Ladenetz zu wenig dicht: «Grösste Herausforderung ist die Investition»(01:59)

Wenn der Boom zum Problem wird
Zu viele Stromer, zu wenige Ladesäulen

Die Stromer verdrängen die Benziner auf den Schweizer Strassen. Das braucht ein radikales Umdenken beim Tankstellennetz, es braucht mehr Lade- und weniger Zapfsäulen. Denn noch ist das Netz der öffentlichen Ladestationen zu wenig dicht.
Publiziert: 21.02.2022 um 00:33 Uhr
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Aktualisiert: 02.03.2022 um 10:14 Uhr
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Die Zahl der Tiefgaragen mit Ladestationen nimmt stetig zu.
Christian Kolbe

Eines hat die Pandemie nicht gebremst: den Verkauf von Elektroautos in der Schweiz. Insgesamt wurden letztes Jahr 21'790 Plug-in-Hybride und 31'823 reine Elektroautos zugelassen. Der Marktanteil dieser sogenannten Steckerautos liegt bei den Neuwagen inzwischen bei über 22 Prozent. Und auch im Januar geht der Trend ungebremst weiter, der Marktanteil klettert weiter auf 23 Prozent.

Wie der Name schon sagt, müssen all diese Elektrofahrzeuge regelmässig an den Stecker, um ihre Batterien neu aufzuladen. Das heisst, die Ladeinfrastruktur in der Schweiz sollte mit dem Wachstum der Zulassungen mithalten. Doch mittelfristig fehlt es an Elektrozapfsäulen im Land.

Das «Tanken» muss zuerst neu gedacht werden. «90 Prozent der Ladungen finden zu Hause oder am Arbeitsplatz statt», sagt Adrian Wachholz (31), Leiter des Elektromobilitätsgeschäfts bei ABB Schweiz. Der Vorteil: Am Morgen ist das Auto immer vollgetankt. Andererseits: Viele haben Angst, unterwegs zu wenige Lademöglichkeiten zu finden, um die Batterie schnell und komfortabel wieder aufzuladen.

Bald eine halbe Million Stromer

Genau hier liegt das Problem: Noch schreckt der Mangel an elektrischen Zapfsäulen unterwegs viele Interessierte vom Kauf eines Stromers ab. Denn auf langen Strecken dauert es mit dem Stromer immer noch länger als mit dem Benziner.

Das hängt auch damit zusammen, dass gar nicht so klar ist, was der Treiber für noch mehr Wachstum sein könnte, sagt Elektroingenieur Urs Pfister (70), der ein eigenes Beratungsunternehmen hat. «Es geht um die Frage, ob es erst noch viel mehr Elektrofahrzeuge braucht, um den Ausbau der Ladekapazitäten anzukurbeln. Oder ob es zunächst mehr Ladestationen braucht, um den Absatz von Elektroautos zu steigern.»

Blick trifft den Elektromobilitätsexperten Pfister an der Autobahnraststätte Würenlos im Kanton Aargau. Seit dem Facelift vor zwei Jahren gibt es beim «Fressbalken» 20 Schnellladesäulen. Doch Würenlos ist eine Ausnahme: «Die Ladeinfrastruktur ist ungenügend», sagt Pfister. «Das Netz muss noch viel dichter werden.»

Zu wenige Ladestationen: «Es wird einen Engpass geben»(01:19)

«Ladeinfrastruktur ist ungenügend»

Dem widerspricht ABB-Manager Wachholz nur halbherzig: «Im Moment hat es in der Schweiz noch genügend Ladestationen für die heute zugelassenen Elektrofahrzeuge. Allerdings werden die Zahlen in den nächsten zwei Jahren stark ansteigen. Dann wird es knapp.»

Das heisst: Der Stromer-Boom könnte sich selbst abwürgen, wenn zu viele Nutzer schlechte Erfahrungen mit der öffentlichen Ladeinfrastruktur machen. Daran ändert auch nichts, dass die Schweiz 2020 einen wahren Ladesäulenschub erlebt hat. Denn seither hat sich das Wachstumstempo wieder deutlich abgeflacht. Ende Januar 2022 gab es in der Schweiz 7148 Lädesäulen an 3339 Standorten.

Schnell wachsendes Geschäft

Das Problem: «Wirklich Geld lässt sich erst mit einem genügend grossen Elektrofuhrpark verdienen», sagt ABB-Manager Wachholz: «Es braucht erst weitere Investitionen in den Ausbau der Ladeinfrastruktur, bevor sich dieses Geschäft auch langfristig für alle Beteiligten wirklich lohnen wird.»

Allein der Ausbau in Würenlos kostete ein paar Millionen Franken, insgesamt lockt ein Milliardengeschäft für die Anbieter von Ladestationen. Davon will sich ABB, die selbst an die 600 Ladestationen in der Schweiz betreibt, ein grosses Stück abschneiden. «Das Geschäft mit den Ladestationen ist einer der am schnellsten wachsenden Bereiche von ABB», erklärt Wachholz. Trotzdem: Der Weg ist noch weit, die Ladestationendichte je nach Kanton sehr unterschiedlich.

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Gefragte Parkplätze für Elektroautos

Fast noch prekärer als am Rand der Autobahn ist die Ladesituation zu Hause, etwa wenn man in der blauen Zone parkiert. Oder für Mieter und Stockwerkeigentümer in Mehrfamilienhäusern: «Die Ladestationen sind immer da, wo sie nicht gebraucht werden», heisst es etwas frustriert bei einer Zürcher Liegenschaftsverwaltung, die eben einen Neubau mit einem Dutzend Elektroparkplätzen ausgestattet hat.

Wer als Mieter einen Parkplatz mit Ladestation braucht, der sollte das Gespräch mit der Verwaltung suchen. Und vielleicht den Anschluss aus der eigenen Tasche berappen. Das könnte sich in den kommenden Jahren ändern: «Bei Neubauten werden die Parkplätze mit Lademöglichkeiten für Elektroautos am schnellsten vermietet», sagt Experte Pfister. Offenbar sogar an Leute, die noch gar keine Stromer besitzen, sondern erst mit dem Kauf liebäugeln.


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