Weniger Datenschutz, dafür eine bessere Beratung
Helsana-Chef will den gläsernen Patienten

Das Schweizer Gesundheitssystem ist teuer. Deshalb will die Helsana mit einem Tabu brechen: Sie fordert eine Lockerung des Datenschutzes bei Patientinnen und Patienten. Dies könne gleich mehrere Probleme lösen, erklärt der Krankenversicherer in einem neuen Report.
Publiziert: 11.09.2023 um 12:24 Uhr
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Helsana-Chef Roman Sonderegger fordert eine Lockerung des Datenschutzes bei Patientinnen und Patienten.
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Joschka SchaffnerRingier Journalistenschüler

Das Schweizer Gesundheitswesen wird teurer und teurer. Doch ist der mittlerweile rund 37 Milliarden Franken schwere Koloss auch wirklich gut? Das analysiert Helsana in einem neuen Report zum Thema Qualität. Dabei benennt der Krankenversicherer auch die Baustellen und mögliche Massnahmen dagegen. Und bricht mit einem Tabu: Helsana-Chef Roman Sonderegger (50) fordert den gläsernen Versicherungskunden!

«Da Krankenversicherer über viele Gesundheitsdaten ihrer Versicherten verfügen, können sie konkrete Verbesserungen in der medizinischen Versorgung aufzeigen», erklärt CEO Sonderegger in der Mitteilung zum Report. Die mangelnde Transparenz und die regulatorischen Bestimmungen, die aktuell vorherrschen, würden den Qualitätswettbewerb zwischen den verschiedenen Spitälern, Praxen oder Therapeuten hindern, sagt Sonderegger weiter gegenüber CH Media.

Weniger Datenschutz, tiefere Gesundheitskosten

Der Datenschutz für Patientinnen und Patienten soll folglich auf Kosten einer besseren Beratung und gleichzeitig tieferer Kosten gelockert werden. Eine Krankenkasse könnte so zukünftig ihre Kundinnen und Kunden auf sinnvolle Behandlungen aufmerksam machen oder warnen, wenn sie etwa ein Medikament zu oft beziehen. Insbesondere zweiteres bliebe heute gemäss dem Helsana-Report ein grosses Manko der Schweizer Gesundheitsversorgung.

So würden in der Schweiz opioide Schmerzmittel deutlich häufiger verschrieben als empfohlen. Auch bei einer anderen Medikamentengruppe zeige sich dieser Trend: Der Absatz sogenannter Protonenpumpeninhibitoren (PPI), auch bekannt als Magensäureblocker, steigt immer weiter. Mittlerweile gehören sie zu den am häufigsten verkauften Wirkstoffen. Vor allem bei älteren Menschen würde oftmals eine zu hohe Dosis verschrieben. Aufgrund der möglichen Nebenwirkungen, wie beispielsweise Lungenentzündungen und Osteoporose, sei dies «bedenklich».

Auch bemängelt der Bericht, der vier konkrete Behandlungsformen untersuchte, auch die mangelnde Voruntersuchung gegen Darmkrebs sowie die ungenügende Begleitung von chronisch Kranken mit Diabetes.

Helsana folgt den bürgerlichen Forderungen

Sonderegger und seine Helsana folgen mit ihrem Ruf nach mehr Transparenz auch den bürgerlichen Forderungen in Bern: Auf Initiative von FDP-Nationalrat Andri Silberschmidt (29) hat die vorberatende parlamentarische Gesundheitskommission kürzlich einen entsprechenden Vorschlag in das neuste vom Bundesrat aufgegleiste Massnahmenpaket zur Kostensenkung im Gesundheitswesen eingebaut.

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Dabei sollen die Krankenkassen ihre Kundinnen und Kunden «individuell informieren» können. Und zwar «über deren bezogene Leistungen, über Massnahmen zur Verhütung von Krankheiten und über Angebote, die auf eine verbesserte Wirtschaftlichkeit und Koordination der medizinischen Leistungserbringung abzielen». Ebenfalls sollen sie mit dem Einverständnis der Versicherten auch die Ärztinnen und Ärzte über die von den Versicherten bezogenen Leistungen informieren können.

Das Vorhaben, das in der dritten Woche der aktuellen Session ins Parlament kommen wird, ist jedoch nicht unumstritten: Vor allem die linken Parteien sträuben sich gegen eine Aufweichung des Datenschutzes zugunsten der Versicherer.

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