Zinswende in Europa
EZB erhöht Leitzins von null auf 0,5 Prozent!

Jetzt folgt die Europäische Zentralbank den Nationalbanken weltweit, darunter auch der SNB. Sie hebt die Leitzinsen zum ersten Mal seit elf Jahren an. Die Hintergründe – und Auswirkungen auf SNB und Schweizer Franken.
Publiziert: 21.07.2022 um 14:18 Uhr
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Aktualisiert: 21.07.2022 um 17:27 Uhr
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Jetzt ist die Zinswende in der Eurozone – im Bild die Europäische Zentralbank in Frankfurt (D) – in trockenen Tüchern.
Levin Stamm

Jetzt wurde der Druck zu gross! Nach monatelangem Zuwarten hat die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstagnachmittag die Anhebung der Leitzinsen um 0,5 Prozentpunkte verkündet. Damit ist die Zinswende in der Eurozone – einen Monat später als in der Schweiz – eingeleitet. Der Zinssatz, zu dem sich Banken über einen längeren Zeitraum Geld von der Zentralbank leihen können, steigt von 0 auf 0,5 Prozent.

Der «Anfang einer Reise», wie es EZB-Präsidentin Christine Lagarde (66) vor kurzem formuliert hat, fällt damit stärker aus als erwartet. Der ersten Zinserhöhung der europäischen Währungshüter seit 2011 sollen weitere folgen: Volkswirte prognostizieren einen weiteren Anstieg um bis zu 1,5 Prozent bis ins nächste Frühjahr.

Rekord-Inflation in Eurozone

Die Zinserhöhung kommt einem Tritt auf die Notbremse gleich. Im Juni stieg die Inflationsrate in der Eurozone gegenüber dem Vorjahr auf 8,6 Prozent. Ein Rekordwert: Nie war sie seit Einführung des Euros 1999 höher.

Trotzdem: «Die EZB hat viel zu lange zugewartet», sagt Reto Föllmi (46), Volkswirtschaftsprofessor an der Universität St. Gallen. Mittelfristig strebt die EZB eine Inflationsrate von zwei Prozent an – über dieses Ziel habe sie schon länger die Kontrolle verloren.

Denn vor allem die steigenden Energiepreise machen den Notenbankern in Frankfurt (D) einen Strich durch die Rechnung. «Man hoffte, sie seien nur von temporärer Natur», so Föllmi. So habe man den starken und anhaltenden Anstieg der Inflationsrate völlig unterschätzt. «Ist ein inflationärer Prozess mal im System, bringt man ihn nur schwer zum Halt.»

«Spielraum für SNB vergrössert sich»

Das lange Zuwarten der EZB lässt sich vor allem mit der hohen Verschuldung südeuropäischer Mitgliedsstaaten erklären. Vor allem Sorgenkind Italien gilt als Bremsklotz bei der Einführung einer restriktiven Geldpolitik. Eine Anhebung des Leitzinses dürfte die Renditen von italienischen Staatsschulden weiter in die Höhe schiessen lassen. «Italien baute seine Schulden während der Hochkonjunktur nicht ab und in der Corona-Krise stiegen sie weiter. Das rächt sich jetzt», sagt Föllmi. Wegen Fällen wie Italien hat die EZB darum gar ein neues Werkzeug – das «Transmission Protection Instrument» – vorgestellt, mit dem die Zinsen auf Staatsanleihen innerhalb der Eurozone möglichst einheitlich gehalten werden sollen.

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Good News bedeutet die jüngste Entscheidung der EZB dagegen für die Schweizerische Nationalbank (SNB): «Ihr Spielraum vergrössert sich jetzt wieder», sagt Föllmi. Denn dem höheren Zinssatz wird eine stärkere Nachfrage nach dem Euro folgen. Das nehme den Druck vom starken Franken etwas weg und ebne in der Schweiz so den Weg für weitere Anpassungen des Leitzinses nach oben. Experten erwarten den nächsten Zinsschritt der SNB im September.

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