Nahost-Experte schätzt ein: «Die Angriffe dienten eher zur Abschreckung»

Experten kommen nach Angriff auf Iran zu erstaunlichem Schluss
Das steckt hinter Israels Schweigen

Neues Kapitel im wirren Spiel des Nahen Ostens: Israelische Drohnen griffen einen Militärstützpunkt im Iran an. Passiert ist dabei wenig. Das ist Absicht, glauben Experten. Sorge bereitet ihnen einzig der jüdische Fest-Kalender.
Publiziert: 19.04.2024 um 12:49 Uhr
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Aktualisiert: 19.04.2024 um 20:04 Uhr
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Raketen-Plakate im Iran: Das Mullah-Regime macht zu Hause mächtig Stimmung gegen Israel.
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Samuel SchumacherAusland-Reporter

Benjamin Netanyahu (74) konnte es nicht lassen. Allen Beschwichtigungsversuchen europäischer Verbündeter und sogar des Weissen Hauses zum Trotz lancierte Israel in der Nacht auf Freitag einen Militärschlag gegen den Iran. Mehrere Mini-Drohnen, die laut den Iranern von «Eindringlingen» innerhalb des Landes losgeschickt worden sind, zielten auf einen Militärstützpunkt in der zentraliranischen Stadt Isfahan.

Das Mullah-Regime schoss die Drohnen ab und spielte den Angriff fünf Tage nach der iranischen Attacke mit 300 Drohnen und Raketen auf Israel herunter. Israelische Medien berichteten zurückhaltend über den Vorfall. Für Michel Wyss (36), Militärexperte an der Militärakademie der ETH Zürich (MILAK), ein Zeichen dafür, dass die beiden Konfliktparteien etwas ganz Bestimmtes im Sinn haben.

So kommt Wyss zum erstaunlichen Schluss: «Israel scheint die alten ‹Spielregeln› wieder etablieren zu wollen. Man kommentiert Angriffe nicht öffentlich und ermöglicht dadurch beiden Seiten plausible Bestreitbarkeit.» Drohnen? «Wir wissen nichts», sagt das offizielle Israel. Drohnen? Ungeklärte Urheber, sagt der offizielle Iran. Und schon rutscht der Konflikt zwischen den beiden verhassten Mächten wieder ins schummrige Schattenreich.

Bombenalarm in zwei Städten: Hier attackiert Israel den Iran(00:27)

Experte warnt: «Die Situation bleibt sehr gefährlich»

Militärexperte Wyss formuliert es so: «Wenn es bei der aktuellen israelischen Antwort bleibt, spricht das dafür, dass derzeit keine der beiden Seiten eine grössere Eskalation sucht.»

Dennoch bleibt die Lage nervös. Der Iran hat in seinem Waffenarsenal einen wilden Mix aus amerikanischen und russischen Kampfjets (zum Teil noch aus der Zeit des Schahs in den 1970er-Jahren) und verfügt mit der im Libanon stationierten Hisbollah-Miliz über eine äusserst schlagkräftige Schattenarmee, die schätzungsweise 150'000 Raketen bunkert.

Über Israels Langstreckenwaffen ist öffentlich wenig bekannt. Die gerade mal zwei Dutzend «Jericho II»-Raketen – 20-Tönner, die mit nuklearen Sprengköpfen bestückt werden könnten – wird Israel nicht für unnötige Scharmützel mit dem Iran opfern. Und ein Einsatz seiner modernen F-35-Kampfjet-Flotte wäre laut Militärexperte Wyss riskant, weil er das Risiko von Verlusten birgt und weil Israel damit den Luftraum seiner sowieso schon angespannten Nachbarn verletzen müsste: Um in den Iran zu gelangen, müssten die israelischen Bomber mindestens durch jordanischen und irakischen, wohl auch durch saudischen Luftraum düsen.

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Andreas Böhm, Nahostexperte an der Universität St. Gallen, mahnt gegenüber Blick trotzdem zu Vorsicht. «Die Situation bleibt sehr volatil und gefährlich.» Zwar deuteten die Zeichen derzeit darauf hin, dass beide Seiten abschrecken und nicht eskalieren wollten. «Vielleicht wartet Israel aber auch einfach noch zu, weil am Wochenende das Pessach-Fest gefeiert wird.» Ähnliche Vermutungen stellten amerikanische Militärexperten in den vergangenen Tagen an. Eine Eskalation komme wenn, dann erst nach dem Pessach-Fest (22. bis 30. April), so die Amerikaner.

Die Verlierer: einmal mehr die Palästinenser

Den Bewohnern von Gaza, wo seit Beginn des Kriegs laut palästinensischen Angaben fast 34'000 Menschen getötet worden sind, hilft das alles wenig. Israel, das vor dem neuen Hin und Her mit dem Iran international zunehmend unter Druck geriet wegen seines heftigen Eingreifens im Gazastreifen, scheint gestärkt aus der Iran-Krise hervorzukommen. Und der Iran, Geldgeber der Hamas und inoffizielle Schutzmacht der Palästinenser, hat sich im arabischen Raum erneut viel des eh schon knappen guten Willens verspielt.

Das zeigte das Verhalten der arabischen Staaten rund um den iranischen Angriff auf Israel am vergangenen Wochenende. Jordanien schoss iranische Drohnen ab, und Saudi-Arabien lieferte den Israelis Geheimdienstinformationen.

Die Araber helfen dem einstmals verhassten Israel im Konflikt gegen die schiitischen Mullahs in Teheran: Die Karten werden neu gemischt im Nahen Osten. Die Spielregeln bleiben undurchsichtig, das Game äusserst gefährlich.

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