Darum gehts
- Die US-Marine setzt auf die 25 Meter lange Unterwasserdrohne Orca
- Orca kann 12'000 km autonom fahren, Minen legen und spionieren
- Entwicklungskosten bei 450 Mio. Dollar, fünf Drohnen bisher bestellt
Das Wettrüsten um unbemannte Waffensysteme der Zukunft ist längst Realität. Ob im Krieg zwischen Russland und der Ukraine oder in möglichen Konfliktszenarien der USA im Nahen Osten – der direkte Einsatz von Soldaten an der Front nimmt zunehmend ab. Die US-Navy hat ihrer Flotte nun eine weitere neue Waffe zur Seite gestellt: die Unterwasserdrohne Orca. Der 25-Meter-Koloss soll wochenlang autonom operieren, Minen legen, spionieren – und dabei dorthin vordringen, wo der Einsatz bemannter U-Boote und Schiffe zu riskant oder zu teuer wäre.
Die Orca gehört zur Klasse der «Extra Large Unmanned Undersea Vehicles», also extra grosser unbemannter Unterwasserfahrzeuge. Laut dem Hersteller Boeing ist sie rund 25 Meter lang, in etwa so gross wie ein Sattelschlepper, allerdings ohne Besatzung an Bord.
Was die Orca können soll
Angetrieben wird die Orca diesel-elektrisch: Unter Wasser fährt sie mit Batterien, in regelmässigen Abständen taucht sie auf, saugt über einen Mast Luft an, lässt die Dieselmotoren laufen und lädt so ihre Akkus. Wie Boeing auf seiner Website schreibt, ist die Drohne für sehr lange Einsätze ausgelegt – die US-Marine spricht von rund 6000 bis 6500 Seemeilen Reichweite, also etwa 12'000 Kilometern, und bis zu 30 Tagen Einsatzdauer am Stück. Ihre Marschgeschwindigkeit liegt nur bei etwa drei Knoten, gut fünf Stundenkilometern. Unter Wasser zählt Durchhaltevermögen mehr als Tempo.
Ursprünglich wurde die Orca entwickelt, um heimlich Minen auszubringen – im US-Jargon «clandestine delivered mines». So beschreibt es Kapitän Matt Lewis, U-Boot-Fahrer und Programmmanager im Büro für unbemannte maritime Systeme der US-Marine, im Interview mit dem Portal «The War Zone». Die Drohne schleicht sich in ein Gebiet, öffnet eine Luke und lässt die Minen einfach aus dem Rumpf fallen. Ein System nimmt gleichzeitig Wasser auf, um den Gewichtsverlust auszugleichen und die Tarierung stabil zu halten.
Orca soll bemannte Einheiten begleiten
Der eigentliche Trumpf der Orca ist ihr grosser, modularer Innenraum. Laut Lewis und Boeing ist das Nutzlastvolumen so gross wie bei kaum einem anderen Unterwasserfahrzeug. Heute sind dafür Minen vorgesehen – künftig könnten dort aber auch andere militärische oder nachrichtendienstliche Systeme Platz finden: Sensorpakete zur Überwachung von Seewegen, Technik zur Kartierung des Meeresbodens, Kommunikationsknoten oder sogar kleinere Drohnen.
Die Orca ist dabei als Ergänzung zu bemannten Einheiten gedacht. Sie könnte etwa zusammen mit U-Booten der Virginia-Klasse eingesetzt werden, um Schiffsbewegungen zu beobachten und zusätzliche Daten zu sammeln. Im Umfeld von Flugzeugträgern könnte sie vorausfahren und frühzeitig vor gegnerischen Schiffen oder U-Booten warnen. Gerade an strategisch wichtigen Meerengen würde das den Handlungsspielraum der US-Navy deutlich erweitern.
Für die US-Marine ist die Orca mehr als nur eine neue Waffe. Sie ist eine Testplattform für die «Hybridflotte» aus bemannten und unbemannten Systemen, die die US-Marineführung anstrebt. Unbemannte Fahrzeuge sollen, so Admiral Lisa Franchetti, die «dull, dirty, dangerous»-Aufgaben übernehmen – also langwierige, schmutzige oder besonders gefährliche Einsätze. Teure U-Boote und Kriegsschiffe sollen sich auf Missionen konzentrieren, für die Menschen unverzichtbar sind.
Wo die Orca noch schwächelt
Ganz ausgereift ist das System jedoch noch nicht. Wie der «Focus» berichtet, kam es bei Entwicklung und Beschaffung zu Verzögerungen und höheren Kosten. Die Marine selbst beziffert den Stückpreis auf rund 450 Millionen Dollar. Insgesamt wurden fünf Fahrzeuge bestellt.
Gründe für die Verzögerungen sind die anspruchsvolle autonome Steuerung eines so grossen Fahrzeugs, das komplexe Antriebssystem – und eine Rüstungsindustrie, die seit der Corona-Pandemie mit Engpässen bei Material und Fachkräften kämpft.
Hinzu kommen grundsätzliche Probleme des Unterwasserkriegs. Unter Wasser funktioniert Funk kaum, GPS gar nicht. «Sobald man unter Wasser geht, muss man die Schnittstelle zwischen Luft und Wasser beherrschen», sagt Kapitän Lewis. Die Orca kann nicht permanent mit der Leitstelle verbunden sein, sie muss einen grossen Teil der Entscheidungen selbst treffen – in einer Umgebung aus Dunkelheit, grossem Druck, Kälte, Korrosion und begrenzter Sensorik.