Darum gehts
- Looksmaxxing-Trend: Junge Männer steigern Attraktivität durch Fitness, Diäten, extreme Eingriffe
- Gefährliche Methoden wie «Bone Smashing» und illegale «Lemon Bottle Injections» verbreiten sich
- Schockierend: 20-jähriger «Clavicular» prahlt mit Steroiden, Meth-Diäten und Operationsträumen
Es sind absurde Szenen: Ein junger Mann sitzt in einem Interview – weiss, gutaussehend, sportlich – und behauptet, dass Gavin Newsom (58), Gouverneur von Kalifornien, die Präsidentschaftswahl 2028 gewinnen werde. Nicht etwa, weil der junge Mann, der unter dem Pseudonym «Clavicular» auftritt, ihn für den besseren Präsidenten hält. Sondern weil J. D. Vance (41) seiner Meinung nach zu «fett» sei, um ein Land zu regieren. Er sei deshalb ein «Subhuman» – ein «Untermensch». Und das meint «Schlüsselbein» – so die wörtliche Übersetzung des lateinischen Begriffs «clavicula» – vollkommen ernst.
Hinter dieser Aussage steht ein Weltbild, in dem das Aussehen zum zentralen Massstab menschlicher Existenz wird. Attraktivität gilt als Versprechen für Erfolg – bei Frauen ebenso wie im Beruf. Und, um diesem Ideal näherzukommen, gehen manche der jungen Männer, die sich der Szene des Looksmaxxing zurechnen, so weit, sich buchstäblich die eigenen Gesichter zu malträtieren.
Das Phänomen – Schönheit um jeden Preis
Ein neuer Trend aus der sogenannten Manosphere verbreitet sich rasant in sozialen Netzwerken: Looksmaxxing. Junge Männer versuchen, ihre Attraktivität künstlich zu steigern – durch Fitnessprogramme, Diäten oder drastische Eingriffe. Manche ritzen sich Narben, andere lassen sich operieren oder fügen sich selbst Verletzungen zu, um «maskuliner» zu wirken.
Der bekannteste Vertreter: der junge Mann mit dem ausgeprägten Schlüsselbein: Braden «Clavicular» Peters. Der 20-Jährige prahlt im Netz mit Steroidkuren, Meth-Diäten und bizarren Operationsträumen. Sein Idolbild: ein perfekt geformtes Gesicht – koste es, was es wolle. Auf Tiktok kursieren unzählige Videos, die ähnliche Methoden verherrlichen.
Ursprung in der Incel-Szene
Looksmaxxing stammt aus der Incel-Community – einem Internetmilieu frustrierter Männer, die keine sexuellen oder romantischen Erfolge haben und daraus offenen Frauenhass entwickeln. Sie nennen sich «unfreiwillig zölibatär» (involuntary celibate) und glauben, Frauen wollten nur Männer mit «guten Genen» oder Geld. Ihre Lösung: äussere Maximierung statt Persönlichkeitsarbeit.
Im Zentrum steht der sogenannte Sexual Market Value (SMV) – eine pseudowissenschaftliche Rangordnung von Menschen entlang von Attraktivität, Potenz und Status. Frauen gelten in dieser Welt als «foids» (Kurzform für female humanoids), also als nicht ganz menschlich.
Das Pill-System – von Red bis Black
Wie bei anderen Strömungen der Manosphere spielt auch hier das Pill-Narrativ eine zentrale Rolle. Die Red Pill stehe, so die Szene, für «Erkenntnis» – die Einsicht, dass Schönheit die einzige Wahrheit sei. Die Blue Pill symbolisiert Verdrängung oder Ignoranz. Die Black Pill geht noch weiter: Sie postuliert, Attraktivität sei genetisch vorbestimmt.
Wer «geblackpilled» ist, gibt Soft-Maxxing-Methoden auf – und greift zu gefährlichen Experimenten, um künstlich «bessere Gene» vorzutäuschen. So geraten Männer in eine gefährliche Spirale aus Selbsthass, Isolation und körperlicher Selbstverstümmelung.
Soft und Hard Maxxing – die Methoden
Beim sogenannten Soft Maxxing bleiben die Eingriffe harmlos: Fitness, Hautpflege, Ernährung oder das sogenannte Mewing – bei dem die Zunge an den Gaumen gedrückt wird, um die Kieferlinie zu schärfen. Wissenschaftliche Belege gibt es dafür keine.
Beim Hard Maxxing überschreiten immer mehr junge Männer die Grenze. Zu den derzeit viralen Methoden zählen:
- Bone Smashing: Sie schlagen sich selbst ins Gesicht, um Mikrofrakturen zu erzeugen. Ärztinnen warnen vor bleibenden Nervenschäden und Deformationen.
- Lemon Bottle Injections: Ein inoffizielles «Fett-weg-Serum», das sich Nutzer in die Wangen spritzen. Laut Swissmedic ist das Mittel illegal – mit Risiken wie abgestorbenem Gewebe oder schweren Entzündungen.
- Limb Lengthening: Eine riskante Beinverlängerungs-Operation, bei der Knochen auseinandergezogen werden. Komplikationen sind Infektionen oder dauerhafte Behinderung.
Wenn der Staat «lethalitymaxxt»
Wie gefährlich der Trend kulturell wirkt, zeigt ein bizarrer Fall aus der Politik: Das US-Verteidigungsministerium postete kürzlich auf X über den Iran-Krieg – mit den Worten: «Low cortisol. Locked in. Lethalitymaxxing.» Der Begriff stammt direkt aus der Looksmaxxer-Szene und steht dort für «tödliche Effizienz». Inzwischen benutzen auch andere Regierungsstellen Meme-Vokabeln wie «lifestylemaxxing» oder «homelandmaxxing».
Auf welchem politischen Terrain sich die Looksmaxxer selbst bewegen, lassen mehrere Vorfälle vermuten, die für Schlagzeilen sorgten. Clavicular zeigte, wie er mit seinem Tesla Cybertruck einen Fussgänger anfuhr. Zudem kursiert ein Video, das ihn in einem Nachtclub zusammen mit dem selbst ernannten «misogynen Influencer» Andrew Tate (39) und dem rechtsextremen Kommentator Nick Fuentes (27) zeigt, während sie die umstrittenen Songzeilen aus Kanye Wests (48) «Heil Hitler» skandieren.