Van der Bellen über die Zukunft Europas, die Beziehung zu Trump und die Rolle der Schweiz
«Wir lassen uns nicht von aussen diktieren, zerteilen oder beherrschen»

Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen empfängt am Donnerstag den Schweizer Bundespräsidenten Guy Parmelin in Wien. Im Interview verrät einer der grossen Staatsmänner Europas, wie er über die Schweiz denkt und was er Trump sagen würde.
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Bundespräsident Guy Parmelin (l.) zusammen mit seinem Amtskollegen Alexander Van der Bellen in Wien.
Foto: IMAGO/Andreas Stroh

Darum gehts

  • Österreichs Präsident Van der Bellen empfängt am Donnerstag Guy Parmelin in Wien
  • Schweiz ist viertgrösster Handelspartner und drittgrösster Investor Österreichs
  • 850 Schweizer Armeeangehörige trainierten 2025 mit Österreich und Deutschland zusammen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Guido FelderAusland-Redaktor

Regierungskrise, Skandale, Parteienstreit: Österreich hat in den vergangenen Jahren schwere Turbulenzen erlebt. Dass das Land aus dem Schlamassel herausgefunden hat, ist unter anderem Alexander Van der Bellen (81) zu verdanken. Der Bundespräsident zog die Fäden im Hintergrund und glättete die Wogen.

Van der Bellen, der am Donnerstag den Schweizer Bundespräsidenten Guy Parmelin (66) empfing, ist einer der grossen Staatsmänner Europas. Ihm geht es nicht um Deals, sondern immer um eine lösungsorientierte Politik. Obwohl sein Herz links schlägt, hört er auch auf die Bedürfnisse von rechts. Gegenüber Blick spricht Van der Bellen über die Lage Europas, die Beziehungen zwischen der Schweiz und Österreich und extreme Parteien. 

Herr Bundespräsident Van der Bellen, die Sicherheit Europas wird bedroht wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Was bedeutet das für unseren Kontinent? 

Die Zeiten ändern sich, die Welt ist nicht mehr die, die sie vor zehn Jahren war. Allianzen, die wir lange Zeit für unumstösslich gehalten hatten, sind brüchig geworden. Der europäische Zusammenhalt wird getestet – unsere amerikanischen Verbündeten sind weniger berechenbar geworden.

Was muss Europa machen, damit es sich behaupten kann und wieder sicherer wird? 

In dieser neuen Weltordnung tun wir gut daran, uns rasch neu zu orientieren und die europäische Resilienz und Unabhängigkeit in vielen Bereichen auszubauen. Vergessen wir nie: Man beneidet uns für unser Europa und das Leben, das wir hier führen können. 

Präsident in stürmischen Zeiten

Alexander Van der Bellen (81) – der Name stammt von holländischen Vorfahren – ist seit 2017 österreichischer Bundespräsident. Seine zweite Amtszeit dauert bis 2029. Für die Grünen wirkte er als Klubobmann und sass später im Nationalrat. Vor der Wahl zum Bundespräsidenten trat er aus der Partei aus, um Präsident für alle Österreicher zu sein. Der ehemalige Professor für Volkswirtschaftslehre hat fünf Kanzlerwechsel erlebt und musste auch die Wogen nach der sogenannten Ibiza-Affäre glätten. Van der Bellen, der auf Tiktok beachtliche 55'000 Follower hat, wurde mit 19 Jahren Vater und hat heute zwei Söhne. Er lebt mit seiner zweiten Frau, der ehemaligen Grünen-Parlamentsclub-Chefin Doris Schmidauer (62), zusammen.

Alexander Van der Bellen (81) – der Name stammt von holländischen Vorfahren – ist seit 2017 österreichischer Bundespräsident. Seine zweite Amtszeit dauert bis 2029. Für die Grünen wirkte er als Klubobmann und sass später im Nationalrat. Vor der Wahl zum Bundespräsidenten trat er aus der Partei aus, um Präsident für alle Österreicher zu sein. Der ehemalige Professor für Volkswirtschaftslehre hat fünf Kanzlerwechsel erlebt und musste auch die Wogen nach der sogenannten Ibiza-Affäre glätten. Van der Bellen, der auf Tiktok beachtliche 55'000 Follower hat, wurde mit 19 Jahren Vater und hat heute zwei Söhne. Er lebt mit seiner zweiten Frau, der ehemaligen Grünen-Parlamentsclub-Chefin Doris Schmidauer (62), zusammen.

In Ihrer Neujahrsansprache reden Sie von «Europa-Patriotismus». Was meinen Sie mit diesem Ausdruck, der in den vergangenen Jahren verpönt war? 

Es gibt viele Gründe, auf dieses Europa stolz zu sein. Deshalb bin ich dafür, einen gesunden Europa-Patriotismus zu entwickeln. Damit machen wir auch allen klar: Nur wir Europäer wollen bestimmen, wohin unser Weg geht – wir lassen uns nicht von aussen diktieren, zerteilen oder beherrschen.

Wenn Sie Trump begegnen würden, was würden Sie ihm sagen? 

Unsere Freundschaft hat Risse bekommen. Wir werden uns neu orientieren.

Und was würden Sie Putin sagen? 

Sie können heute den Krieg beenden.

AfD, FPÖ, Rassemblement National: In verschiedenen Ländern Europas feiern extreme Parteien grossen Zuwachs. Wie soll man darauf reagieren?  

Europa wird nur erfolgreich sein, wenn wir auf Basis des Wertefundaments unserer liberalen Demokratien enger zusammenarbeiten und uns nicht auseinanderdividieren lassen – von aussen so wenig wie von innen. Jene, die dies versuchen, haben erfahrungsgemäss keine echten Lösungen anzubieten.

Die EU ist zerstritten. Die Briten sind raus, die Ungarn, Polen und Slowaken trotzen, die Schweizer ziehen die Eigenständigkeit vor. Ist die EU noch auf dem richtigen Weg?  

Es gibt positive Signale: Europa rückt angesichts der veränderten Weltordnung näher zusammen – zum Beispiel ist die Zusammenarbeit mit Grossbritannien wieder deutlich enger. Alle Vorschläge und Fortschritte, die zu einer effizienteren und engeren Zusammenarbeit auf EU-Ebene führen, zum Beispiel auch eine Beschleunigung der Entscheidungsfindung, sind sehr zu begrüssen.

Wie wichtig ist der Besuch von Guy Parmelin für die Beziehungen zwischen der Schweiz und Österreich? 

Es ist gute Tradition, dass die Schweizer Bundespräsidentin oder der Schweizer Bundespräsident gleich zu Beginn seiner oder ihrer Amtszeit nach Wien kommt und der österreichische Bundespräsident wiederum Bern besucht. Das schätzen wir sehr. Unsere beiden Länder pflegen eine gute Nachbarschaft und enge wirtschaftliche Beziehungen. Die Schweiz ist der viertgrösste Handelspartner Österreichs und der drittgrösste Investor. Aktuell leben circa 70'000 Österreicherinnen und Österreicher in der Schweiz. Dazu kommen etwa 9000 Menschen, die täglich in die Schweiz zur Arbeit pendeln. Ich freue mich auf den Austausch über aktuelle Themen von Wirtschaft über Europa bis hin zu den aktuellen geopolitischen Herausforderungen.

Wo sehen Sie Potenzial für eine nähere Zusammenarbeit mit Österreich? Etwa in der Verteidigung? 

Die Welt ordnet sich neu – wir richten uns danach aus. Die Schweiz hat kürzlich eine neue Sicherheitsstrategie erstellt. Österreich arbeitet gerade an einer Aktualisierung seiner Strategie. Die Schweiz und Österreich kooperieren im Bereich Sicherheit eng. Ganz konkret haben etwa im Mai letzten Jahres 850 Schweizer Armeeangehörige in Österreich in Allentsteig an einer Übung gemeinsam mit dem österreichischen Bundesheer und der deutschen Bundeswehr teilgenommen.

Welche Rolle spielt in Ihren Augen die Schweiz in Europa? 

Die Schweiz ist auf jeden Fall ein essenzieller Teil Europas. Es freut mich sehr, dass das Paket von Abkommen zur Stabilisierung und Weiterentwicklung der Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU nun ausverhandelt ist. Ganz besonders freut mich, dass die Schweiz wieder aktiver Partner der EU-Forschungsprogramme ist.

Das Interview wurde schriftlich geführt. 

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