Darum gehts
- Jolanda Seidl stürzte 2024 Treppe hinunter
- Versicherung verweigert Zahlungen wegen Dokumentenstreit, finanzielle Notlage verschärft sich
- Februar 2026: Seidl muss sich erneut am Rücken operieren lassen
Die Solothurnerin Jolanda Seidl* (41) befindet sich nach einer schwierigen Zeit auf dem Weg der Besserung, als ein unachtsamer Moment ihr Leben völlig aus der Bahn wirft. Es geschieht am 23. November 2024: Seidl stürzt in einem Lokal in Olten SO eine Treppe hinunter und prallt mit dem Rücken und dem Kopf hart auf. Beim Unfall zieht sie sich mehrere Wirbelbrüche, eine Rippenfraktur sowie eine Hirnblutung zu. Sie kommt ins Spital und wird operiert. Ihre Wirbelsäule bleibt aber dauerhaft geschädigt. «Ich habe seit dem Unfall neurologische Beschwerden und anhaltende Schmerzen, wegen denen ich täglich Schmerzmittel nehmen muss», sagt sie zu Blick.
«Dafür fehlt mir die Kraft»
Zum Zeitpunkt des Unfalls befand sich Seidl in einem Wiedereingliederungsprogramm der Invalidenversicherung. Bei ihrem vorherigen Arbeitgeber Swiss Life fiel sie lange Zeit krank aus. Vor dem Sturz wurde sie wieder als teilweise arbeitsfähig eingestuft. «Ich war auf einem guten Weg, doch der Unfall hat das zunichtegemacht.»
15 Monate später ist Seidls Leben ein Scherbenhaufen: Beim Besuch im Reihenhäuschen in Hägendorf SO sieht sie gezeichnet aus. Mit kurzen Schritten läuft sie unsicher zum Küchentisch. «Seit dem Unfall möchte ich gesund werden. Ich kämpfe täglich darum, dass ich die nötige Hilfe bekomme», sagt sie zu Blick. Immer wieder fällt ihr ein Wort nicht ein. Eine Folge des Unfalls, wie sie sagt. «Eigentlich müsste ich seit Monaten noch ambulante Therapien machen. Aber dafür fehlt mir die Kraft.»
Seidl gerät in finanziell prekäre Lage
Denn Seidls gesundheitliche Situation wird von der finanziellen überschattet: Auf dem Tisch liegt ein grosser Dokumentenstapel aus E-Mail-Verkehr, Berichten von mehreren Spitalaufenthalten, Verfahren und zahlreichen Betreibungen über teilweise hohe vierstellige Beträge. «Ich habe den Überblick verloren und komme nicht mehr hinterher, immer zu reagieren. Seit dem Unfall kämpfe ich um meine finanzielle Existenz», sagt sie.
Der Knall kommt im Juli 2025: Seidls Unfallversicherung Elipse Life sistiert ihre Taggeldzahlungen, weil sie den Fall neu prüfen will. Später begründet die Versicherung den Schritt im Schriftverkehr mit fehlenden Akten, die für die Fallbeurteilung zentral seien. Seidl hat der Versicherung eine teilweise Vollmacht zur Einholung ihrer Patientenakten bei den involvierten Ärzten und Spitälern erteilt. Das ist eigentlich üblich.
«Meine aktuellen Probleme sind eine Folge des Unfalls»
Bei der teilweisen Vollmacht hat Seidl jedoch zwei Klinikaufenthalte nach ihrem Unfall explizit ausgeschlossen, weil sie mit deren Austrittsberichten nicht einverstanden ist und eine Überarbeitung fordert. Diese Berichte heben bei ihren körperlichen Problemen den psychischen Aspekt hervor.
Pikant: Aus Seidls 900 Seiten umfassender Akte bei der Elipse Life ist ersichtlich, dass der Unfallversicherung die Unterlagen der zwei per Vollmacht ausgeschlossenen Klinikaufenthalte vorliegen. Blick liegt die Akte vor.
Ende Juli 2025 kommt für Seidl der nächste Rückschlag: Sie stürzt erneut, schlägt den Kopf an und muss wieder auf die Intensivstation. Dort wird eine leichte Hirnblutung diagnostiziert.
Für Seidl ist klar: «Meine aktuellen Probleme sind eine direkte Folge des Unfalls.» Genau hier scheint der zentrale Streitpunkt mit der Versicherung zu liegen. Der Verdacht: Die Unfallversicherung will nachweisen, dass die aktuellen Probleme auf einer Vorgeschichte beruhen. Dann müsste sie nicht zahlen. Deshalb argumentiert die Versicherung, dass Seidl bereits zum Unfallzeitpunkt vollständig arbeitsunfähig war, was nachweislich nicht stimmt.
Das sagt der beratende Arzt der Versicherung
Andere ärztliche Gutachten, die Blick vorliegen, stützen Seidls Einschätzung. «Bis anhin dominierte eine Überforderung im Alltag, bedingt durch unfallkausale, hochgradige Einschränkungen», heisst es in einem Gutachten. Weiter schreibt die Ärztin: In der Vorgeschichte hätten weder ambulante noch stationäre psychiatrische Behandlungen stattgefunden. Damit ist die Zeit vor dem Unfall gemeint.
Eine andere Stellungnahme stammt direkt von einem beratenden Arzt der Elipse Life. Er spricht wegen der Unfallfolgen und der unfallfremden psychischen Erkrankungen von einer komplexen gesundheitlichen Problematik. Darin steht auch, dass der Endzustand nach der Rückenoperation noch nicht erreicht sei.
In einer weiteren Einschätzung heisst es, dass die Überlastungssituation bei Seidl in Zusammenhang mit ihrer existenziellen Notlage seit der Sistierung der Taggelder stehe.
Erneute Operation nötig
Am 17. Februar 2026 ergibt eine ärztliche Untersuchung den Verdacht, dass sich die Schrauben in ihrem Rücken gelockert haben. Dies kann Schmerzen verursachen, die in andere Körperteile ausstrahlen. Eine Woche später werden die Schrauben operativ entfernt. Für Seidl eine Erleichterung: «Das zeigt erneut, dass die Schmerzen eine Folge meines schweren Unfalls sind», sagt sie.
Seidls finanzielle Lage spitzt sich immer weiter zu. Für Essenseinkäufe und andere Auslagen erhält sie hin und wieder finanzielle Unterstützung aus dem Umfeld und von der Familie. Wegen dieser Geldeingänge auf ihrem Konto wurde aber ihr Sozialhilfegesuch abgelehnt.
Kurz vor ihrer Operation hat Seidl beim Solothurner Sozialversicherungsgericht gegen Elipse Life Beschwerde eingereicht.
Blick hat der Versicherung zu Seidls Fall mehrere Fragen zugestellt, die erst unbeantwortet bleiben. Auf Nachhaken heisst es dann, man sei zur Verschwiegenheit verpflichtet.
Die Solothurnerin hofft nun, dass das Gericht bald einen Entscheid fällt und sie sich auf ihre Gesundheit fokussieren kann. «Ich möchte wieder zurück ins normale Leben.»
*Name bekannt