Zu wenig Lehrlinge: Lehrbetriebe werben mit Videos auf Social Media(01:10)

«Viele neue Erfahrungen»
So buhlen die Firmen um begehrte Lernende

Fachkräfte sind sowohl in der Gastronomie als auch in der Informatik-, Gesundheit- oder Baubranche rar. Umso wichtiger ist es für die Firmen deshalb, junge Talente zu gewinnen. Die Suche nach Lernenden ist aber immer schwieriger.
Publiziert: 13.08.2023 um 19:08 Uhr
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Aktualisiert: 15.08.2023 um 12:54 Uhr
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Das Gastgewerbe bietet insgesamt neun verschiedene Berufe an: Junge Köchinnen und Köche sind besonders gefragt.
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Milena KälinRedaktorin Wirtschaft

Nach neun Jahren Schulbank drücken starten in diesen Tagen 70'000 Lernende ihre Karriere in der Berufswelt. Am 10. August waren beim Stellenportal Yousty aber immer noch 10'398 Stellen offen – denn es gibt einen Überschuss.

Gerade in Branchen, wo der Fachkräftemangel akut ist, sind junge Talente gefragt. So auch in der Gastronomie. Bei den Lehrverträgen gibt es im Gastgewerbe jedoch einen Rückgang. «Häufig stossen die Arbeitszeiten, aber auch die fordernde mentale und physische Tätigkeit auf Ablehnung», erklärt der Branchenverband Gastrosuisse auf Anfrage von Blick. Eltern – aber auch Berufsberater – würden von einem Einstieg in die Branche warnen.

Deshalb ist der Verband jährlich an 20 Berufsmessen und 200 Informationsnachmittagen aktiv. Im Kanton Zürich sei man zudem mit einem Food Truck auf den Pausenplätzen unterwegs. Jährlich starten etwa 3000 neue Lernende ihre Karriere im Gastgewerbe. Am gefragtesten: Köchinnen und Köche.

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So auch bei der SV Group: Die meisten Lehrstellen bietet sie für Köche oder für Systemgastronomie-Fachpersonen. «Besonders für die Koch-Ausbildung verzeichnen wir jedes Jahr grosses Interesse», so eine Sprecherin. Trotzdem konnten von 76 Lehrstellen für 2023 bislang nur 39 besetzt werden. Dabei wirbt die SV Group mit Besuchen an Berufsmessen und Beiträge auf Social Media um Lernende. Konkurrentin ZFV hat 28 der 31 ausgeschriebenen Lehrstellen besetzen können.

Die Restaurantkette Twospice, zu der unter anderem die Sushi-Kette Yoojis gehört, hat dieses Jahr nur eine Lehrstelle als Systemfachperson besetzt. «Es treffen leider kaum Bewerbungen ein», teilt eine Sprecherin mit. Auch die Nachfrage nach Schnupperlehren sei nicht sehr gross.

Viele offene Stellen auf dem Bau

Dieses Problem kennen auch viele Unternehmen im Baugewerbe. Auf Yousty gab es im August in dieser Branche mit 25 Prozent noch besonders viel offene Stellen. Der Schweizerische Baumeisterverband rechnet im Bauhauptgewerbe aber mit ähnlich viel besetzen Lehrstellen wie in den Vorjahren. 2022 starteten 5500 Lernende auf dem Bau, 732 in einer Maurerlehre.

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Erfreulich ist, dass die Branche ein steigendes Interesse der Jugendlichen beobachtet. «In wirtschaftlich schwierigen Zeiten sucht die Jugend nach sicheren Berufen», sagt Matthias Engel (44), Sprecher vom Baumeisterverband. «Das weit verbreitete Klischee, man könne nur mit Anzug und Krawatte Karriere machen, stimmt definitiv nicht.» Insbesondere wolle man auch Frauen für Bauberufe begeistern – der Frauenanteil war 2020 mit 12,2 Prozent immer noch sehr klein.

Über die sozialen Medien wie Youtube oder Instagram versucht der Verband, die Jugendlichen direkt zu erreichen. Diesen Weg schlagen viele Unternehmen ein, die Mühe haben, ihre Lehrstellen zu besetzen.

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Wie auch die Bauunternehmen Walo Bertschinger und Implenia. Bei Implenia starteten 2023 wie auch bereits im Vorjahr rund 40 Lernende. Die Nachfrage blieb stabil.

Bei Walo werden jährlich 30 Lehrstellen ausgeschrieben, über die Hälfte im Strassenbau. Etwa 25 davon sind bereits besetzt. Seit der Corona-Krise hapert es jedoch ein wenig: «Seit letztem Jahr ist die Rekrutierung von Lernenden schwieriger und zeitaufwendiger geworden», sagt ein Sprecher. Man erhalte nur etwa 80 Prozent so viele Anfragen wie vor der Pandemie.

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Nicht so in der Informatikbranche: Im März waren bereits 80 Prozent der Lehrstellen besetzt. «Der Beruf Informatiker/in EFZ gehört zu den beliebtesten Lehrberufen, vor allem bei Jungen», sagt eine Sprecherin vom ICT-Berufsverband. Die Anzahl Lehrstellen steigt stetig an, denn Fachkräfte sind dringend gesucht. 2022 starteten 3’320 Lernende. Das Zürcher Tech-Unternehmen Ti&m hat seine sechs Lehrstellen für 2023 ohne Problem besetzen können. Dafür mangelt es aber an Frauen. Die Erhöhung des Frauenanteils ist deshalb ein Ziel des Informatik-Verbands.

«Meine Ziele sind, dass ich Programmieren lerne und einen guten Einblick in das Arbeitsleben bekomme», sagt Linn Olsen aus Zimmerwald BE.

Bei der Schweizerischen Post starten gleich zwei junge Frauen eine Lehre als Informatikerin. Nach einigen Aufträgen wusste Linn Olsen (16) bereits, dass ihr Programmieren gefällt: «Ich mag es, Gelerntes direkt umzusetzen und auszuprobieren.» Auch Julia Ebner (16) aus Solothurn ist von der Welt der Technik fasziniert: «Während der Lehre kann ich viele neue Erfahrungen machen, und danach stehen mir viele Möglichkeiten frei.»

«Mein Ziel ist es, die Lehre sowie die Berufsmatur erfolgreich zu beenden, so dass mir dann viele Wege offenstehen», sagt Julia Ebner.

Gesundheitsberufe wieder weniger beliebt

Die Gesundheitsbranche hat mit der Vergabe von Lehrstellen ebenfalls zu kämpfen. Seit 2020 ist die Anzahl Eintritte bei der Lehre Fachmann/Fachfrau Gesundheit EFZ (FaGe) leicht gesunken. 2022 waren es 4822 Lehrlinge, ein Grossteil davon Frauen.

Gemäss der nationalen Dachorganisation Odasanté ist die Situation von den ausgeschriebenen FaGe-Lehrstellen 2023 mit dem Vorjahr vergleichbar. Immer häufiger gibt es Informationsveranstaltungen auch online.

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In der Gruppenpraxis Sanacare konnten alle 20 ausgeschriebenen Lehrstellen besetzt werden. Die Nachfrage blieb dabei stabil. Die Pallas Kliniken dagegen bemerken weniger Anfragen. Dieses Jahr konnte nur eine der zwei Lehrstellen besetzt werden, eine Kandidatin sprang kurzfristig ab.


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