Darum gehts
Zehn Dörfer und Weiler, knapp 500 Einwohnerinnen und Einwohner, verteilt übers ganze Tal von Disentis bis hinauf zum Lukmanierpass: Nirgendwo in der Schweiz ist das Leben so günstig wie in Medel (Lucmagn), der Kleingemeinde in der oberen Surselva im Kanton Graubünden. Eine Mittelstandsfamilie gibt hier gut 3000 Franken für Miete, Steuern und Krankenkassenprämie im Monat aus, zeigt eine Auswertung des Beobachters. Zum Vergleich: In der Waadtländer Gemeinde Commugny am Genfersee zahlt die gleiche Familie rund 7000 Franken.
«Das überrascht mich nicht», schreibt Xavier Wohlschlag, Gemeindepräsident von Commugny. «Wohnraum ist bei uns teuer, weil unsere Region attraktiv und nah bei Genf ist. Viele Expats leben hier, deren Arbeitgeber – oft internationale Organisationen in Genf – die teils überhöhten Mieten übernehmen.» Dazu kämen die hohe Steuerlast und die hohen Krankenkassenprämien im Kanton Waadt.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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In Graubünden machts die Kombi
Wo ist die Schweiz günstig? Und wo das Leben teuer? Um die Lebenskosten zu berechnen, haben wir die durchschnittliche Miete, die Steuerlast und die Median-Krankenkassenprämie in jeder Gemeinde miteinander verglichen. Einmal für eine Familie mit zwei Kindern. Sie wohnt in einer 4,5-Zimmer-Wohnung und nimmt im Jahr 150’000 Franken brutto ein. Und einmal für eine Einzelperson mit 100’000 Franken Bruttoeinkommen, sie lebt in 2,5 Zimmern.
Die Resultate sind bemerkenswert. Und die Unterschiede je nach Region und Gemeinde enorm.
Am günstigsten lebt es sich nicht nur in Medel, sondern generell in abgelegenen Bündner Tälern – und in der urbanen Zugerseeregion. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Im Bündner Oberland oder im Puschlav macht es die Kombi aus. Günstige Mieten von durchschnittlich weniger als 1300 Franken für vier Zimmer treffen auf moderate Steuern von rund 1000 Franken im Monat für die Familie und schweizweit unterdurchschnittliche Krankenkassenprämien.
In den Zuger Gemeinden Steinhausen oder Risch dagegen sind die Mieten rund doppelt so hoch, dafür die Steuern und Krankenkassenprämien derart tief, dass sie die hohen Wohnkosten wettmachen. So zahlt die Musterfamilie in Steinhausen gerade mal 178 Franken Steuern im Monat und keine 900 Franken für die Krankenkasse. Selbst in der Stadt Zug lebt es sich aus diesen Gründen günstiger als etwa in Biel, obwohl dort die Mieten nur halb so hoch sind. Denn im Berner Seeland sind die Steuern und Prämien deutlich höher.
Die Mietkosten haben wir anhand der Daten der Firma Fahrländer Partner Raumentwicklung berechnet. Sie wertete für jede Gemeinde die Miete für eine 4,5- (für die Familie) und eine 2,5-Zimmer-Wohnung (für die Einzelperson) aus. Die Zahlen zeigen die Netto-Marktmieten von Wohnungen und basieren auf effektiven Mietabschlüssen im Zeitraum vom Sommer 2024 bis zum Herbst 2025. Sie sind damit von reinen Angebotsmieten und von Bestandsmieten zu unterscheiden.
Für die Steuerbelastung haben wir für die Familie mit einem Brutto-Jahreseinkommen von 150’000 Franken gerechnet und einer Einkommensverteilung von 70/30 zwischen den Elternteilen. Bei der Einzelperson beträgt das Brutto-Jahreseinkommen 100’000 Franken. In beiden Fällen ohne Kirchensteuer und ohne Vermögen, jeweils für das Jahr 2025. Die Berechnung erfolgte über den Steuerrechner der Eidgenössischen Steuerverwaltung.
Bei den Krankenkassenprämien rechneten wir für jede Prämienregion die Medianprämie aus allen Angeboten von allen Kassen aus. Für Erwachsene mit einer Franchise von 300 Franken und ohne Unfallversicherung. Für Kinder mit einer Franchise von 0 Franken und mit Unfallversicherung.
Die Mietkosten haben wir anhand der Daten der Firma Fahrländer Partner Raumentwicklung berechnet. Sie wertete für jede Gemeinde die Miete für eine 4,5- (für die Familie) und eine 2,5-Zimmer-Wohnung (für die Einzelperson) aus. Die Zahlen zeigen die Netto-Marktmieten von Wohnungen und basieren auf effektiven Mietabschlüssen im Zeitraum vom Sommer 2024 bis zum Herbst 2025. Sie sind damit von reinen Angebotsmieten und von Bestandsmieten zu unterscheiden.
Für die Steuerbelastung haben wir für die Familie mit einem Brutto-Jahreseinkommen von 150’000 Franken gerechnet und einer Einkommensverteilung von 70/30 zwischen den Elternteilen. Bei der Einzelperson beträgt das Brutto-Jahreseinkommen 100’000 Franken. In beiden Fällen ohne Kirchensteuer und ohne Vermögen, jeweils für das Jahr 2025. Die Berechnung erfolgte über den Steuerrechner der Eidgenössischen Steuerverwaltung.
Bei den Krankenkassenprämien rechneten wir für jede Prämienregion die Medianprämie aus allen Angeboten von allen Kassen aus. Für Erwachsene mit einer Franchise von 300 Franken und ohne Unfallversicherung. Für Kinder mit einer Franchise von 0 Franken und mit Unfallversicherung.
Genferseeregion deutlich teurer als Zürich
Auch für Einzelpersonen sind das Bündner Hinterland und Zug finanziell am attraktivsten, wobei für sie die Steuerbelastung wichtiger ist und die Krankenkassenprämien weniger ins Gewicht fallen. Aus diesem Grund schaffen es bei den Singles auch einige Tessiner Gemeinden wie Giornico und Dalpe in der Leventina unter die Top Ten. Dank sehr tiefen Mieten von weniger als 800 Franken für 2,5 Zimmer und trotz den schweizweit sechsthöchsten Krankenkassenprämien von fast 600 Franken im Monat.
Am anderen Ende der Skala befinden sich die Gemeinden am unteren Genfersee – sowohl für Familien als auch für Einzelpersonen. Hier bilden hohe Steuern, hohe Krankenkassenprämien, vor allem aber die schweizweit mit Abstand höchsten Mieten einen Mix, den sich nur noch Wohlhabende leisten können. Rund um Genf kostet eine 4,5-Zimmer-Wohnung im Schnitt über 4000 Franken im Monat, und 2,5 Zimmer kosten fast 3000 Franken.
Für den Mittelstand ist die Miete wichtiger
Ob bei den Mieten, den Steuern oder den Krankenkassenprämien – schweizweit sind die Unterschiede in allen drei Bereichen erstaunlich gross. Eine Familie im Kanton Neuenburg zahlt fast zehnmal so viel Steuern wie im Kanton Zug. Und in der Stadt Bern jährlich 7000 Franken mehr als in Lugano. Je mehr jemand verdient, desto weiter öffnet sich die Schere. Von einer Einzelperson mit 500’000 Franken Einkommen gehen im schwyzerischen Freienbach gut 80’000 Franken an den Fiskus, in Trey im Kanton Waadt sind es fast 180’000 Franken.
Für den Mittelstand und für Geringverdiener, insbesondere für Familien, spielt die Miete aber häufig die wichtigere Rolle für die Gesamtrechnung. Oft gleicht der eine Faktor den anderen auch aus.
An den Vermieter – oder den Staat
«Wohnkosten und Steuerfuss beeinflussen sich gegenseitig», sagt Sebastian Schultze vom Wirtschaftsforschungsinstitut BAK Economics in Basel. Vermögende Leute ziehen an begehrte Lagen. Die Preise steigen, ebenso die Steuererträge. Dank den hohen Steuereinnahmen kann die Gemeinde den Steuerfuss senken. «Das zieht noch mehr Vermögende an, was die Preise fürs Wohnen noch weiter in die Höhe treibt.»
Ein Paradebeispiel dafür sind die Schwyzer Gemeinden Freienbach und Wollerau am oberen Zürichsee. Im Gegensatz zu diesen sind die Wohnkosten im Kanton Jura oder in Neuenburg tief, weil auch aus Steuergründen wenige reiche Leute in diese Kantone ziehen. So landet an einem Ort das Geld bei der Vermieterin, am anderen beim Staat.
Bei den Steuern ist der Kanton entscheidend
Regionen, wo die Steuern und die Mieten tief sind, liegen oft ab vom Schuss in Kantonen mit moderaten Steuern wie Graubünden, Tessin, Luzern und Wallis. Die Kombination aus Miet- und Steuerhölle findet sich vornehmlich in urbanen Regionen am Genfersee, etwas weniger ausgeprägt auch in Deutschschweizer Städten wie Zürich, Luzern, Basel und Bern.
Wie hoch die Steuerrechnung für den Mittelstand ausfällt, hängt stärker vom Kanton ab als von der Gemeinde. Er legt die Progression fest und die Abzüge, die eine Familie machen darf. Die Gemeinden bestimmen lediglich den Gemeindesteuerfuss. Trotzdem kann sich auch innerhalb eines Kantons ein Umzug lohnen, und zwar in eine Region mit tieferen Mieten, denn bei den Wohnkosten sind die Unterschiede grösser.
Wer etwa innerhalb des Kantons Zürich von der Tiefsteuergemeinde Küsnacht an der Goldküste in die Steuerhölle Fischenthal im Zürcher Oberland zieht, spart viel mehr dank der günstigeren Miete, als er oder sie bei der Steuerrechnung draufzahlt. Zieht hingegen eine Familie vom luzernischen Entlebuch über die Kantonsgrenze ins Emmental, ändern sich die Mietkosten kaum, die Steuerlast aber steigt stark.
Unterschätzte Krankenkassenprämien
«Ob die Steuern in einem Kanton hoch oder tief sind, hängt von vielen Faktoren ab», sagt Sebastian Schultze von BAK Economics. Etwa davon, wie hoch die Einkommen sind und wie stark die Wirtschaft ist. Wie viele Ältere und Junge in einem Kanton leben, wie gross dieser ist und wo er liegt. Aber auch die Politik spielt eine Rolle; zum Beispiel wie stark der Sozialstaat ausgebaut ist und wie viel Geld in Kultur und Bildung fliesst. «Das Zuger Tiefsteuermodell etwa lässt sich nicht einfach auf andere Kantone übertragen, weil dort die Bedingungen anders sind», sagt Schultze.
Ebenfalls gross sind die Unterschiede bei den Krankenkassenprämien. Sie kommen in der Diskussion um günstige und teure Wohnlagen oft zu kurz. Dabei fallen sie vor allem für Mittelstandsfamilien häufig mehr ins Gewicht als die Steuern. Eine Familie ohne Prämienverbilligung zahlt im Südtessin jährlich über 18’300 Franken für die Krankenkasse, im Aargau gut 14’400 und im Kanton Zug 10’700 Franken.
Ohne die Prämien wären für sie die Lebenskosten im Tessin und im Kanton Jura am tiefsten – und nicht im Bündner Oberland oder im Kanton Zug. Dabei zahlen die Tessiner nicht so viel, weil bei ihnen die Gesundheitsvorsorge speziell gut ist, sondern weil im Kanton viele ältere Menschen leben. Grosse Städte hingegen sind meist teureren Prämienregionen zugeteilt, weil dort das Arzt- und Spitalangebot grösser ist.
Familie und Gefühle sind ebenso entscheidend
Wie aber wirkt sich all das in der Realität darauf aus, wohin es in der Schweiz die Menschen zieht? «Die finanziellen Rahmenbedingungen spielen eine Rolle, wo jemand leben will und leben kann – und zwar für alle Einkommensschichten», sagt Sebastian Schultze. Sogenannt weiche Faktoren seien aber ebenso wichtig. Die Nähe zu Familie und Freunden, die Natur in der Umgebung, das Flair einer Stadt.
Claudio Simonet, Präsident der Günstig-Gemeinde Medel (Lucmagn), gibt zudem zu bedenken: «Steuern und Miete mögen bei uns tief sein. Dafür haben wir weite Wege für alles, im Winter hohe Heizkosten, und wir können nur wenig Dienstleistungen anbieten.»
Trotz Platz eins auf der Liste der günstigsten Wohnorte der Schweiz wird Medel am Lukmanier wohl eine Kleingemeinde bleiben. Und der Run an die Ufer der Seen in Genf, Zug oder Zürich wird nicht abnehmen.