als 30 Sekunden eine menschliche Stimme. Nein, die Fahrt werde nicht überwacht, erklärt der Support freundlich. Aber Kameras im Innenraum registrieren sicherheitsgefährdendes Verhalten. Wenn sich jemand nicht anschnallt oder – Gott bewahre – ins Lenkrad greift, bricht das System die Fahrt ab. Das bedeutet: rechts ranfahren und warten, bis das Problem gelöst ist. Notfalls wird das Auto abgeschleppt, und die Fahrgäste können ihre Reise in einem Ersatzfahrzeug fortsetzen.

Der Fahrpreis gestaltet sich dynamisch. So wird unsere fast zweistündige Fahrt quer durch die Grossstadt über eine Distanz von 17 Kilometern mit rund 39 Dollar gar etwas billiger berechnet als ursprünglich vor Fahrtantritt in der App ausgewiesen. Und so kostet unsere Robofahrt nur etwa halb so viel wie die Fahrt mit einem bemannten Uber-Taxi.

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